Dienstag, 13. Juni 2017

Siegfried Wagners Opern - ist an allem Hütchen schuld?


Siegfried Wagner -nein, das ist nicht der Typ, der das Schwert aus dem Stein gezogen und den Drachen filetiert hat. Der Typ, dessen Schwert im Stein steckte, war König Artus von Britannien und das Schwert hieß Excalibur. Der Typ mit dem Drachen hieß zwar tatsächlich Siegfried und das Schwert war genau so eine Wundewaffe wie sein britischer Cousin, es nannte sich allerdings Notung und steckte nicht in einem jungen Felsen, sondern in einem ausgewachsenen Baum und herausgezogen hat es Siegfrieds Papa Siegmund, der gleichzeitig sein Onkel war (ja, ich weiß, das ist so eine Geschichte für sich).
Jedenfalls handelt es sich bei diesem Siegfried um eine reine Sagengestalt. Siegfried Wagners Papa hingegen hieß nicht Siegmund und hatte auch keine Lust, seine Schwester zu schwängern können (obwohl es durchaus Forscher gibt, die auch diese Möglichkeit durchleuchten), sondern war der Komponist Richard Wagner, und das wiederum ist nun ein Typ, dessen Opern, im Gegensatz zu denen, die Siegfried geschrieben hat, den meisten von uns wirklich bekannt sein dürften: Unter anderem schrieb er mit dem Ring des Nibelungen einen Opernzyklus, der ihn reich gemacht hätte, wäre er nach komponierten Stunden bezahlt worden.
Nun kommt der oben genannte Drachentötersiegfried im Ring durchaus vor und es ist ganz bestimmt kein Zufall, dass der einzige Sohn Richard Wagners ausgerechnet diesen Namen trägt, aber da hört der Vergleich auch schon auf. Den meisten Lesern raucht an dieser Stelle wohl ohnehin schon der Kopf.
Siegfried Wagner war in einem Haushalt voller Tiere aufgewachsen, in seiner Jugend hatte einmal ein Vogel den gesamten Hausstand gerettet (der ansonsten relativ launische Papagei Gockel rief, als Einbrecher versuchten, die Villa Wahnfried um ein paar ihrer Schätze zu erleichtern, so lange nach dem Hausmädchen, bis der ganze Laden wach war und die Diebe in die Flucht schlagen konnte). Ich bezweifle also, dass er es fertig gebracht hätte, einfach so eine sprechende Echse abzumurksen.
Ob er singen konnte wie Siegfried mag ebenfalls bezweifelt werden. Wagnersänger, besonders Siegfrieddarsteller, haben mit einer Kombination von Anforderungen zu kämpfen, die an meine Vorstellungen beim Friseur erinnern („Also ganz kurz und so, dass sie mir nicht ins Gesicht fallen können, am besten durchgestuft, aber ich will mir trotzdem noch einen langen Zopf machen können, also müssen die Deckhaare gleich langbleiben... und dann den Ansatz nachfärben, aber so, dass der Rest wie der Ansatz wird, nicht umgekehrt...“ ). Sie müssen nämlich ganz jung und hübsch sein, aber die Stimme eines alten Hasen haben, mit viel Kraft auf der Bühne umherspringen, dabei aber nicht nachatmen müssen, naja, eben so etwas sein, wie ein ganz super bequemer Killer-Stiletto, in dem man festen Halt hat und den ganzen Tag herumlaufen kann, der aber den Fuß optisch verschlankt, weshalb er quasi kaum Riemchen haben darf...
Naja, Aussagen über Siegfried Wagners verweichlichtes Wesen widersprechen diesen Anforderungen an einen harten Schwertschwinger mit Donnerstimme, allerdings muss man auch bedenken, dass diese Aussagen von Leuten wie Joseph Goebbels stammen und sich möglicherweise auch auf die Gerüchte über Siegfried Wagners Homosexualität beziehen. Goebbels jedenfalls mäkelte über die schwächliche Natur des Musikers („so schlapp“). Man möchte am liebsten rufen „Guck dich doch mal selber an, du Lusche!“, denn einen He-Man-Lookalike-Wettberwerb hätte auch der ehemalige Reichspropagandaleiter nicht gewonnen. Mal ehrlich: Der sah doch ein Leben lang so aus, als würde er sich ausschließlich von Zitronensaft ernähren und danach, um kein Fett anzusetzen, eine Runde um den Block laufen. Um Herrn Goebbels Musikgeschmack zu entsprechen, hätte der Wagnersohn seinen Opernbetrieb vielleicht besser in "Siggi and his Orchestra" umbenennen sollen, wobei der Wagnerbetrieb  erst dann zu Propagandazwecken eingesetzt wurde, als besagter Siggi längst nicht mehr lebte. Es hätte also auch nicht allzuviel gebracht.

Zurück zur Musik und zu den Opern: Siegfried Wagner wird gerne mal mit Engelbert Humperdinck in einen Topf geworfen (dem spätromantischen Komponisten, nicht dem Schnulzensänger mit dem Schnauzer, der sich in Deutschland auch nicht Humperdinck nennen darf, weil sich der Humperdinck-Familie bei der Vorstellung das Erbe ihres Ahnen mit Songs in Verbindung zu bringen, bei dem sich selbst die Flippers die Ohren zuhalten, dermaßen die Fußnägel aufrollten, dass sie eine gerichtliche Verfügung erwirkten) . Beide, Humpi wie Siggi, sind für ihre Märchenopern bekannt und beide hatten enge Beziehungen zu Richard Wagner. Ob nun als Assistent oder als Sohn.
Denkt man an Humperdinck, fällt einem zunächst die Märchenoper Hänsel und Gretel ein. Dann vielleicht Schneewittchen oder Dornröschen. Dabei ist die Auswahl ebenso groß wie die verwendeten Kindergeschichten.
Auch Siegfried Wagners Opern sind vorwiegend Märchenspiele. Da er, wieschon sein Vater, die Libretti selbst verfasste, gab es bei ihm allerdings zahlreiche Abwandlungen oder (wie beispielsweise bei An allem ist Hütchen schuld) auch Vermischungen der Märchen und Figuren untereinander. Wie es ankam? Ein bisschen wie ein gemischter Eisbecher: Manches wurde in der Luft zerrissen, andererseits gab es ausverkaufte Vorstellungen und sogar ganze Siegfried-Wagner-Festspiele. Friedelind, seine älteste Tochter berichtet beispielsweise von einer solchen Veranstaltung.
Überhaupt Friedelind wieder... das Enfant Terrible des Denver...Verzeihung...Wagner-Clans fand die Titel von Siegfrieds Opern (An allem ist Hütchen schuld, Das Flüchlein, das jeder mitbekam, Banadietrich...) so lustig, dass sie sich einer Tages bei der Generalprobe zu den Bayreuther Festspielen hinter die Bühne schlich (was keine große Leistung war, als Tochter des Festspielleiters und Enkelin Richard Wagners durfte sie sich auf dem Gelände bewegen wie sie wollte) und mitten in die Probe hineinrief „Meines Vaters nächste Oper heißt Der Kuhwedel!“ . Vertändlich, dass die Probe damit erst mal gelaufen war. Nachdem sich die Darsteller von ihrem Lachanfall erholt hatten, wurde Friedelind in den Garten begleitet und hatte für den Rest des Tages Festspielhausverbot.
Aber wollten wir nicht eigentlich zu den Opern zurückkehren?
Ja, wer heute versucht „Siegfried Wagner“ und das Stichwort „Oper“ zu googlen, der wird nicht etwa Materialien zu Opern Siegfried Wagners finden, sondern sehr viel Blabla über die Oper Siegfried von Wagner. Irgendwie sind die Worte ja dieselben, aber die Stellung macht da doch den Unterschied und verrät, wessen Opern die populäreren sind. Siegfried Wagners Opern findet man heute nicht mal als vollständige Aufnahmen, was eigentlich ein Jammer ist, denn wenn man bedenkt, dass der gute Siggi ein Leben führte, das er so vermutlich nicht hatte führen wollen.
Er war ja, wie erwähnt, eigentlich homosexuell, musste aber irgendwann dann doch heiraten und eine Familie gründen: Erstens um den Gerüchten um sein Sexleben ein Ende zu setzen und zweitens um einen Erben für die Festspielleitung zu zeugen. Zwar hatte er eine Handvoll Schwestern, die den Job mit den Erben hätten übernehmen können, aber das ließ die Frau Mama nicht zu. Cosima Wagner, von jeher nicht für ihre Harmoniesucht und Wankelmütigkeit bekannt (was wieder ein Kapitel für sich ist, die gute Dame hatte es ja auch nicht immer leicht), ließ weder eine ihrer Töchter die Festspiele führen (und das, nachdem sie den Job nach dem Tod ihres Mannes jahrelang selbst gemacht hatte und somit wusste, dass eine Frau, zumal eine Wagner, das durchaus drauf hat), noch akzeptierte sie eines der Kinder ihrer Töchter als Erben des Wagner-Imperiums. Und nachdem jeder Mann weiß, dass man bei Streitereien mit Mutti stets den Kürzeren zieht (immerhin wohnte Siegfried mit fast 50 Jahren noch bei Mama in der Villa Wahnfried, was will man dazu noch mehr sagen...) , suchte er sich eine Frau (die 30 (!) Jahre jünger war als er und ihm trotzdem in Wahnfried binnen kürzester Zeit das Szepter aus der Hand nahm) und setzte vier Kinder in die Welt. Vier Kinder, die er unterstützte und liebte, auch als er mit seiner Frau und ihrem Hitler-Spleen („Winifred macht alles kaputt, was ich aufgebaut habe“) nicht mehr allzuviel am Hut hatte und sich wieder seinen Hausfreunden zuwandte, mit denen er wohl erheblich besser klarkam.
Unter diesen Umständen werden die Märchen von Flüchen, die einen ständig verfolgen, von Menschen, die sich verwandeln müssen und von Kobolden, die einem immer wieder ein Bein stellen, weit weniger kindlich. Und wenn man sich dann noch mit der Idee auseinandersetzt, dass er sich seine Libretti selbst so hinschusterte, wie sie ihm dann eben am ehesten entsprachen und von seinem Papa, was die kompositorischen Fähigkeiten und auch Stile betrifft, weit mehr mitbekommen hat, als gemeinhin verbreitet wird, dann wachsen diese Märchenopern über die Kinderzimmerromantik hinaus und werden zu etwas, das man sich ansehen und anhören sollte. Wenn man sie denn jemals vollständig findet.
 ja, es wird zunehmend wärmer. Die älteste unter meinen Katzen sucht sich immer die kreativsten Schattenplätze. Meist liegt sie unter dem Rhododendron auf dem nächsten Bild
 Tja, und auch wir sind in der letzten Zeit wieder fleißig dabei und haben in diesem Jahr bereits dopelt so viele Auftritte hinter uns gebracht, wie im selben Zeitrahmen im Jahr zuvor.


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