Dienstag, 10. Januar 2017

Akkordbestimmung und Kadenzen, Grundverständnis


Und weiter geht es in der Theorie. Heute beschäftigen wir uns mal mit Akkorden und ihren Verdrehungen.

Akkordbestimmung und Kadenzen, Grundverständnis

Unsere westliche Musik ist auf ein System aus Akkorden aufgebaut, von denen die wichtigsten miteinander verwandt sind. So wie man über die Mutter, den Vater oder sonstwen enger oder näher verwandt sein kann, können Akkorde, Töne oder ganze Tonarten über Quinten miteinander verwandt sein. Diese Quintverwandtschaften treffen wir aber auch an jeder Ecke an. Im Quintenzirkel, in Quintfallsequenzen, in Dreiklängen (in der Grundstellung bilden der unterste und der oberste Ton eine Quinte)... es ist ein bisschen so wie in der Stadt, in der ich einmal gewohnt habe, in der jeder zweite Betrieb und auch sonst jeder, der etwas auf sich hielt, den gleichen Nachnamen trug. Fast schon inzestuös, dieses Tonsystem, vielleicht hat es ja auch gerade deshalb ein paar seltsame Auswüchse, aber im Grunde hat man schon mal einen ganz guten Stand, wenn man ein paar Leute aus der Familie kennt und im Notfall heranziehen kann.
Quinten schnell zu erkennen, hat also definitiv Vorteile.

Mit nur 3 quintverwandten Akkorden haben wir beispielsweise schon alle Töne einer bestimmten Tonart abgedeckt und diese damit eindeutig bestimmt:

  1. Die I. Stufe einer Tonart, in der Funktionstheorie auch Tonika genannt, liefert beispielsweise bereits den Grundton, sowie die dazugehörige Terz und die Quinte. Bei C-Dur wären das beispielsweise c, e und g)
  2. Die Subdominante (sub = unten, denkt an Subway oder Submarine) befindet sich eigentlich eine Quinte unter der Tonika. Bei C-Dur wäre das der Akkord, der 5 Töne unterhalb des c, also bei f beginnt. Die Töne des Dreiklangs wären somit f,a und c (das c ist ein gemeinsamer Ton dieser beiden Akkorde). Da die meisten Instrumente irgendwann zu Ende sind, können wir uns nur leider nicht endlos in alle Richtungen aubreiten. Deshalb hat man sich darauf geeinigt, das nächsthöhere f zu nehmen, das eine Quarte oberhalb der Tonika liegt und den Akkord darauf genauso aufzubauen (f,a,c). Die Subdominante wird also auch als die IV. Stufe bezeichnet.
  3. Die V. Stufe, in der Stufentheorie Dominante genannt, liegt eine Quinte oberhalb der Tonika und baut auf deren 5. Ton auf (ja, das ist wieder so ein gemeinsamer Ton). In C-Dur wären wir also bei g, h und d.
  4. Folgende Töne haben wir also mittlerweile verarbeitet: c,e,g,f,a,h,d.
    Anders geordnet: c,d,e,f,g,a,h. Und damit wären alle leitereigenen (also nicht durch zusätzliche Vorzeichen erhöhten oder erniedrigten) Töne der C-Dur-Tonleiter abgefrühstückt.

Stehen diese 3 Akkorde in der Grundstellung nebeneinander, so sieht die Sache so aus:

T = Tonika, S = Subdominante, D = Dominante
Anmerkung: Da es sich um Durakkorde handelt, werden auch die Funktionsabkürzungen groß geschrieben. Bei einer Molltonart wären dies entsprechend t,s und d.

Übrigens: Befindest Du Dich in einer Durtonart, so sind neben der Tonika auch die Subdominante und die Dominante in Dur.
Bei einer Molltonart, sind owohl Tonika als auch Subdominante und Dominante in Moll, weswegen man die Dominante „verduren“ muss, um eine Dominante zu erhalten, die auch wirklich zum Schlussakkord (Tonika) hin „zieht“. Dazu wird dann einfach die Terz der Dominante erhöht.
Aus diesem Grund hört man manchmal, Dominanten seien immer Dur, aber das sind sie in einer Molltonart eben nur dann, wenn man sie dazu macht.

Und wozu soll das nun gut sein? Was bringt mir eine Durdominante? Was hat sie, was eine Molldominante nicht hat?

Ganz einfach: Die Terz der Dominante (in unserem C-Dur-Beispiel wäre das der Ton h) ist nur einen Halbtonschritt vom eigentlichen Grundton der Tonika entfernt. Zwischen h und c liegt nur eine kleine Sekunde, und da Töne gemeinhin stinkfaul sind, nehmen sie auf der Reise zum Folgeakkord (in einer Kadenz wäre das wieder die Tonika, mit der ein Stück oder ein Abschnitt zu ende geht) eben den kürzesten möglichen Weg.
Die Durdominante will also viel eher „nach hause“ in die Tonika zurück, als eine Molldominante, die erst mal seufzt und stöhnt, weil zwischen Terz und Tonikagrundton ein kompletter Ganztonschritt zu überwinden ist.

In den Noten lässt sich das relativ gut erkennen:


Die rote Linie ist die Richtung, in die sich das h auflöst. Zum c ist es nur ein Halbtonschritt, daher will es dort viel eher hin, als zum a, was einem Ganztonschritt entsprochen hätte (und auch gar nicht in die C-Dur-Tonika passt). Somit ist das h also ein Leitton zum Grundton der Tonika.
Ein b mit einer Tendenz nach unten zum a hätte eher einen Umweg über die Tonikaparallele (also a-Moll) bedeutet, aber momentan sprechen wir noch von ganz einfachen Kadenzen und machen uns keinen Kopf um irgendwelche verwirrenden Irrfahrten.
Das g hat es hier übrigens am leichtesten, es ist ja ohnehin Teil des Tonikadreiklangs und kann daher ganz einfach liegenbleiben.


Ein Leitton ist also ein Ton, der einen besonders kurzen Weg zu einem anderen Ton nehmen will?

Fast. Ein Leitton zieht tatsächlich auf dem kürzesten Weg zu einem anderen Ton, allerdings ist seine Richtung aufwärts. Einen Ton, der einen Halbton nach unten zu einem wichtigen Ton möchte, nennt man Gleitton.


Dann hat es ein Gleitton leichter als ein Leitton, denn der kann quasi nach unten rutschen, während der Leitton nach oben klettern muss?

Vermutlich. Sollte man euch vor eurem nächsten Leben fragen, ob ihr lieber ein Leit- oder ein Gleitton werden wollt, werden die Fitnessfanatiker wahrscheinlich ein Leben als Leit-, die Couchpoatoes dagegen ein Dasein als Gleitton wählen. Aber dazu wird es vermutlich nicht kommen.


Nun aber noch mal zu den drei so genannten Hauptfunktionen: Der Tonika, der Subdominante und der Dominante. Abgesehen davon, dass diese drei Gestalten gemeinsam alle Töne einer Leiter enthalten und eine Tonart daher ziemlich deutlich bestimmen (aus diesem Grund muss man eigentlich auch immer eine Kadenz (das sind diese drei Funktionen in der Kombination) bringen, wenn man in eine neue Tonart moduliert, sonst verliert der Hörer irgendwann den Überblick, in welcher Tonart er sich befindet), kann man mit ihnen auch so ziemlich jedes einfach gestrickte Lied harmonisieren.
Wo und wann die jeweilige Funktion ins Spiel kommt, ist dabei ziemlich wichtig.

Grundsätzlich kann man sich folgendes merken: Die Tonika ist die wichtigste Funktion, da sie den Grundton festlegt. Sie hat also somit quasi das letzte Wort und eine schließende Wirkung. Daher steht sie am Ende von Abschnitten und natürlich ganz besonders am Ende des ganzen Stücks.
Wenn man eine Tonart bestimmen will, ist daher der Blick auf den Schlussakkord immer besonders wichtig. Am Anfang kann es nämlich auch mal zu Auftakten mit Quartsprüngen, irgendwelchen lustigen Ein- oder Überleitungen oder sonstigen Spielereien kommen. Ist die Tonika das erste Mal erreicht, geht das Stück aber auch gefühlt richtig los.
Abschnitte, die auf der Tonika enden (also ehe beispielsweise eine neue Melodie einsetzt oder wenn eine Strophe zu ende ist), nennt man daher Ganzschluss.
Abschnitte, die auf der Dominante enden, haben keine derart schließende Wirkung. Im Grunde sind sie wie ein Komma in einem Satz, es it zwar irgendwie ein Einschnitt vor einer neuen Information, aber eben doch noch nicht zu ende. Solche Schlüsse, Halbschluss genannt, finden wir daher gerne vor einer Wiederholung eines Abschnittes.
Wollen wir „endgültig Schluss machen“, empfiehlt sich eine Vollkadenz, in der einfachsten Form also Tonika, Subdominante, Dominante und wieder die Tonika.
Das hatten wir bereits hier:

Wie immer, wenn man glaubt, alles verstanden zu haben, meldet sich dann aber doch noch irgend ein Idiot aus der letzten Reihe und bringt einen Einwand, der die ganze Geschichte ins Trudeln bringt. Irgendeinen Haken haben die Sachen ja immer.
In diesem Fall hängt es an der sogenannten Stimmführung: So, wie die Akkorde hier aufgebaut sind, können wir sie nämlich nicht hintereinander stehenlassen.
Die Töne an sich sind zwar richtig und müsen auch so bleiben, aber einfach den gesamten Akkord in seiner einfachsten Stellung hin und her zu verschieben, das ist nicht nur stinklangweilig (und klingt auch so), sondern auch unnötig schwer für denjenigen, der die ganze Sache spielen und auf dem Instrument hin und herspringen muss, als hätte er Springbohnen statt Finger.
Außerdem haben wir bereits gesagt, dass Töne gerne einen kurzen Weg nehmen, was im obigen Beispiel ja nun wirklich nicht der Fall ist. Da geht es schon mal eine ganze Quarte oder Quinte hin und her. Es hilft nichts, da muss umorganisiert werden.
Die Regeln dafür, wie wir genau fortschreiten müssen, werde ich in einem Posting zum Thema Stimmführung aufführen. Zunächst einmal schauen wir uns aber an, wie wir die Töne innerhalb der Akkorde überhaupt sortieren können.
Wie wir die Töne innerhalb unserer Dreiklänge aufeinanderstapeln, ist nämlich für die Frage nach dem Akkord an sich so ziemlich egal. Solange sich die Töne an sich nicht ändern, dürfen wir sie verdrehen wie wir wollen.

In unserem C-Dur Akkord müssen also einfach nur die 3 Töne c, e und g enthalten sein. Die Reihenfolge ist dann erstmal schnurz.

Die folgende Darstellung zeigt mögliche Anordnungen eines C-Dur Dreiklangs, wobei jedesmal das c blau, das e grün und das g rot markiert wurde. Möglich sind unzählige Anordnungen, sinnvoll sind weit weniger davon und interessant für uns sind eigentlich nur die ersten drei.


Wenn es unzählige C-Dur-Akkordvarianten gibt, woher weiß ich, welche ich vor mir habe?

Im Grunde gibt es nur 3 wirkliche Lagen. Alles andere sind Variationen davon, bei denen die eine oder andere Oktave zwischengeschoben wurde.


Alles, was uns bei diesen Akkorden interessiert (das gilt übrigens auch bei Vier- oder Fünfklängen, die uns jetzt aber erst einmal egal sind), ist die Frage danach, welches Intervall wir zurücklegen müssen, um vom Grundton des Akkords zum höchsten notierten Ton zu gelangen. Zwei, drei oder sonstwieviele dazwischengeschobene Oktaven interessieren uns dabei nicht. Wir beginnen immer beim Grundton und zählen hinauf, bis zum ersten Treffer.

In der Grundstellung ist der höchste notierte Ton das g, und das liegt eine Quinte über dem Grundton c. Wir sprechen somit von der Quintlage.

Grundsätzlich funktionieren Akkordumkehrungen immer durch Umschichtungen nach oben.
Zur ersten Umkehrung werfen wir den Akkordgrundton (das wäre bei einem C-Dur-Akkord das c) eine Oktave nach oben. Vom Grundton zum obersten Ton haben wir also eine Oktave. Daher heißt diese Lage auch Oktavlage.
Bei der zweiten Umkehrung machen wir dasselbe. Wir nehmen den Grundton (also in diesem Fall wieder das c) – und dabei immer das c, das dem obersten Ton am nächsten ist (also bitte nicht das allertiefste c nehmen, das ihr euch vorstellen könnt und dann beispielsweise eine Dezime zum e zählen...)- und bestimmen das Intervall bis zum obersten Ton:
Das c (hier rot markiert) muss also eine Terz hinaufklettern, um beim obersten Ton (dem e) anzukommen.
Die Schlaumeier unter euch wissen es also längst: Wir haben es mit einer Terzlage zu tun.


Gibt es auch eine dritte Umkehrung?

Das ist vermutlich Ansichtssache. Theoretisch kannst Du Deinen Akkord umdrehen, so oft Du willst, aber es ergibt sich dadurch keine neue Stellung, denn wenn ich jetzt das g auch nach oben packe und auf das e schichte, erhalte ich wieder dieselbe „Schneemann“-Konstellation mit der Quintlage wie zu Beginn. Nur eben eine Oktave weiter oben.
Das hier sind also alles Grundstellungsakkorde in der Quintlage. Leider ist nur der Begriff „Lage“ ein bisschen strapaziert, da man ihn in allen möglichen Zusammenhängen gebraucht. Ob man sich nun z.B. in einer hohen oder tiefen Lage auf dem Klavier befindet oder die Töne sehr weit auseinanderliegen (weite Lage) oder man nach der Klausur merkt, dass man den falschen Notenschlüssel gesetzt hat (ziemlich unangenehme Lage), hat mit den 3 Lagen der Umkehrungen nichts zu tun.

Was mache ich also, um aus einem Notenknäuel einen Akkord zu bestimmen?

Das ist im Grunde ein 3-Schritte Programm:

  1. Noten so sortieren, dass sie in der Grundstellung stehen, dann lässt sich der Grundton am einfachsten bestimmen und ich sehe, ob es sich überhaupt um einen normalen Dreiklang handelt.
  2. Den Akkord bestimmen (Was ist der Grundton? Ist es ein Dur- oder ein Mollakkord?
  3. Die Lage bestimmen (vom Grundton aus das Intervall zum obersten notierten Ton bestimmen). Und natürlich macht ihr das vom ursprünglichen Akkord aus, nicht bei eurem vorsortierten Grundstellungsakkord, denn da habt ihr die Lagen ja alle geändert.

Nur mal so zur Sicherheit... bei einem Dur-Akkord habe ich unten die große und oben die kleine Terz und bei einem Mollakkord ist es andersherum?

Ja, genau. Nimm Dir nen Keks.


Gibt's Übungen?

Aber klar. Viel Spaß beim Sortieren, die Lösungen finden sich beim Runterscrollen.
Bei weiteren Fragen oder Anregungen würde ich mich über Nachrichten, Kommentare oder auch persönliches Anquatschen freuen.

















Lösungen:
  1. Töne: e,g,h → e-Moll.
    Höchster Ton: h
    Von e → h = Quinte
    → e-Moll, Quintlage
  2. Töne: d, fis, a → D-Dur.
    Höchster Ton: fis
    Von d → fis = Terz
    → D-Dur, Terzlage
  3. Töne: c, es, g → c-Moll.
    Höchster Ton: es
    Von c → es = Terz
    → c-Moll, Terzlage
  4. Töne: f, a c → F-Dur .
    Höchster Ton: a
    Von f → a = Terz
    → F-Dur, Terzlage
  5. Töne: a, c, e → a-Moll .
    Höchster Ton: a
    Von a → a = Oktave
    → a-Moll, Oktavlage



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