Sonntag, 8. Januar 2017

Mal ein bisschen Theorie - Modi / Kirchentonarten



Nachdem ich nun eine ganze Weile nicht gebloggt habe, bin ich gebeten worden, doch ein paar Erklärungen zum Thema Musiktheorie zu machen. Diese Idee greife ich gerne auf und möchte heute etwas über die sogenannten Kirchentonarten (Modi) bloggen.
Im Gegensatz zu den vorherigen Einträgen handelt es sich also nicht um eine Meinung oder eine Anekdote, sondern um eine (hoffentlich verständliche) Erklärung zu einem Theoriethema.
Die Modi sind ein umfassendes Thema, der Post ist daher lang und beiweitem nicht fertig. Es wird also vermutlich einen weiteren Teil mit zusätzlichen Anmerkungen geben, der vermutlich auch die Klauseln und die Frage nach dem Erkennen durch Hören beinhalten wird.
Kommen wir heute aber zu den Grundsätzen der Kirchentonarten:

Modi / Kirchentonarten

Fakten:
Der Name Kirchentonarten ist irreführend und wird heutzutage selten verwendet. Zugegeben, ursprünglich ging die Musiknotation in unserem Kulturkreis von der Kirchenmusik aus (da hier auch der mehrstimmige Satz entstand, der eine Festlegung der Töne notwendigmachte, damit nicht jeder singt, wie er will, und ein Choral klingt wie Freejazz), aber auch in der weltlichen Kunstmusik wurden diese Skalen verwendet.
Die Bezeichnungen der Modi entstammen dem Griechischen, haben aber mit den tatsächlichen alten griechischen Skalen nichts zu tun. Antike griechische Tonleitern verliefen nämlich von oben nach unten, statt wie unsere von unten nach oben. 
Statt – wie heute- mit 2 Tongechlechtern (Dur und Moll) zurechtkommen zu müssen (alle anderen Tonarten (F-Dur, D-Dur, Fis-Dur...) sind nur nach oben oder unten verschobene „Klone“ dieser beiden Modi), hatten die Komponisten der Renaissance (und zum Teil auch des Barocks) die Wahl zwischen mehreren Tongeschlechtern:

Dorisch
Phrygisch
Lydisch
Mixolydisch
→ Das sind die authentischen Modi

Hypodorisch
Hypophrygisch
Hypolydisch
Hypomixolydisch
→ Das sind die davon abgeleiteten plagalen Modi

Dazu kamen später
Ionisch
Äolisch
→ Das sind die Modi, die wir heute unter der Bezeichnung Dur und Moll kennenlernen

Im Jazz verwendet man auch:
Lokrisch

Diese Tonleitern beginnen auf unterschiedlichen Tönen:
Modus
Grundton
Zusatzinfo
Dorisch
d

Phrygisch
e

Lydisch
f

Mixolydisch
g

Äolisch
a
Heutiges Moll
Lokrisch
h
Keine ursprüngliche Kirchen-, sondern eine später abgeleitete, hauptsächlich im Jazz verwendete Tonart
Ionisch
c
Heutiges Dur

Zählt man die plagalen Tonarten zusammen, so ergeben sich insgesamt 7 Tonarten, jeder Grundton der Stammtonreihe wäre somit abgedeckt.
Wodurch unterscheiden sich nun die Modi?
Nur durch den Anfangston?

Grundsätzlich könnte man davon ausgehen, dass der Anfangston der herausragende Unterschied zwischen den Modi ist, schließlich unterscheiden sich ja auch z.B. C-Dur und D-Dur durch den Anfangston, bleiben aber sonst von den Tonabständen her gleich. Aber genau das, also die Tonabstände, sind der entscheidende Punkt bei der Unterscheidung der Modi.

Über die Stammtonreihe wissen wir folgendes:
Die Halbtonschritte liegen immer zwischen den Tönen e/f und h/c.



Beginnt nun eine Tonleiter auf c, so ergeben sich folgende Halbtonschritte:

1. Ton
2
3
4
5
6
7
8
c
d
e
f
g
a
h
c

Unsere Halbtonschritte liegen also zwischen dem 3. und dem 4. Ton, sowie zwischen den Tönen 7 und 8.

Beginnen wir mit d, was der dorischen Tonleiter entspricht, so ändert sich das Bild:

1. Ton
2
3
4
5
6
7
8
d
e
f
g
a
h
c
d

Die Töne e/f, sowie h/c mit ihren halbtonschritten liegen nun zwischen dem 2. und dem 3., sowie dem 6. und dem 7. Ton.

Dasselbe für die phrygische Leiter mit Anfangston e:

1. Ton
2
3
4
5
6
7
8
e
f
g
a
h
c
d
e

Hier liegt der erste Halbtonschritt bereits bei 1 / 2. Das ist übrigens der Grund, weshalb der Halbtonschritt nach oben am Ende einer Phrase auch als phrygische Wendung bezeichnet wird.

Auf diese Weise können wir alle Modi durchmachen und erhalten am Ende folgende Halbtonschritte (lokrisch kommt nur im Jazz vor und fehlt deshalb in der Liste):
Modus
dorisch
phrygisch
lydisch
mixolydisch
äolisch (Moll)
Ionisch (Dur)
Grundton
d
e
f
g
a
c
HalbTS
2/3, 6/7
1/2, 5/6
4/5, 7/8
3/4, 6/7
2/3, 5/6
3/4, 7/8


Was sind nun diese plagalen Modi?
Was bringt das Hyper-, wo wir doch schon für jeden Ton der Stammtonreihe eine Tonleiter haben?

Die Modi, oder Kirchentonarten, bestimmen sich nicht alleine durch ihren Grundton (der übrigens nicht nur Anfangs-, sondern auch immer der Schlusston ist und deshalb auch „finalis“ genannt wird).
Auch der Ambitus, also der Tonumfang vom tiefsten bis zum höchsten Ton war durch die Art zu singen ziemlich eingeschränkt.
Ebenfalls typisch für diese Tonarten wäre beispielsweise die sogenannte Repercussa, der Ton, der immer wieder wiederholt wird und bei Gregorianik manchmal ein bisschen den Eindruck eines Rezitativs oder gar Sprechgesanges hinterlässt.

Weitere Tonarten bringen also zunächst ganz einfach eine Erweiterung des Tonraumes. Die plagalen Tonleitern beginnen jeweils auf der Unterquarte der authentischen Tonart.
Dorisch beginnt also auf d, Hypodorisch auf der Quarte darunter, somit also auf a.
Finalis bleibt allerdings das d der authentischen „Muttertonart“, daher unterscheidet sich das Hypodorische trotz des gleichen Anfangstons vom Äolischen (also von a-Moll).
Die Repercussa liegt gemeinhin eine Quinte über dem Grundton der authentischen Tonart.
Bei den plagalen Modi liegt er eine Terz unter der authentischen Repercussa.
Eine Ausnahme bietet der phrygische Modus,dessen authentische Repercussa eine Quarte über dem Grundton liegt, um den Ton h als Repercussa zu vermeiden. Die Sache mit dem h ist auch der Grund dafür, dass es keinen „echten“ (also alten) lokrischen Modus gibt. Warum das so ist, können wir gerne direkt klären, hier würde es den Rahmen sprengen.

Neben der Finalis gibt es übrigens auch eine Confinalis, auf dem ein in einer Kirchentonart abgefasstes Stück ebenfalls enden kann. Sie liegt bei den authentischen Tonarten eine Quinte oder Sexte über der Finalis. Viele Musiklehren beschränken sich heute aber auf die wichtigere Finalis und die Repercussa.


Haben die Modi denn auch Vorzeichen? Wenn ja, gibt es so etwas wie f-Dorisch oder e-Lydisch?

Um es kurz zu machen: Ja. Und ja.
In der älteren Musik wurden relativ wenige Vorzeichen gesetzt, aber natürlich erweiterte sich das Spektrum im Laufe der Zeit.

Versetzungszeichen (im Unterschied zu Vorzeichen, die vorne zu Beginn der Notenzeile stehen und sich auf das gesamte Stück beziehen, gelten Versetzungszeichen nur für den Takt, in dem sie stehen) wurden häufig gar nicht erst notiert, da man davon ausging, dass die Sänger wussten, wann sie einen Halbton höher oder tiefer zu singen hatten.
In einigen Notenausgaben findet man daher Versetzungszeichen nicht vor der Note selbst, sondern über der Notenzeile. Solche Anmerkungen stammen nicht vom ursprünglichen Komponisten, sondern vom Verleger, der uns die Sache erleichtern möchte.

Solche Veränderungen um einen halben Ton findet man gerne in typischen Schlusswendungen.
Am Ende eines Abschnittes „schließt“ sich das Ganze, um einen harmonischen Schlussklang zu erzielen. Schließen heißt im Lateinischen Clausula, weshalb solche Schlusswendungen auch als Klauseln bezeichnet werden. Typisch ist beispielsweise die Sopranklausel, die einen Halbton nach oben in den Grundton (Finalis) geht. In solchen Fällen werden Versetzungszeichen gebraucht.

Die Vorzeichen, die für das gesamte Stück (oder bis zu ihrer Auflösung) gelten, kann man relativ leicht bestimmen, wenn man den Quintenzirkel kennt.
Im Quintenzirkel finden sich nämlich nicht nur die Vorzeichen für Dur (Ionisch) und Moll (Äolisch), sondern eigentlich auch die für alle anderen Modi.
Der Witz dabei ist, zu erkennen, dass die Grundtöne aller Modi im Zirkel stehen und man von dort aus bequem abzählen kann, wann wo wie viele Vorzeichen stehen. Im Grunde machen wir ja auch bei Dur oder Moll nichts anderes. 


Versuchen wir es einmal mit dem altbekannten Ionischen Modus, also Dur:
Der Grundton der Ionischen Leiter ist das C, also hat C-Ionisch kein Vorzeichen. 
Für jedes Kreuz wandern wir nun einen Schritt weiter nach rechts, also im Uhrzeigersinn.
Der erste Schritt wäre also G-Ionisch. Und weil wir einen Schritt gemacht haben, hat G-Ionisch ein Kreuz (Das stimmt mit dem Quintenzirkel in Dur also komplett überein).
2 Schritte weiter: D-Ionisch (D-Dur) → # #
3 Schritte: A-Ionisch (Dur) → ###
u.s.w.


Nun mal schnell in die Gegenrichtung: Ein b für jeden Schritt nach links:
1 Schritt: F-Ionisch → b
2 Schritte: B-Ionisch → bb
3 Schritte: E-Ionisch → bbb

Und in Moll? Also Äolisch?

Nach rechts:
1 Schritt: e-Äolisch → #
2 Schritte: h-Äolisch → ##
3 Schritte: fis-Äolisch → ###

nach links:
1 Schritt: d- Äolisch → b
2 Schritte: g- Äolisch → bb
3 Schritte: c- Äolisch → bbb
und immer so weiter.
Diese beiden Varianten (Ionisch und Äolisch) haben die meisten Musikschüler wahrscheinlich ohnehin irgendwann mal auswendig gelernt.

Was mache ich, wenn ich z.B. ein b als Vorzeichen habe? Dann kann ich ja schlecht ein # zufügen, oder?

Ein b kommt hinzu, wenn ich eine Quinte nach unten zähle (z.B. von c aus zum f ).
Ein # kommt hinzu, wenn ich eine Quinte aufwärts zähle.
Ein b und ein # lösen sich also gegenseitig auf.
Ein # mehr bedeutet dann eben ein b weniger.
Und wie ist das nun mit z.B. Dorisch?

Ganz genauso. Dorisch beginnt auf dem Ton d, also hat d-dorisch keine Vorzeichen.
Gehen wir nach rechts haben wir zunächst a-dorisch und somit ein #.
2 Schritte: e-dorisch → ##
3 Schritte: h-dorisch → ###
und so weiter.

Entgegen dem Uhrzeigersinn stoßen wir zunächst auf g (b), dann auf c (bb), f (bbb), b (bbbb) und so weiter, bis die bs aus Platzmangel aus dem System fallen.

Muss ich das können?

Da man nie ausschließen kann, so etwas in irgendeiner Klausur gefragt zu werden: Ja!
Aber wir können es ja auch einfach einmal ausprobieren:
Welche Vorzeichen hat beispielsweise
a) c-phrygisch?
b) c-lydisch?
c) a-mixolydisch
d) f-dorisch?


Lösungen:
a) bbbb
b) #
c) ##
d) bbb


Wenn ich auch Dur und Moll einfach abzählen kann, wozu muss ich dann den Quintenzirkel in diesen Tongeschlechtern auswendig lernen?

Musst Du nicht. Im Grunde genügt es, sich klarzumachen, dass man vom vorzeichenlosen Grundton aus für jede Quinte nach oben ein # und für jede Quinte nach unten ein b dazuzählen muss.
Da aber der Hauptteil unserer Musik aus Dur- und Molltonarten besteht, ist es ganz einfach praktisch, diese beiden Zirkel im Kopf zu haben. Da geht es um die Geschwindigkeit und das Ausschließen von Fehlerquellen.


Gibt es eine weitere Möglichkeit, die Vorzeichen der Modi zu bestimmen?

Ja, die gibt es. Dazu zählst Du ganz einfach die Ganztonschritte, die zwischen den Modi und der Dur-Tonleiter liegen.
Dorisch beginnt einen Ganztonschritt über C-Dur. Beide haben keine Vorzeichen.
A-dorisch liegt einen Ganztonschritt über G-Dur. Und G-Dur hat ein #, also hat a-dorisch auch ein Kreuz. Auf diese Weise kann man ganz gut zurechtkommen.
Bei Dorisch ist dies auch noch einigermaßen einfach, aber Lydisch liegt beispielsweise 2 Ganztonschritte und einen Halbtonschritt über C-Dur. Wer noch nicht so ganz fit ist und nicht direkt aus dem Kopf sagen kann, ob nun zwischen f und a beispielweise eine große oder eine kleine Terz liegt, der kann sich bei diesem System schneller mal verhauen. Im Grunde ist es aber Dir selbst überlassen. Nimm ganz einfach die Version, in der Du dich am sichersten fühlst.


 Wie man sieht, gibt es derzeit wieder ein paar Aufnahmen. Und ja, wenn ich mich konzentriere, sehe ich zum fürchten aus :D


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