Dienstag, 26. April 2016

Echtes deutsches Operngut? Oder: Erst denken, dann fordern.


Vor nicht allzu langer Zeit flatterte mir das Ergebnis einer Umfrage ins Haus, die sich auf den Musikgeschmack und die Rezeptionsgewohnheiten in Deutschland bezog. Ausgewählt wurden unter anderem die zehn beliebtesten Opern, die mich dann doch ein Stück weit zum Nachdenken anregten: Wenn das sie Stücke waren, die den Opernhäusern ein annähernd gefülltes Haus garantierten, dann konnte die AfD einpacken mit ihrer, was die Kunstfreiheit betrifft, ohnehin recht fragwürdigen Idee, die Werte des Volkes zu sichern, indem verstärkt Stücke deutscher Komponisten gespielt werden sollten. Es ist nämlich nicht so, dass es davon in besagter Liste von deutschen, bzw. deutschsprachigen Opern nur so gewimmelt hätte: Ein einziges deutsches Werk befand sich unter den genannten: Die allseits beliebte und bekannte Zauberflöte nämlich.
Die könnte man nun also quasi als Standardmusikwerk in jedem deutschen Opernhaus auf die Bühne bringen, nicht wahr? Oder nicht? Was sagen denn unsere ach so besorgten opernhörenden Mitbürger zu der ganzen Geschichte? Sehen wir uns doch die Handlung ein wenig genauer an und entscheiden wir dann gemeinsam, ob der übrigens in Wien geschriebene Singsang (jup, Wien konnte man selbst zu Mozarts Zeiten beim besten Willen nicht zu Deutschland zählen. Mit seinem Geburtsort Salzburg war es da eine andere Sache, das lag im 18. Jahrhundert tatsächlich nicht in Österreich, aber die Zauberflöte selbst ist eigentlich recht uneindeutig,was die Herkunft betrifft, zumal es ja auch noch einen Librettisten gibt, aber um den soll es an dieser Stelle gar nicht gehen), die Werte transportiert, die die AfD so gerne in unser aller Köpfen hätte? Mal ganz abgesehen davon, dass wir uns dabei vielleicht zunächst einmal überlegen sollten, worin genau diese „Werte“ eigentlich bestehen. Ich persönlich setze mich jedenfalls für ganz andere Dinge ein, als, sagen wir mal, mein Bruder. Und dass wir dieselbe Abstammung haben und somit auch demselben Kulturkreis angehören, ist unbestritten.
Worum geht es also? Um eine Dreikindfamilie mit einer brav am Herd stehenden Mutter jedenfalls nicht, oder? Tatsächlich passiert hier Folgendes: Ein ausländischer junger Mann (seine Herkunft wird nicht weiter erörtert, nur als „fern“ beschrieben, wir können uns ja vermutlich schon denken, wo das ist) reist ins Land und versucht, mit der Hilfe des Anführers einer Gruppe übermächtiger religiöser Fanatiker einer rechtschaffenen Mutter ihre hübsche und unschuldige Tochter wegzunehmen. Was ihm, nachdem sie ein Trainingscamp bei der Sekte mit Feuer-, Wasser- und sonstwas für Übungen hinter sich gebracht haben, auch gelingt. Na toll. Vergesst Mozart war ein Filmtitel, der sich an dieser Stelle wohl recht gut machen würde. Halten wir ihn uns aber mal ein bisschen warm, man weiß ja nie, ob man mangels anderer Werkmeister irgendwann doch noch auf ihn zurückgreifen muss.
Ebenso urdeutsch wie unser Wolfgang wäre dann vielleicht der Herr mit der Sturmwindfrisur und dem Hörgerät. Und der Herr Beethoven hat auch tatsächlich eine Oper im Repertoire: Fidelio nämlich. Und darin wird sogar gerettet. Mensch und Wertvorstellung. Klingt soweit also schon einmal nicht schlecht.
Kommen wir nun aber mal schnell zum Haken an der Sache: Bei Fidelio handelt es sich um eine sogenannte Schreckens- oder auch Befreiungsoper. Diese Art Opern entstand im spät- bis nachrevolutionären Frankreich, das in den Wirrungen der politischen Chaostage zu versinken drohte. Tatsächlich wäre das einmal eine Nummer für die typischen Pegida-Wähler: Leute, die sich von der Politik veräppelt und betrogen fühlen und versuchen, irgendwie zu ihrem Recht zu kommen. Und wenn es mit Mord und Gewalt ist. Allerdings haben wir hier das kleine Problem der Tatsache, dass Pegida zu diesem Zeitpunkt die Politiker des Landes zu stellen gedenkt und sich damit entweder selbst zum Feind macht (denn die politischen Führer sind ja gerade die Bösen der Geschichte), oder aber eine Art “Nachrevolutionsfeeling” verbreiten muss – das Volk hat es durch das allmontägliche Gebrüll geschafft, sich zu befreien und stellt nun quasi auf der Opernbühne die vorrevolutionäre Unterdrückungssituation nach. So etwas funktioniert ganz wunderbar, wenn es sich bei dem nachrevolutionären System um ein sozialistisches oder sogar kommunistisches handelt. Dann kann sich die Bevölkerung rühmen, die Ständeklauseln über den Haufen geworfen und als Volk über den einzelnen bösen Herrscher gesiegt zu haben. Derartige Opern gibt es viele, sie wurden -nachem sie die Zensur erst einmal durchlaufen hatten- auch zuhauf von der sowietischen Regierung unterstützt, machen beispielsweise die Schostakowitschrezeption heute noch zu einem ethischen Problem, entsprechen aber nicht ganz dem politischen System, das man von Seiten unserer besorgten Mitbürger einzuführen gedenkt. Staatliche Kontrolle soll es gerne geben, aber bei einer Partei, die die Arbeitslosenunterstützung abschaffen möchte, um den Wettbewerb zu stärken (Sozialdarwinismus at its finest sozusagen), sind wettbewerbsfremde sozialistische Denktendenzen vermutlich eher unerwünscht. Also weg damit.

Deutscher als Mozart oder Händel geht es vermutlich nicht, wenn wir den Herrn Wagner mal ausnehmen. Aber politische Führer, die sich auf Wagneropern eingeschossen hatten und bei dessen Familie unter Kosenamen wie “Onkel Wolf” ein- und ausgingen hatten wir bereits. Und nachdem Winifred Wagner noch bis ins hohe Alter erklärte, sie würde sich noch immer freuen, den Herrn H. wiederzusehen, wären Wagneropern vermutlich tatsächlich eine Alternative, schließlich passen der Onkel Wolf und der Onkel Lutz rein ideologisch gesehen ganz gut zusammen. Verzichtet man allerdings auf Wagner, tut man sich schwer damit, ausreichend deutsches Opernmaterial zu finden, um die Spielpläne unserer Opernhäuser zu füllen. Mozart schrieb überraschend wenig auf deutsch, der hamburger Händel gar nichts. Wie wollen wir die guten deutschen * hust, hust * Werte vermitteln, wenn wir dazu italienischen Frauen beim Männerverführen im Vorgarten zusehen müssen? Und dazu auch noch fließend italienisch verstehen, wennschon nicht sprechen müssten, um der Handlung überhaupt folgen zu können? In einer Zeit, in der ausländische Starpianisten, die ein Stück von Weltruhm ankündigen, von Seiten des Publikums mit dem Ausruf “Sprich deutsch!” bedacht werden? Bei Händels Alcina holt wenigstens eine gute Hausfrau ihren abtrünnigen Mann von einer -nennen wir es ruhig beim Namen- Bordellinsel nach Hause zurück, was man noch als tugendhaft und wertebildend verbuchen könnte, aber erstens ist die gute Dame Bramante leider Italienerin, zweitens spricht und singt jeder in dieser Oper italienisch und drittens geht der Hauptteil der deutschen Männer, eben weil er kein Wort versteht, vermutlich nur deshalb überhaupt mit in diese Oper, um sich die zumeist halbnackt dargestellte Verführerin Alcina anzusehen und deren Verführungsspielchen dann zuhause nachzustellen, denn immerhin ist er mitgegangen, die Dame des Hauses ist ihm also noch einen Gefallen schudig. Dann vielleicht doch lieber Mozart, der sich mit der Entführung aus dem Serail schon deshalb besonders eignet, weil er sich erstens über die Türken lustig macht, was ja heutzutage offensichtlich der Volksbelustigung dient und zweitens auch noch die guten Christen gegen die bösen Moslems ausspielt, wobei der Versuch, sich hier ein paar böser Klischees zu bedienen, schon deshalb hakt, weil sich der türkische junge Mann zwar die ausländische Frau schnappen will, sie dabei jedoch keineswegs bedrängt (im Gegenteil, sie ist ja diejenige, die sich, nachdem er sie aus den Händen einer Schlepper- und Sklaventreiberbande gekauft hat, in der Fremde befindet, dort auf seine Kosten lebt und sich nicht einzugliedern gedenkt) und sich , und im Willen, sich anzupassen, sogar soweit geht, zum Christentum zu konvertieren. Mist.
Desweiteren lässt sich der türkische Herrscher nicht so einfach veräppeln, nimmt die deutschen hops und stellt sie vor ein Gericht, was mal wieder einer tatsächlichen Begebenheit ähnelt, an die wir vielleicht besser nicht erinnert werden wollen. Am Ende kommen noch ein paar Zuschauer auf die Idee, sich die Sache zum Vorbild zu nehmen und Böhmermann zur Flucht zu überreden, was wohl endgültig einer nationalen Katastrophe gleichkäme. Streichen wir also die Entführung und damit eine der wenigen Opern Mozarts, die wir noch auf deutsch anzubieten hätten.

Eine geradezu wunderbare Musik, die einzig dazu diente, türkische Herrscher zu verhohnepipeln, schaffte der gute Herr Lully am Hof in Frankreich. Seine Zusammenarbeit mit Molière, “Le bourgeois gentilhomme” (Der Bürger als Edelmann), war auf den türkischen Botschafter gemünzt, den, nennen wir es beim Namen, am französischen Hof kein Mensch leiden konnte. Es klappt also doch: Man kann türkische Politiker veräppeln ohne sich dabei in Gefahr zu begeben. Allerings taucht hier mal wieder ein altbekanntes Problem auf: Lully war...na, was wohl? Genau! Italiener! Auch wenn er später seine Staatsbürgerschaft wechseln und Franzose werden sollte, er war ein Einwanderer. Und noch dazu kein sonderlich beliebter. Außerdem war der Mann hauptberuflich Ballerina, also nicht gerade das Lieblingsvorbild eines biertrinkenden Fußballguckenden Klischeedeutschen, für den ein Tutu als Freizeitkleidung nicht wirklich infrage kommt.
Ja, ich denke, spreche und schreibe hier in Klischees. Und Klischees entsprechen nicht der Wirklichkeit, zumindest dann nicht, wenn man ein Volk als eine Zusammenstellung von Individuen betrachtet, die alle eigene Werte, eigene Ideen und eigene Geschmäcker haben. Sie sind also nicht alle schlecht, was im Umkehrschluss aber auch bedeuten würde, dass es die abendländischen Werte per se gar nicht geben könnte, man sie also auch nicht verteidigen kann oder muss. Nimmt man hingegen wertfrei und blind irgendwelche typischen Elemente unserer Kultur heraus und packt diese zusammen, so ergibt sich unter Umständen ein Volk von Leuten, die die wichtigste Fastenzeit ihrer Kultur damit verbringen, exzessiv Glühwein zu konsumieren, am größten christlichen Fest in Goldpapier verpackte Hasenstatuetten suchen, ernsthaft daran zu glauben scheinen, dass das Zusammendrücken von Daumen und Zeigefinger dazu beiträgt, dass der Junior in der Schule eine gute Mathearbeit schreibt und die Steuergelder, die sie so enthusiastisch verteidigen, dafür ausgeben, dass Horden an Polizisten, Sanitätern und Sicherheitskräften die Innenstädte absichern müssen, wenn sich einmal wieder zwei Ballsportvereine ein Spielchen liefern. Das alles definiert uns zwar nicht, gehört aber definitiv mit zu unserer Kultur. Aber wollen wir das auf der Bühne haben?
Noch einmal: Ich bin nicht antideutsch eingestellt. Aber eben auch nicht antijemandanders. Ich mag auch deutsche Männer. Aber eben auch französische, italienische oder afrikanische Musiker. Und: Ja, ich weiß, nicht alle deutschen Männer trinken Bier. Manche trinken auch Orangensaft und machen pliès, rombes des jambes und pas des chats zur Stärkung der Beinmuskulatur. Und wer Bier trinkt ist dadurch auch noch lange kein Gorillamann, er hat nur eine Vorstellung von „lecker“, die ich nicht teile. Der Herr Sagchnicht trinkt auch Bier und ich mag ihn trotzdem. Wer sich jedoch trotz Allem angegriffen fühlt, darf sich gerne in den Kommentaren beschweren, nur kommt bitte nicht auf die Idee, diesen Post irgendwie unter „Satire“ einzuordnen, diese Gattungsbezeichnung fängt nämlich an, mir ganz gewaltig auf den Senkel zu gehen.

Was bleibt nun dem Opernliebhaber? Außer Wagner? Schönberg? Eine deutsche Oper hätte er ja im Gepäck, Moses und Aaron nämlich, allerdings geht es ja auch darin wieder um eine Religion mit der uns eine schwierige Geschichte verbindet. Schönberg war selbst übrigens nicht nur Jude, er war auch Entwickler der Zwölftonmusik und somit Vorreiter dessen, was in den dreißiger und vierziger Jahren unter den Oberbegriff der entarteten Kunst fiel. Den wollte schon die Reichsmusikkammer nicht auf den Brettern haben, und deren Ideale scheinen ja ohnehin wie geschaffen für die Erstellung eines Spielplanes nach Art der AfD. Wie wäre es also, wenn man sich einmal in die entsprechenden Archive begibt und die Akten der Reichsmusikkammer nach spielbaren, geeigneten, das deutsche Volk in seiner Selbstbeweihräucherung unterstützenden Musikstücken, vielleicht sogar älteren, bereits vorgearbeiteten Listen durchsucht? Als archiverprobte Studentin der Musikwissenschaft melde ich mich hiermit schon einmal vorsorglich für jedes mögliche Praktikum an. Ich bin mir sicher: Das wird ein Spaß. Vielleicht kann ja jemand den Herrn Sagichnicht informieren. Und: Er soll Bier mitbringen.

 Schon wieder auf dem Weg...und meine arme Lieblingsstrumpfhose beginnt, 
erste Zeichen der Altersschwäche zu entwickeln
 Schreiben im Zug... die Momentaufnahme täuscht übrigens: 
So leer war es auch nur bis zum ersten Laternenpfahl
 Die Musikalische Komödie der Oper Leipzig


Samstag, 16. April 2016

Wie von der Tarantel gestochen - magische Tänze und Heilgesang



Inzwischen ist es schon wieder einige Jahre her, da lebte einmal ein Fröken im schönen Bayern, hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen, irgendwo zwischen Wedding, Kissing und Petting (ja, diese Orte gibt es nicht nur wirklich, sie lagen auch tatsächlich auf dem Weg) und ließ sich gesundpflegen. In Bayern steht nämlich nicht nur ein Hofbräuhaus, da gibt es auch eine Rehaklinik, und in eben dieser begab ich mich unter anderem allwöchentlich zur Tanztherapie. Die geführten Bewegungen zur Musik sollten uns zwar vornehmlich wieder beweglicher machen, aber auch ein Gefühl für den eigenen Körper vermitteln, das über das bloße Wissen, wie weit man seinen Arm verrenken kann, ehe es irreparabel knackt, hinausgeht. Wer tanzt, geht nicht nur an die Grenzen der Beweglichkeit, er muss auch lernen, seinem Körper zu vertrauen und ein klein wenig von seiner Selbstkontrolle aufzugeben. Zumindest, solange er die Musik spüren und sich intuitiv dazu bewegen soll. Im klassischen Tanz ist es natürlich Essig mit der Aufgabe irgendwelcher Körperkontrolle. Wer sich da bewegt, wie er gerade lustig ist, schubst möglicherweise sämtliche kleinen Schwänchen von der Bühne oder vergisst, die Arme zum Fangen auszustrecken, wenn sich die Partnerin vertrauensvoll durch die Luft fallen lässt, was vermutlich bedeutet, dass er sich seine Vertragsverlängerung sonstwohin schieben und in der nächsten Spielzeit kellnern gehen kann. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden, wie Michael Ende sagen würde. Und zum Thema Improvisation habe ich mich bereits hier geäußert.

Dass Musik und Genesung unmittelbar zusammenhängen, ist nicht unbedingt etwas Neues, und dass Tanzen als Körpererfahrung auch und gerade bei psychischen Erkrankungen und Körperwahrnehmnungsstörungen eine wunderbare Sache sein kann, zeigt nicht nur die Tatsache, dass unsere Tanztherapiegruppe zu über 50% aus Patienten mit Essstörungen bestand; jeder Mensch, der sich Freitagsabends zappelnd über die Tanzflächen der Innenstädte bewegt, um sich einmal so richtig auszutoben, reinigt vermutlich auch ein Stück weit seine Seele.

Die Heilkraft der Musik findet sich in der Bibel, wenn David seine Harfe spielte, bis sich Saul, der sich mit seiner Aufgabe als König Israels (eigentlich war er ja nur als Fürst vorgesehen worden) zunehmend überfordert sah und unter depressiven Verstimmungen und Heimsuchungen (neueren Forschungen zufolge vielleicht auch unter epileptischen Anfällen) zu leiden hatte, wieder beruhigt hatte und wieder Licht sah im Dunkel seiner Seele. Auch getanzt wurde gerne im Hause Davids, was allerdings (vielleicht aufgrund der Nähe zu Trancetänzen, wie wir sie aus dem Derwischbereich kennen) nicht immer besonders gut ausging. Und dass wir unsere heutige überlieferte Kunstmusik den Tempelgesängen alter Kulturen verdanken, zeigt den Zusammenhang zwischen Musik und Mystik, Klang und Seele.

Wer sich mit den Lehren der Veden beschäftigt, wird Mantragesänge kennengelernt haben, die bekannteste Silbe der tibetischen Meditation (Om) hat ebenfalls die Aufgabe, die Schwingungen im Körper mittels Eigenschwingung auszugleichen und den Meditierenden wieder ins Gleichgewicht und mit der Welt ins Reine zu bringen. Tanz und Kultur, Tanz und Religion, Tanz und Magie?

Vermutlich hat jede Kultur rituelle Tänze in irgendeiner Form im Repertoire, ob es sich nun um Regentänze handelt, um Hochzeitsreigen, Mai- oder auch Kriegstänze. Tänze helfen bei der Anrufung der Götter, halten eine Gruppe zusammen, helfen bei der Meditation und versetzen die besagten Derwische in religiöse Trance.

Geht man davon aus, dass Krankheiten in vielen Glaubensrichtungen auf die schlechte Laune grundsätzlich nicht sonderlich freundlich eingestellter Racheengel, Dämonen oder ähnlicher Wesen, denen man nicht im Dunkeln begegnen möchte, zurückzuführen sind, lässt sich der Glaube, mit Hilfe ein paar hübscher Tanzfiguren oder auch gesungener magischer Formeln etwas ausrichten und den Geist wieder fröhlicher stimmen zu können, durchaus nachvollziehen. Und dazu muss man nicht einmal fremdländische oder untergegangene Kulturen betrachten, das geht auch von zuhause aus: Der altbekannte "Heile-, Heilesegen" ist ein in unseren Breiten recht verbreitetes Beispiel für eine derartige Beschwörungsformel, die uns zu Denken geben sollte: Die meisten von uns, die über die Idee, Krankheiten unter Zuhilfenahme einer Zaubermelodie quasi wegzusingen, eigentlich nur lachen können, saßen schon einmal flennend bei ihren Großeltern auf dem Schoß, um sich durch eben diese Sangesformel von ihren Schmerzen befreien zu lassen. Und -mal ehrlich - es hat geholfen, oder? Spätestens nach 3 Tagen Regen und Schnee tat das aufgeschürfte Knie nicht mehr ganz so weh. Musik ist also quasi Magie für den Hausgebrauch. Sie hilft gegen Schmerzen, gegen Angst (singen im Dunkeln macht Mut), heitert uns auf und hilft sogar gegen Liebeskummer. Zumindest in Verbindung mit einer Tafel Schokolade und einer Flasche Wein. Immerhin leiten sich ja auch beide Begriffe von übermächtigen Zauberwesen ab (Muse und Magus nämlich) und tauchen in vielen Märchen gemeinsam auf: Irische und Walisische Feensagen sind so eine Sache: Feen scheinen eine Menge Zeit zu haben, immerhin treffen sie sich regelmäßig, um auf Waldlichtungen zu tanzen. Macbeths Hexen singen wild fuchtelnd ihre Verse, während sie Kinderfinger und ähnliche Leckereien in ihrem Kochtopf zusammenrühren, sogar Rumpelstilzchen versucht, das Geheimnis seines Namens mittels eines Tanzes um sein Lagerfeuer zu schützen. Wenn auch nicht gerade sonderlich erfolgreich, aber der Typ ist ja ohnehin ein Fall für sich...lässt die schöne Müllerstochter links liegen und holt sich dafür ihr Neugeborenes ins Haus. Was auch immer er damit anzustellen plant.

Ein bisschen eigenartig ist ja auch die Vorstellung des griechischen Arztes Asklepiades (* um 124 v. Chr. -etwa 60 v.Chr.), die Natur sei so ziemlich das Schädlichste, was man seinem Körper zumuten könne. Allerdings hatte der gute Herr auch ein paar sinnvolle Ideen auf Lager und begründete unter anderem den Luftröhrenschnitt, der schon so manches Leben rettete. Bei Geisteskrankheit hatte Asklepiades gleich zwei Mittel zur Hand: Erstens Wasser (Das kann ich nachvollziehen, manchmal möchte man sich abends einfach nur unter die Dusche stellen und alles, was Stress bedeutet, wegduschen)und zweitens Musik. Hätte es damals schon diese spritzwassergeschützten Duschradios gegeben, die man im Badezimmer an die Wand hängen kann, hätte er sicher ein Vermögen mit Merchandising machen können.

Die Krönung der musikalischen Hausapotheke ist übrigens der Taranteltanz. Das Mittel der Wahl gegen die Volkskrankheit des Mittelalters. Tanzwut oder auch Tanzwahn war eine Art hysterisches Gliederzucken, das Menschen dazu brachte, wie angeschossen herumzutanzen, bis sie Schaum vor dem Mund, Rauch aus den Ohren und zehn paar durchtanzte Schuhe hatten und irgendwann bewusstlos zu Boden sanken. Woher die Sache kam, war und ist bis heute nicht vollständig geklärt. Vermutungen reichen von rituellen Zusammenkünften irgendwelcher Sektenmitglieder, die sich sonstwas hinter die Binde gossen und nach Art der Derwische in eine Art Trancetanz verfielen, um Gott, dem Universum oder auch dem fliegenden Spaghettimonster nahe zu sein, über Krankheiten wie Chorea Minor oder ihre große Schwester Chorea Major, die auch unter den Namen Huntington oder Veitstanz bekannt ist ("Chorea" bedeutet übrigens ganz schlicht und einfach "Tanz", was auf die Muskelfunktionsstörungen mit ihren unkontrollierbaren Bewegungen zurückzuführen ist), bis hin zu einer ganz anderen Ursache: Die Tänzer sprangen nicht nur herum, wie von der Tarantel gestochen, sie waren es auch. Zumindest wurde die Apulische Tarantel (fragt mich bitte nicht, ob nun der Ort Tarent nach den dort zahlreich vorkommenden apulischen Wolfsspinnen oder die Spinnen nach ihrem Heimatort benannt wurden, jedenfalls gab es die possierlichen Tierchen dort wohl zuhauf) für die seltsame Tanzeritis (passenderweise Tarantismus genannt) verantwortlich gemacht. Tatsächlich ist die apulische Tarantel ganz einfach nur ziemlich groß und für den Geschmack des typischen Europäers vermutlich auch entsprechend hässlich, weswegen man ihr wenn möglich aus dem Weg ging und sie der Vorsicht halber auch als ziemlich gefährlich verschrie. Zudem sind die kleinen Achtbeiner tagaktiv, so dass man sie auf Spaziergängen über Feld und Wiesen herumkrabbeln sieht. Ein typischer Fall von falscher Zeit, falschem Ort und falscher Körpergröße also, denn der tatsächliche Verursacher hysterischer Gliederzuckungen, die Europäische Schwarze Witwe nämlich, stürzt sich lieber ins Nachtleben und schläft tagsüber friedlich unter Steinen. Nachdem das Gift der schwarzen Witwe auch noch bis zu 2 Tagen brauchen kann, um den Körper zu wildem Gezappel (neurologischen Entladungen) zu animieren, Schaum vor dem Mund (Magenkrämpfe) und allgemeinen Wirrwarr (Migräneanfälle) zu produzieren, und die Witwe mit einer Körpergröße von etwa einem halben Zentimeter (ohne Beine) ein vergleichsweise winziges Spinnchen ist, war der Zusammenhang vielen Betroffenen längst nicht mehr klar, wenn sie zu twisten begannen. So wurde am Ende vermutlich häufiger der Exorzist gerufen, als der Serologe. Und der Tanz, der der ganzen Geschichte entgegenwirken sollte (hier wurde also quasi kontragezappelt), hatte seinen Namen weg: Tarantella. Kleine Tarantel. Eine Tanztherapie der besonderen Art, im 3- oder 6/8 Takt, teilweise unter Zuhilfenahme verschiedentlicher symbolträchtiger Gegenstände, wie Schwerter oder Spieße, die wohl auf den Stachel, beziehungsweise die Beißwerkzeuge der zu unrecht verdächtigten Wolfsspinne verweisen sollten. Ob sie geholfen hat, darüber lässt sich vermutlich streiten. Nachdem Schwitzkuren zu den verbreitetsten Methoden gehörten, Gifte aus dem Körper zu bekommen, und die Tarantella ein Tanz ist, der sich durch Geschwindigkeit und einen starken Rhythmus auszeichnet, den Tänzer also definitiv ins Schwitzen bringt, mag sich ein gewisser Effekt eingestellt haben, immerhin empfahl die spanische Ärztekammer die Tarantella noch bis weit in das 18. Jahrhundert hinein als sinnvolles Heilmittel gegen Spinnenbiss und Wahnideen.  Vielleicht war es auch ganz einfach erleichternd, einmal so richtig die Sau rauslassen zu dürfen, heutzutage macht man statt der Tarantella vielleicht lieber eine Urschreitherapie oder geht einmal in der Woche nach Bayern in die Klinik, um sich mit anderen Patienten um die eigene Achse zu drehen und wieder zu lernen, sich fallen zu lassen, mit dem „Flow“ zu gehen und seinem Körper wieder zu vertrauen. Und weil innerhalb einer solchen Gruppe quasi alle den einen oder anderen Sturmschaden im Gebälk haben, guckt einen auch niemand komisch an, wenn man lachend durch den Raum springt. Da hat nämlich jeder mit sich selbst zu kämpfen.

Wenn ich mir dabei allerdings überlege, wie viele Menschen ich kenne, die ganz offensichtlich vom wilden Affen gebissen wurden, sollte man vielleicht auch über die Einführung einer Schimpansella nachdenken. Oder einer Hanutella für alle die, die ganz einfach nur einen an der Waffel haben. 

 On the road again... an manchen Wochenenden verbringt man mehr Zeit unterwegs, als am jeweiligen Zielort

 Mal wieder im Gloria, mit grünem Tee, Jule und dem Bachdenkmal vor dem Fenster.
  Vielleicht sollte der nette Herr Bach auch ein bisschen tanzen und Dampf ablassen, anstatt sich mit den Herren Görner oder Ernesti herumzustreiten. Wer sich übrigens fragt, wer dieser Veit war, nachdem die ganze Hopserei benannt wurde: Im Gegensatz zu Friedelind aus dem Wagner-Post hatte der Heilige Veit keine übergriffige Mutter, sondern einen ebensolchen Vater, der ihn mitsamt einer ganzen Reihe junger Mädchen in ein Zimmer sperrte, um ihn von den Damen mittels Musik und wildem Tanz zu noch viel wilderen Dingen verführen und damit vom Glauben abbringen zu lassen. Da der Vater nicht nur ein großer Einmischer, sondern auch ein entsprechender Kontrollfreak war, guckte er heimlich durch das Schlüsselloch, um zu prüfen, ob die Sache funktionierte, und erblindete dabei (tja, den Schlüssel sollte man vorher vielleicht aus dem Schloss ziehen, ehe man sein Auge ans Loch hält). Veit war übrigens ein braver Junge, verzieh seinem Vater und betete für dessen Genesung, die dann auch prompt erfolgte. Daher also der Veitstanz.

Donnerstag, 14. April 2016

Wenn Strauss, dann Vogel. Wenn Wagner, dann Friedelind


„Huch? Was ist denn mit dem Froeken los?“ werden einige Leser denken, „Hat ihr der Herr Sagichnicht so zugesetzt? Hat sie ihre Wut auf den Ikeamann eingeholt? Hat sie zuviele Fragwürdigkeiten aus dem AfD-Programm unter die Nase bekommen? Oder weshalb hat sie sich in der letzten Zeit ihr blauen Strümpfe angezogen und ihren Jeanne D'Arc Harnisch umgeschnallt?“
Neulich erst, im Post zur Musiksoziologie, war die Frage nach den musizierenden Frauen aufgekommen, in „Il Ballo delle Ingrate“ wird fleißig Suzanne Cusick zitiert, parallel zu diesem Blogpost suche ich nach Material zum Thema „was ist eigentlich ein Klavier“, was ebenfalls nicht ohne die typisch weibliche Rolle der ausführenden Musikerin mit Spiegel über dem Schminktischpiano auskommt, und nun hole ich Winifred Wagners Enfant Terrible, das schwarze Schaf unter ihren Kindern hervor? Friedelind, die sich als einziges Mitglied der Wagnerfamilie öffentlich gegen das Naziregime stellte, das sich von Hitlers langem Arm entfernt, an dem sie noch in den 1930er Jahren gemeinsam mit ihrer kleinen Schwester Verena so werbewirksam gehangen hatte? Tja...was ist los mit mir? Noch vor einem haben Jahr habe ich klipp und klar gesagt, dass es meiner Meinung nach unerheblich ist, ob nun Johann Sebastian oder Anna Magdalena Bach irgendwelche Stücke komponiert haben, ob Carl Philipp derjenige war, der die Korrekturen vornahm, oder Catharina Dorothea, denn man kann Musikgeschichte nicht außerhalb ihrer Zeit betrachten. Geschichte ohne Zeitbezug, das ist wie Vanilleeis ohne Kühlung...es funktioniert ganz einfach nicht. Und für eine Familie wie die Bachs ist die innerfamiliäre Urheberschaft einer Melodie oder Generalbassbegleitung in etwa so wichtig wie es bei der Betrachtung des Kölner Domes ist, ob der jüngere Sohn des Steinmetzes Haudraufwienix bei einem bestimmten Stein auch mal den Hammer schwingen durfte.
Und jetzt? Ist die musikalische Weltfrauenwoche angebrochen? Oder war es vielleicht der folgende Tweet, der mich vor Kurzen vor Lachen fast vom Stuhl fallen ließ? 
 Nein, eigentlich nicht. So lustig die Idee auch sein mag, Frauen, deren feinmotorische Fähigkeiten nachweislich besser ausgebildet sind als bei Männern, als zu dusselig zu bezeichnen, eine Gitarrensaite an der richtigen Stelle herunterzudrücken (wir sind offensichtlich noch für viel mehr zu blöd... ein Anruf bei der Hotline von Gilette, was eigentlich so „speziell für Frauen geeignet“ sei, an ihrer neuen (und ***teuren) Reihe an Damenrasierern ergab folgende Klarstellung: 1) Sie sind in rosa erhältlich (was für das Entfernen der Haare offensichtlich unerlässlich ist... vielleicht fallen sie ja vor Schreck von selbst ab, wenn sie die pinkfarbene Waffe erspähen) und 2) sie sind besonders sicher. Die Klingen wurden sogar extra „hinter Gitter“ gesteckt, damit wir uns nicht aus Versehen die Beine abschneiden...interessant an der ganzen Geschichte ist nur, dass es die blutstillenden Alaunstifte und speziellen Pflaster gegen Rasierschnitte ausschließlich in der Männerabteilung zu kaufen gibt... was lernen wir daraus? Männer zerschnippeln sich auch. Aber sie tun es ganz offen und mit der nötigen Prise Männlichkeit), eigentlich geht es bei der Sache mit Friedelind um etwas ganz anderes: Friedelinds Mutter Winifred Wagner hatte bereits bewiesen, dass es für eine Frau sehr wohl möglich war, die Festspiele ihres Schwiegervaters Richard Wagner zu führen. 14 Jahre lang hatte sie die Bayreuther Festspiele geleitet und sich auch als starke Persönlichkeit einen Namen gemacht. Allerdings eben auch in Bereichen, die die Familie heute lieber aus de kollektiven Gedächtnis streichen würde: Vermutlich wäre die Welt von literarischen Ergüssen wie „Mein Kampf“ verschont geblieben, hätte die liebe Frau Wagner dem Herrn mit dem Schnuppelbärtchen (bald im ganzen Hause Wagner unter dem klangvollen Namen „Onkel Wolf“ bekannt) nicht fürsorglich Care-Pakete mit Schreibmaschinenpapier geschickt. Manchmal sollte man eben aufpassen, wen man zum Schreiben ermutigt. Oder zum Lesen.
Versteht mich nicht falsch, Fehler kann man immer machen, aber wer sich im Jahr 1975 in einem Filminterview noch folgendermaßen äußert: „Also, wenn heute Hitler hier zum Beispiel zur Tür hereinkäme, ich wäre genauso so so so fröhlich und so so glücklich, ihn hier zu sehen und zu haben, als wie immer …“ , dann hat man vermutlich den Schuss nicht gehört. Oder keine Ahnung von Public Relations und Selbstvermarktungsstrategien. Denn zumindest nach außen hin empfiehlt es sich, sich als Mensch mit Herz und Hirn zu geben. In der inneren Villa Wahnfried (oder besser Wahnunfried, denn der Wahn scheint sich da ja kaum zur Ruhe begeben zu haben) kann sie ja meinetwegen denken, was sie will.
Dem Ansehen der Festspiele hat das Ganze komischerweise nie geschadet. Vielleicht, weil man ohnehin weiß, auf was für einen Clan man sich einlässt, wenn man irgend etwas in die Hand nimmt, das (zumindest bis zu Wielands Zeiten) mit der Familie Wagner im Zusammenhang steht, vielleicht auch, weil tatsächlich die Musik zählt und man ja auch nicht auf die Idee käme, gegen eine Aufführung von Lully zu protestieren, obwohl der meinen Freundeskreis wohl ebensowenig bereichert hätte wie der gute Richard.
Die letzten von Winifred geleiteten Festspiele fanden 1944 statt, ehe alle deutschen Theater geschlossen wurden, und wurden hauptsächlich zur Erbauung angeschossener, kriegstraumatisierter, kurz gesagt seelisch und körperlich verstümmelter (jup, da mag ich nichts schönreden, keine Chance) Soldaten genutzt. Wenigstens ein paar Takte nette Musik sollte man noch anhören können, wenn einem schon die Beine weggeschossen und die Familie ausgebombt worden war.
Nach der Wiedereröffnung gab Frau Wagner die Leitung dann an ihre Söhne Wieland und Wolfgang weiter. Und nicht, wie im Testament ihres Mannes ursprünglich festgelegt, an alle vier Kinder.
Friedelind hatte nämlich gegen ein Gebot verstoßen, das ihr ihre Mutter nicht verzeihen konnte.
Hätte sie weiterhin an Hitlers Arm gehangen, wie hier zu sehen ist; niemand hätte sie verurteilt. Hätte sie ihn in ihrem Hause zum Dauerehrengast gemacht, ihre Kinder Adolf und Adolfine genannt und schriftlich um Fremdarbeiter zur billigen Erledigung ihrer Wäsche und Putzarbeiten gebeten (heutzutage wird so etwas gerne unter dem Label „made in Bangladesh“ versteckt), man hätte sie mit offenen Armen empfangen.
Hätte sie eine Hymne geschrieben, nach der politische und religiöse Häftlinge in die Gaskammern der Konzentrationslager geführt wurden, vermutlich hätte man ihr auch das irgendwie verziehen. Und auch die Tatsache, dass sie im Internierungslager auf der Isle of Man eine für die damalige Zeit ziemlich fragwürdige Freundschafts- oder doch Liebesbeziehung führte, hätte man ihr wohl nur deshalb angekreidet, weil es sich bei der geliebten Frau um eine Jüdin handelte.
Aber Friedelind tat das Unaussprechliche: Sie begann, an den Worten des lieben Onkel Wolf zu zweifeln, wollte Regisseurin werden, bereiste andere Länder, traf dort Schauspieler, Künstler und andere ehemalige Deutsche, die aufgrund ihrer jüdischen Abstammung in Deutschland mit einem Berufsverbot belegt wurden, oder sogar um ihr Leben fürchten mussten. Und dann fasste sie einen Antschluss, den sie dem Dirigenten Artur Toscanini, mit dem sie zeitlebens eine äußerst komplizierte Beziehung verband (und den sie, nachdem er ihr einmal empfindlich zu hae getreten war, in einem Brief als „Lieber ehemaliger Freund“ betitelte) folgendermaßen erklärte: „Gerade weil ich deutsch bin, lebe ich nicht in Deutschland – weil dies kein Deutschland mehr ist. Ich bin eine Wagner – und ich liebe meine Familie – selbst wenn ich wenig Liebe erhielt. Ich bin es meinem Vater schuldig und der gesamten Familie. Ich glaube, sobald der Krieg vorbei ist, dass meine Familie das erkennen wird.“ :Friedelind zog nach England (von woher ihre Mutter stammte und wo sie nach Verschärfung der Regelungen für feindliche Ausländer eine Zeitlang als „enemy alien“ selbst in einem Internierungslager auf ihre Ausreise in die USA warten musste), verfasste Zeitungsartikel, die sich gegen das Naziegime richteten und kehrte erst zurück, als Hitler tot, der Krieg vorbei und die Wagnerspiele in den Startlöchern zur ersten Saison unter neuer Leitung standen.
Und Mama Winifred? Die reagierte wie ein Teenager, dessen Justin-Bieber-Poster beschmutzt worden war und wollte mit ihrer Tochter nicht in Verbindung gebracht werden.
Nicht einmal die Tatsache, dass Friedelind ihre Familie während der schwierigen Jahre nach Kriegsende mit Lebensmitteln unterstützte, konnte sie umstimmen. Die Sache mit dem Erbe umging Winifred übrigens mal wieder mit der ihr eigenen Raffinesse: Sie behielt das Festspielhaus samt Leitung als Vorerbin und vermietete es ganz einfach an ihre beiden Söhne, womit dich die Sache mit Siegfried Wagners Testament erst einmal erledigt hatte.
Nicht, dass die beiden unfähig gewesen wären; Wieland Wagners radikal runderneuerte Inszenierungen waren Vorbild für eine ganze Generation von Theaterregisseuren, aber wir lernen mal wieder, was wirklich wichtig und was unverzeihlich ist im Leben: Du darfst einen Weltkrieg anzetteln und einen nicht unerheblichen Teil Deiner eigenen Bevölkerung vernichten. Aber Du darfst Dich nicht gegen die Moralvorstellungen Deiner Mutter stellen. Und damit gehe ich mich jetzt verabschieden und das Treppenhaus putzen. Sonst steigt mir nämlich meine eigene Mutter aufs Dach. Für manches ist man eben nie zu alt.
                 Ganz echte richtige Sonne... kaum zu glauben, aber leider auch nicht von Dauer...
                    So langsam kommen die Krokusse ("Krokeen" :) ), aber auch nur die blauen.
                                            Lauti ist krank :(   Die Gitarre ist noch viel kränker,
                                  aber zum Glück kann der nette Onkel Doktor beiden helfen

                       Doch, das kann man trinken...schmeckt gemischt sogar überraschend gut.

Mittwoch, 6. April 2016

tot oder unlebendig - Reger, Bach und Emerson



Bei all den Dramen um die großartigen Musiker, die in diesem Jahr schon ihr Stimmgerät abgegeben haben (Otis Clay, David Bowie, Glen Frey, Black, Pierre Boulez, Keith Emerson, Nikolaus Harnoncourt, um nur einige zu nennen, und das, obwohl das Jahr erst 3 Monate abgefeiert.hat.. ich bin versucht, Leonard Cohen, Helmut Lachenmann und, da die Sterberitis derzeit ja auch jüngere Jahrgänge umfasst, Sol Gabetta, Leibwächter mit Knoblauch und Kreuzen an die Seite zu stellen), da vergisst man doch allzuleicht, dass es auch ein paar freudige Ereignisse zu feiern gibt.
In den letzten Jahren waren es gleich mehrere Bachs, die ihre Ehrentage begingen und der Reihe nach die 300er-Schallmauer durchbrachen, zuletzt Johann Sebastian selbst, der im letzten Jahr denn 330. feierte.
So richtig krachen lassen wird es der Herr Bach vermutlich erst bei seinem 333. und, da es sich um eine Schnapszahl handelt und der liebe JoSe diesem Getränk ohnehin nicht abgeneigt war (von seinem Ältesten wollen wir an dieser Stelle gar nicht sprechen, der bekommt ein Glas Kindersekt in die Hand gedrückt und der erste, der ihm verrät, was Sache ist, fliegt in hohem Bogen auf den Thomaskirchhof), wird man vermutlich noch Generationen später rufen "Drei-drei-drei, bei Jojos Zecherei!". Immerhin gelang es ihm, im Rahmen einer simplen Orgelabnahme innerhalb weniger Tage einen Betrag von über 15 Talern, was heutzutage beinahe 1.100 € entspricht, für Branntwein, Tabak und seine geliebten Schälchen Heesn auf den Kopf zu hauen. Zusätzlich zu den 30 Talern, die er als Honorar ohnehin einsackte, versteht sich.Und damals waren die Bachs nur zu dritt gereist.
Ob sich die Damen und Herren vom Bach-Archiv bewusst sind, was sie sich da ins Bosehaus geholt haben? Vielleicht sollten sie vorsorglich schon einmal eine Crowdfunding-Aktion ausrufen.
Nun gibt es neben den Geburtsjubilaren auch noch die Künstler, die zwar in diesem Jahr, allerdings in einem anderen Jahrhundert das Zeitliche gesegnet haben, was es trauernden Musikfreunden ermöglicht, ihren Schock zu überwinden und sich angemessen auszutrauern, auch wenn die Vorstellung, überhaupt einen Todestag zu feiern, also quasi eine Flasche aufzumachen, weil ein anderer den Klavierdeckel für immer geschlossen hat, ohnehin eine große Gratwanderung ist.
Max Reger ist so ein Fall. Mit einem Jahrhundert Unterschied hat er vor ziemlich genau hundert Jahren das Zeitliche gesegnet. Und, als wenn das für ihn nicht schon dumm genug gelaufen wäre, bliebe da noch die Tatsache, dass der gute Mann mit demselben Jahrhundert Unterschied auch in meinem Geburtsjahr das Licht der Welt erblickte. Sprich: Würde ich es darauf anlegen, genauso alt wie Max Reger zu werden, hätte ich noch knapp 6 Wochen zu leben. Nun habe ich mich in der letzten Zeit ja des öfteren ein wenig alt gefühlt, aber das schlägt dem Fass den Boden aus. Ehrlich.
Was Reger mit den bechernden Bächen verbindet, ist unter anderem seine Liebe zur Orgelmusik. Sauschwerer Orgelmusik, wie ein sonst recht wohlgelaunter Bekannter einst zähneknirschend und mit ziemlich grimmigem Gesichtsausdruck bemerkte. Ich zog es daher vor, ihn in aller Ruhe weiterüben zu lassen. Wer mich kennt und weiß, wie schwer es mir fällt, eine derartige Gelegenheit zu Kalauern und Fiesheiten ungenutzt verstreichen zu lassen, kann sich ungefähr vorstellen, wie schwer das besagte Orgelstück gewesen sein muss.
Regers Musik wurzelt in vergangenen Zeiten; im Barock, in der Klassik, vermischt sich mit der Klangwelt von Wagner, Brahms und anderen ebenfalls verstorbenen Komponisten und holt sich unterwegs ein paar ganz eigene, aufgebrochene Harmonien und regersche Spezialklänge mit ins Boot. So gesehen wäre er sicherlich ein guter Neoklassizist geworden, wenn er sich denn ein wenig zurückgehalten hätte, mit der Sterberei. So aber muss er mit den Romantikern am Tisch sitzen und bekommt keinen Nachtisch. Dafür aber eine Sonderausstellung.
Das Bach-Museum in Leipzig hat dem guten Herrn nun eine solche gewidmet. Unter dem Motto »Alles, alles verdanke ich Joh. Seb. Bach!« wurden wertvolle Stücke aus der Sammlung des Karlsruher Max-Reger-Instituts nach Leipzig verfrachtet und sind noch bis zum 23. Oktober im Bosehaus am Thomaskirchhof in Leipzig zu sehen. Den Flyer zurAusstellung verlinke ich hier. 
Der Raum für die Sonderausstellungen ist zwar nicht besonders groß und die Ausstellungsfläche somit begrenzt, allerdings gibt es trotz allem eine Menge interessanter Dinge zu sehen.
Ein bisschen wie ein Maze Runner fühlt man sich, wenn man sich zwischen den Zwischenwänden bewegt (Links sind Wände, rechts sind Wände, und dazwischen Zwischenwände... ) um sich von Text zu Text vorzuarbeiten und dabei von Erstdrucken zu Autographen, Briefen zu Fotos und Konzertprogrammen und wieder zurück zu wandeln. Oder wie Alice im Spiegelland, denn die Rückseiten dieser Texttafeln sind verspiegelt und schaffen damit ganz neue Bezüge der einzelnen Informationsinseln zueinander. Was also auf den ersten Blick aussieht wie ein Text über Bach, entpuppt sich möglicherweise bei genauerem Hinsehen als Spiegelung und ist am Ende doch wieder die Rückseite eines Regers (beinahe hätte ich "Hinterseite" geschrieben, doch das hätte man unter Umständen falsch verstanden). So hängt eben irgendwie alles zusammen und greift ineinander.  
Mal wieder eine Fuge, wie man sie von Bach ja kennt. Eine Spiegelfuge, um genau zu sein
Also wieder ein ganz altes Element in der hochmodern wirkenden Ausstellung.  
Nichts stehts für sich selbst, alles ist Teil eines größeren Bezugssystems. Bei Bach und Reger, bei den musikalischen Elementen und bei den Besuchern, die Teil dieser Spiegelwelt werden und ihre eigenen Reflexionen im Raum verteilen. Sind wir nicht alle ein bisschen Reger?
Und wer Reger ohnehin schon kennt, kann sich mit demselben Ticket auch noch in die Etagen der bachschen Dauerausstellung begeben, Rezepte für die Herstellung von Eisengallustinte abschreiben, virtuelle Notenblätter nach Übereinstimmungen untersuchen und sich ein bisschen Musik aufs Ohr knallen.
Sonderausstellungen des Bacharchivs sind ja immer so ein bisschen Leipziger Roulette, was den Informationsgehalt angeht (die Schuhkartonaquarien der Kinderbastelgruppe fand ich zwar hübsch, aber eine Seminararbeit in historischer Musikwissenschaft über das Thema der Bach mit dem Blubb wäre vermutlich nicht besonders gut angekommen), diesmal jedoch kommt man aus dem Gucken und Lernen gar nicht mehr heraus, wird also sicher nicht enttäuscht. Und wenn doch, kann man sich unten im Gloria einen Doppelten bestellen oder, falls sein Kaffee-, nicht aber sein Wissensdurst gestillt ist, im Hof herumlungern und warten, bis sich ein Mitarbeiter aus der Forschungsabteilung auf den Weg macht, um mittagessen zu gehen. Die wissen eine Menge, haben einen Haufen zu erzählen und sind viel zu höflich, um den Besucher vors Schienbein zu treten und sich den Weg freizuboxen (Ok, wir wissen es alle: Nicht zuhause nachmachen! Fremde Menschen darf man nicht belästigen :)  ). Oder man geht in die Thomaskirche um sich an Bachs Grabplatte auszuweinen und folgt dann der Leipziger Notenspur an anderen Komponistenhäusern entlang zum Grassi-Museum, ungewöhnliche Musikinstrumente gucken. Was die Musik angeht, hat die Stadt Leipzig ja einiges zu bieten. 
Neben Bach und Reger lebte auch Robert Schumann an der Pleiße (in die er allerdings nicht springen wollte, damit hat er gewartet, bis er sich am Rhein befand und nach den Flusstöchtern tauchen ging...ich weiß ja nicht, wie gefährlich die Pleiße so ist, aber selbst als er, entgegen seiner Hoffnungen, nicht zum Kapellmeister des Gewandhauses berufen wurde, schien sie ihm nicht attraktiv genug, um Bekanntschaft mit ihren Untiefen zu machen. Statt dessen zog er es vor, die Stadt zu verlassen), Telemann ärgerte hier den Herrn Kuhnau, indem er ihm Musiker wie Zuhörerschaft nahm und mit fetzigen Opern und einer guten Bezahlung lockte...tja und die Oper selbst war das erste bürgerliche Opernhaus im "Osten", das zweite in ganz Deutschland und das dritte in ganz Europa. Auch wenn es sich nicht um dasselbe Gebäude handelt, in dem heute gefiedelt und gefeiert wird.
Wer Zeit und Lust hat, sucht sich am besten einen der Tage heraus, an dem man auch im Bachmuseum ein bisschen fiedelt. Veranstaltungen im Sommersaal sind besonders zu empfehlen, wer es allerdings schafft, sich bis zum Juni zurückzuhalten, kann gleich noch das Bachfest mit seinen zahlreichen Konzerten mit einsacken (Veranstaltungen verlinke ich hier). Vielleicht sieht man sich ja im Gloria, wo der Kaffee süße schmeckt und das Fröeken Finemang Blogposts in den Laptop hämmert. Mal guggn, wie der alte Bach sagen würde.


               Der Jojo neben dem, was sein Haus wäre, wenn man es nicht längst abgerissen hätte :)
 Der Turm der Nicolaikirche. Wenn man den erreicht hat, ist es nicht mehr weit zum Thomaskirchhof.
            Das Deckengewölbe der Thomaskirche. Wunderschön  und mein Handyhintergrund :)