Dienstag, 6. Juni 2017

Das Festspielhaus - ein Traum aus Nibelheim




Nur 5 Wochen im Jahr wird es bespielt: Das Bayreuther Festspielhaus, Geisteskind eines der bedeutendsten Komponisten Europas und einer der außergewöhnlichsten Theaterbetriebe überhaupt.
Privattheater mag es viele geben, Kasperletheater auf Kinderfesten zählen dazu oder auch das Projekttheater in Dresden, mit über 3000 m² bebauter Grundfläche und Baukosten in Höhe von 428.384,09 Mark (was in etwa 3,29 Millionen Euro entpricht), die teilweise aus der Privatschatulle des Bayernkönigs Ludwig II, bezahlt wurden, nimmt das Festspielhaus jedoch eine absolute Sonderstellung ein. Auch die Tatsache, dass Wagner von Anfang an plante, nur seine eigenen Werke auf die Bayreuther Bühnen zu bringen, ja im Grunde seine Vorstellung eines Gesamtkunstwerkes in die Architektur der Hauptbühne, sowie der Unter- und Hinterbühnen und der gesamten Bühnenmaschinerie hineinarbeitete, so dass man neben Musik, Text und Darstellung auch die Architektur des Aufführungsraumes mit zu den Parametern des Gesamtkunstwerkes zählen kann, ist einzigartig bei einem Projekt dieser Größenordnung.

Wagners Opern waren nicht nur die einzigen, die auf dieser Bühne gespielt werden durften (laut seines Testaments fiele das Erbe -damit meinte er den Festspielbetrieb- sofort an die Stadt Bayreuth, sollte ein Mitglied seiner Familie, das ebenfalls laut Testament den Betrieb quasi auf immer und ewig leiten sollte) dieser Anweisung keine Folge leisten und einen „Fremdkomponisten“ zulassen, im Gegenzug durfte die als „Bühnenweihfestspiel“ konzipierte Oper Parsifal auch auf keiner anderen Bühne außerhalb Bayreuths gespielt werden.
Was das Repertoire an sich betrifft: Erste Pläne, ein eigenes Theater zu bauen, entstanden, wie aus Briefen zwischen Wagner und Franz Liszt hervorgeht, bereits in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts; Zum Zeitpunkt der tatsächlichen Planung (damals noch als Teil eines Kultursnobviertels an den Isarauen in München) hatte Wagner gerade mal vier Opern im Programm, mit denen er sein Theater hätte bespielen können: Rienzi, Lohengrin, Der fliegende Holländer und Tannhäuser. Seine Frühwerke hatte er selbst nicht für Bayreuthwürdig befunden, Parsifal und der Ring befanden sich noch in der Phase der Opernfamilienplanung. Bedenkt man, dass das stark abgespeckte Bayreuther Gebäude bereits annähernd 2000 Sitzplätze bietet,und München (das damals gerade mal 180000 Einwohner hatte) um einiger größer konzipiert war, fragt man sich schon, wie er gedachte, die Bude vollzubekommen.
Man kann Wagner also viel vorwerfen, mangelndes Selbstbewusstsein, fehlende Ausdauer oder der Mut, seine Träume in die Tat umzusetzen, mag es auch noch so lange dauern, gehören jedenfalls nicht dazu.

Wie bereits erwähnt, sieht Wagners Testament eine Führung der Festspiele in Familienhand vor. Und tatsächlich wird das Theater seit dem ersten Tag von seiner Familie geführt.
Auch dies ist ein Alleinstellungsmerkmal, auch wenn das Festspielhaus der Familie theoretisch nicht mehr gehört und mittlerweile lediglich angemietet ist. Laut Gesetz sind weder die Festspiele als Kulturereignis noch die Opern selbst in irgendeiner Form Eigentum der Wagnerfamilie, auch Parsifal darf nach Ablauf der Urheberrechte nun „außer Haus“ gespielt werden; da die Tradition unter Wagnerianern allerdings hoch gehalten wird (auch wenn sich der Familienbetrieb im Dritten Reich unter Siegfrieds Witwe Winifred bekanntlich nicht mit Ruhm bekleckerte und auch die Erbfolge ein wenig freier auslegte, als beispielsweise Siegfried es festgelegt hatte – die Geschichte mit Friedelind habe ich ja bereits hier abgehandelt), dürfte mit einer Lockerung dieser Traditionen in den nächsten Jahrtausenden vermutlich nicht zu rechnen sein. Lediglich die Idee, die Leitung der Festspiele auf Lebenszeit auf den Erben zu übertragen, hat sich nicht länger gehalten.
Wennauch der Wagner-Clan die Dinge nicht so demokratisch zu regeln scheint, wie man es sich wünschen möchte, so ist doch zumindest das Theater nach eben diesen Grundsätzen aufgebaut. Ein Griechisches Amphitheater war Vorbild für das gleichmäßig ansteigende Parkett, schnörkelloses Design zeichnet die Räume aus, Holzverkleidung, fehlende Polster und Stoffbehänge schlucken nichts vom Klang, der sich im Bayreuther Festspielhaus tatsächlich so ganz anders verhält wie in einem damals üblichen Theaterbau.
Das Vorbild eines Amphitheaters wurde vom Revolutionär und überzeugten Demokraten Wagner nicht zufällig gewählt: Immerhin handelt es sich bei den Griechen um die „Erfinder“ der Demokratie. Ebenfalls dem antiken Griechenland entstammt die Festspielidee als solche: Griechische Theateraufführungen wurden übermehrere Tage hinweg abgehalten, die Vorstellungen begannen am Nachmittag, standen untereinander in Verbindung und beinhalteten lange Pausen, in welchen das Publikum etwas essen und sich in Ruhe über das Gesehene unterhalten konnte.

Ein Tag im Theater entspricht auch dem, was man in Bayreuth erlebt. Frühe, dafür Stunden andauernde Vorstellungen, lange Pausen, Erfrischungen, Gespräche unter freiem Himmel (und wenn es das Wetter einmal nicht zulässt, so ist die Decke im Festspielhaus so bemalt, dass man sich zumindest vorstellen kann, im Freien zu sein). Und eine unvergleichliche Atmosphäre.

Nicht zuletzt der verdeckte Orchestergraben, der eine Tiefe von bis zu 12 Metern erreicht und vom Publikum nicht eingesehen werden kann (gerüchteweise verlautet, die Musiker würden teilweise in Shorts und Badelatschen spielen, wer soll es auch sehen), trägt zu diesem Klangerlebnis bei. Unter zwei unterschiedlich hohen Abdeckungen (eine von Publikumsseite und eine von der Bühne aus) entwickelt sich der Schall auf eine ganz eigene Weise, ehe er schließlich wie aus dem Nichts heraus nach oben steigt. Dieser einzigartige Orchestergraben trug nicht unwesentlich zur restlichen Raumplanung bei, da Wagner um jeden Preis verhindern wollte, dass er doch noch von irgendeiner Seite aus eingesehen werden konnte. Das Parkett ist daher vergleichsweise schmal gehalten, zu weit seitlich angebrachte Sitze würden Einblicke in den Graben und die sich stetig weiter entwickelnde Bühnenmaschinerie gewähren.

Auch eben diese Maschinerie entsprach zur Bauzeit dem höchsten Standard, denn Wagners Szenen spielen sich unter Wasser, in Luftigen Höhen, auf Schlachtfeldern oder in von Drachen bewohnten Wäldern ab. Seilzüge und doppelte Böden gab es bereits seit den Tagen des Barock, mittlerweile wurde dergestalt aufgerüstet, dass nur noch die Grundmauern des Unterbühnenbaus dem Originalzustand entsprechen. Dafür kann man nun die Bühne vollelektronisch nach unten öffnen und so Personen, Rauch und allerlei Effektmaterial quasi aus dem Nichts erscheinen lassen.
Für die Musiker ist es ein Engagement in Bayreuth natürlich prestigeträchtig, weshalb die Gagen für die Musiker auch entsprechend moderat gehalten werden. Wem es nicht gefällt, der kann gehen, der Skandal um das Nazi-Tattoo des Sängers Evgeny Nikitin im Jahr 2012 zeigt, wie schnell und einfach man an einen Ersatz für selbst die anspruchsvollsten Titelrollen kommen kann. In Bayreuth will quasi jeder schon einmal gesungen haben. Nach den Festspielwochen ist die Saison zu Ende, die Sänger werden in die Freiheit entlassen, wo sie von ihren jeweiligen Bewährungshelfern (im Fachjargon auch „Agenten“ genannt) in Empfang genommen werden, und das Orchester ist keines mehr. Auch das kommt erst zu den Proben im Folgejahr wieder zusammen. Wer dann wieder dabei ist, darf stolz sein und sich einen Lolli holen.
Es ist wohl Richard Wagners umstrittener, aber unbestreitbar herausragender Persönlichkeit und der daraus resultierenden Bekanntheit des Festspielhauses zu verdanken, dass die Karten für die Festspiele so schwer zu beschaffen sind: Wartezeiten von zehn Jahren sind keine Seltenheit, dabei hatte Wagner eigentlich geplant, seine Opern jedermann zugänglich zu machen. Status sollte kein Hindernis sein, was sich auch auf die Kartenpreise auswirkte, die auch heute noch überraschend niedrig sein können. Können. Es sei denn, man kauft sie auf der grünen Wiese, wo die Nachfrage den Preis bestimmt. Wagners Leben, das zwischen dem Ideal einer fairen Gesellschaft und der Abhängigkeit von reichen Mäzenen hin und herpendelte, zeigt seine Spuren also auch in diesem Gebäude.

 Jup, die können wirklich überall schlafen. Könnte ich aber auch. Ich hab nur nicht die Zeit dazu und es käme auch etwas unpassend, wenn ich mich dazu bei anderen Leuten auf den Schreibtisch legen würde.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen