Donnerstag, 31. März 2016

Make me clever, Mr. Mozart!

 
Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich in der kinderreichsten Stadt Deutschlands lebe, daran, dass ich selbst Lehrerin bin und mein Bruder Kindergärtner ist, oder einfach nur daran, dass ich den ständigen Vergleich zu den Bachs oder den Marais' vor der Nase habe, die vermutlich aus Zeitmangel keine einzige Note mehr zu Papier gebracht hätten, wenn sie denselben Rummel veranstaltet hätten, aber ich habe zunehmend das Gefühl, dass der Wirbel, der heutzutage um Kinder gemacht wird, nicht wirklich gesund sein kann. Ich will damit nicht sagen, dass ein Kind schon von selbst zu heulen aufhört, wenn man es nur lange genug ignoriert und ihm dann irgendwann der Hals wehtut, aber der Druck, den jede noch so unausgegorene Studie über mehr oder weniger soziale Netzwerke auf Eltern, Schulen, Kindergärten und so weiter ausübt und die sofortige Umstellung ihrer Erziehungsmethoden auf die Ergebnisse irgendwelcher Forschungen fordert, das Aufkommen der Helikopter-Eltern, die es schaffen, ihre Kinder zwar keine Sekunde aus den Augen zu lassen und alles nachzulesen und in Foren zu diskutieren, was mit ihnen geschieht, selbst aber nicht aktiv bei der Bildung mitwirken (kein Musikunterricht der Eltern für die Kinder, keine gemeinsame Lesestunde, ehe das Kind zur Schule geht, kein Waldbesuch mit Malbuch, Heft und Kamera, damit die Tiere und Pflanzen abgebildet und beschrieben werden können... ), das Auf- und Abtauchen von medizinischen “Hypes”, bei denen Kindern massenweise Medikamente gegen Modekrankheiten verabreicht werden, all das nimmt neben der Erfahrung, dass man im Leben auch Fehler machen kann, auch die Ruhe und Beständigkeit aus dem Leben der jungen Generation.

Als ich im Kindergarten war, wurde nach Zeitplan gespielt und aufgeräumt. Es gab Themen, die durchgenommen und in Form von Geschichten, Bildern und Bastelarbeiten abgearbeitet wurden. 
Ein paar Jahre später, als mein Bruder in derselben Gruppe saß, war das längst out und es wurde gespielt, was man wollte, da der Lerndruck die Kinder krank machen könnte. 
Dann entdeckte man die Wichtigkeit bestimmter archaischer Spieleformen (Kim-Spiele) und regte gezielt dazu an, woraufhin man die Kinder erst bei jedem Wetter vor die Türe jagte und dann, als sich der erste einen kleinen Schnupfen geholt hatte und alle vor Sorge über die Aufsichtspflicht verrückt wurden, dazu überging, die Hofpause zu streichen, sobald einWindstoß kam oder ein Regentropfen vom Himmel fiel.

In den 90er Jahren gab es Musik. Von Mozart. Kindergärten in den USA wurden teilweise sogar von der Regierung des jeweiligen Bundesstaates dazu verpflichtet, den Kleinen eine Stunde pro Tag ein Klavierkonzert um die Ohren zu hauen. Während sie fleißig weiter Piraten spielten oder sonstwas taten. Nicht, dass man sich auch nur eine Note davon gemerkt hätte, vor allem, da das Verständnis bezüglich musikalischer Zusammenhänge in diesem Alter normalerweise durch das Singen einstimmiger einfacher Kinderlieder sowie das Spiel mit Rassel und Klangstäben gefördert wird, aber die Regierung sagt: Mozart macht schlau, also her damit. Und zwar nur Mozart. Zur Sicherheit. Könnte ja sein, dass Beethoven dumm macht und die Kinder später n der Schule jede Frage mit “dadada-daaaaa” beantworten (bitte beim Lesen das innere Ohr einschalten und “dadada-daaa” richtig interpretieren :) ).

Verursacherin dieses mozärtlichen Irrsinns war eine Neurologin namens Frances Rauscher, die im Rahmen eines Forschungsprogrammes der University of California eine Studie veröffentlichte, in der sie 2 Gruppen von Kindern bei einem IQ-Test gegeneinander antreten ließ. 
Der ersten Gruppe spielte sie 10 Minuten lang Mozarts D-Dur-Sonate für 2Klaviere (KV 448) vor. Der zweiten nichts. Gemeinheit.

Weshalb es ausgerechnet diese Sonate sein musste, weiß der Geier. Vielleicht hätten die Kinder ja der Tonartencharakteristik zufolge bei einem C-Dur-Stück nur rotzfreche Antworten im Stil vom “Fragen Sie Wayne. Wayne interessiert's!” gegeben (Mattheson zufolge hat C-Dur eine “ziemlich rude und freche Eigenschaft”), vielleicht fand die Frau Rauscher die Sonate aber auch nur schön. 
Fakt war jedenfalls: Die erste Gruppe gab beim anschließenden Test die besseren Antworten und hatte somit im Schnitt eine höhere Intelligenz als die Gruppe, die keine Musik vorgesetzt bekam. Zumindest etwa zehn Minuten lang, danach war der kurzzeitige Effekt wieder weg und die Kleinen waren wieder so klug (oder dumm) wie zuvor.

Ob die Kindergärten nach ein paar Sätzen die Studie zur Seite gelegt und einfach die Musik eingeschaltet hatten? So wie ein Schüler, der keine Lust hat, Iphigenies gesamte Inselabenteuer unter “rohen Skythen” zu verfolgen, einfach nur den Klappentext liest, oder bei “gutefrage.de” um eine Zusammenfassung bittet, oder vielleicht wollten sie auch kein Risiko eingehen, jedenfalls dudelte Mozart daraufhin die Kindergärten und Frauenarztpraxen und Baby-Walz-Geschäfte rauf und runter.

Die Tatsache, dass ich, bei dem Versuch, die genannte Sonate zu verlinken, etwa 5 Minuten lang auf meinen Rechner einschimpfte wie ein Rohrspatz, ehe mir aufging, dass ich den Lautsprecher gar nicht eingeschaltet hatte und somit nichts hören konnte, spricht vermutlich Bände über meine frühkindliche Musikbeschallung (wobei ich tatsächlich Mozarts kleine Nachtmusik auf meiner allerersten Musikkassette hatte (auf der anderen Seite befand sich Peter und der Wolf)), und zeigt, dass das Leben voller Teufelskreise steckt: Wenn Dich der Mozart nicht klüger machen kann, weil Du zu dumm bist, ihn anzuhören, hast Du ein Problem. 
 

Wie dem auch sei, das Ergebnis der Studie bekam einen geschützten und mit Copyright-zeichen versehenen Namen (“Mozart-Effekt”) und wurde vermarktet wie ein nie dagewesenes Apple-Produkt.

Und? Was zeigt mir ein Blick auf die Generation, die in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts die Kindergärten besuchte? Sind sie alle klüger als die Kinder der 80er und 70er Jahre?

Weshalb eigentlich sollte nur Mozart diesen Effekt ausüben? 
Rauscher zufolge macht nämlich Philipp Glass nicht einen Deut schlauer (Hallo, Phil? Hast Du Dich schon beschwert? Wir beide verlangen jetzt eine Neuauswertung, OK?), und vor Allem: Wer sich schon einmal gefragt hat, wie ein Schneepflugfahrer eigentlich morgens zur Arbeit kommt, wenn er den Weg dorthin ja noch gar nicht freiräumen konnte, der fragt sich jetzt sicher auch: Wie konnte Mozart denn selbst klug genug werden, solche Musik zu komponieren, wenn er selbst gar nicht damit beschallt werden konnte, da er sie ja erst nochschreiben musste.... Fragen über Fragen würde der Herr Verratichnicht jetzt sagen. Ja, Fragen bleiben viele offen.

Zum Beispiel die, ob man wirklich so dumm sein kan, zu glauben, dass ein paar Minuten Gedudel am Tag in einem Elternhaus, das sich ansonsten nicht weiter mit klassischer Musik beschäftigt, tatsächlich irgendeinen Unterschied ausmachen können. 
Klar, es gibt Verknüpfungen, die gebildet werden, sobald ein Kind entdeckt, dass sich bestimmte musikalische Strukturen wiederholen (Thema, Bassfiguren, tonale Struktur...), in veränderter Weise daherkommen (Variation, Sequenz) oder auch mal ganz aus der Schiene zu wandern scheinen (Rückung...), aber ich setze doch mein Kind auch nicht 10 Minuten täglich vor die Sportschau und erwarte, dass sich seine motorischen Fähigkeiten im Alltag verbessern, wenn es zusieht, wie ein Fußstoß einen Ball über das Feld jagen kann.

Im Laufe der weiter betriebenen Forschungen wurde der Mozart-Effekt mindestens genauso oft für tot erklärt wie wiederbelebt. Und jedesmal erscheint alles logisch und richtig zu sein, was da so aufgetischt wird, denn, wie bei so zielich allem im Leben, müssen die Umstände mit in Betracht gezogen werden. Klar wurde Mozart klug genug, um Mozarts Musik schreiben zu können, denn das Gehirn eines Musikers funktioniert tatsächlich anders als das eines Menschen, der kein Instrument spielt. Wer mehrere Stunden täglich am Instrument verbringt, trainiert quasi ständig, gleichzeitig zu lesen was da steht (bei Klavierspielern sogar 2, bei Organisten gleich 3 Stimmen gleichzeitig, und wer auch noch dazu singen möchte, muss ein weiteres System mit vollkommen anderen Noten parallel lesen können), innerlich zu hören, wie das so klingen muss, die passenden Bewegungen dazu zu machen (wobei die rechte Hand auch noch etwas anderes macht als die Linke) und dann eben auch noch zu überprüfen, ob der Ton denn überhaupt stimmt (beim Nachbarn mithören oder sich selbst überprüfen). Das ist eine ziemliche Leistung für das vergleichsweise kleine bisschen Denkmasse, das wir so mit uns herumtragen. 
Dass Musik auch das das Sprachzentrum beeinflusst und somit tatsächlich auch sprachlich eloquenter macht, zeigt die Tatsache, dass auch Teile des Sprachzetrums mit animiert werden, wenn man beispielsweise Klarinette spielt. Also ja: So gesehen macht Musik tatsächlich klüger. Zumindest was bestimmte Hirnareale betrifft.

Tja, und das erklärt dann wohl auch, wie es Philipp Glass geschafft hat, seine eigene Musik zu schreiben, obwohl die ja der UC-Studie zufolge kein Stück cleverer machen soll. 
Vermutlich gibt es sogar Musiker, deren Musik im Laufe der Jahre immer einfacher werden müsste, da sie -Frau Rauschers mir ziemlich suspekter Studie nach- mit jedem Ton ein bisschen dümmer werden müssten. Wen das so betreffen könnte, darüber wird wohl jeder Leser anders denken. 
Wäre allerdings mal einen Versuch wert, den einen oder anderen Kalauer darüber zu reißen... so nach dem Motto: Treffen sich ein Geiger und ein Bratschist. Sagt der Geiger: “Mir hat man in der Früherziehung ja von Tschaikowski abgeraten...” 
 

Bliebe noch die Frage, was Frau Rauscher eigentlich selbst so alles gehört hat in ihrer Jugend. 
Sie verteidigt die ersten Ergebnisse ihrer Forschungen noch immer, ihr zufolge muss es auch noch immer Mozart sein. Nun hat sie ihre Versuche auf Ratten ausgeweitet und dabei wohl klipp und klar aufgezeigt, dass die Intelligenz der süßen Nager bei Beschallung mit Mozarts sämtliche Rekorde sprengt. Dem ist nicht viel entgegenzusetzen. Außer vielleicht die Tatsache, dass Ratten Töne unterhalb des hohen C gar nicht wahrnehmen können, was man unschwer daran erinnern kann, dass sie sich selbst mit sehr hohen Fieptönen, die teilweise im für uns nicht mehr wahrnehmbaren Bereich liegen, verständigen. Nachdem also ohnehin nur ein winziger Bruchteil von Mozarts Musik überhaupt ankommt, in der kleinen Rattendenkkiste, da reichen vielleicht sogar 2 Minuten pro Tag. Dann finden wir auch den Käse unter dem Becher.


 Es wird tatsächlich ein bisschen grüner da draußen... hätte ja fast nicht mehr damit gerechnet....



Freitag, 25. März 2016

Irgendwie, irgendwo, irgendwann... Improvisation in der Musik


“Mach irgendwie”,das ist so eine Anweisung, bei der sich mir Systemtante und Kontrollfreak die Zehennägel aufrollen. Einzeln. Ich habe in England jahrelang getanzt (Mo-Jiving, ein hierzulande nahezu unbekanntes Phänomen, das aus einer Reihe frei kombinierbrarer Schrittfolgen besteht, über die man sich als Dame einmal im Leben keinen Kopf zu machen braucht. Wer die Schritte erst einmal auf dem Kasten hat, lässt sich vom führenden Herrn ganz einfach den Arm ausreißen, bzw. auskugeln und weiß ganz genau, wohin und wie sie ihm zu folgen hat. Endlich haben wir mal einen Helden, der uns sagt, wo es langgeht. Zumindest so lange niemand auf die Idee kommt, die Musik auszuschalten). Falls übrigens jemand Erfahrung im Mo-Jiven haben sollte, kann er sich gerne bei mir melden, meinem Cellolehrer zufolge sollteich mich nämlich mal wieder ein bisschen herumschubsen lassen (und nein, das ist weder Gewalt gegen Frauen, noch eine unanständige Anspielung, er meint einfach nur, dass ich ein bisschen zu sehr Kontrollfreak über alle meine Bewegungen bin, statt einmal nur mit dem “Flow” zu gehen :) )
Mo-Jiving hatte ich also im Repertoire, Salsa-Aerobic.Kurse habe ich selbst gegeben, mit ausgeklügelter Choreografie. Step-Aerobic ebenfalls (das ist das choreografierte Gehechte über den kleinen Kasten). Und dann stand ich eines Tages in einem Zumba-Kurs. Als Teilnehmerin. Mit der – vermutlich beruhigend gemeinten – Ansage, erst einmal irgendetwas zu machen. Super.
Irgendetwas bestand in diesem Fall daraus, wie ein angeschossener Tanzbär in der Mitte herumzutorkeln und dabei von allen Seiten umgerannt zu werden. Muss ich erwähnen, dass ich weinend den Raum verlassen habe?
Irgendetwas habe ich in Physik-Klausuren gemacht, indem ich einfach alle gegebenen Zahlen so lange miteinander verrechnet habe, bis eine Zahl dabei herauskam, die hübsch aussah, einigermaßen passen konnte oder zumindest keine 7 enthielt. Siebener mag ich aus irgendeinem Grund nicht besonders. Tja, und irgendwie lag meine Note auch immer irgendwo zwischen 4 und 5. Physik mochte ich vermutlich insgesamt nicht besonders, ob mit oder ohne 7.
Irgendetwas, kann ich aus Erfahrung sagen, funktioniert irgendwie nicht. Zumindest bei mir nicht. Weder beim Tanzen, noch beim Singen, bzw. aktiven Musizieren. Wobei ich zugeben muss, dass so ein bisschen Irgendwas schon ganz hilfreich sein kann und mir auch einmal den Mo-Jive-trainierten Hintern gerettet hat, als ich in Purcells “The Fairy Queen” auf der Bühne stand und im Duett mit einem von Oberons Elfenpunks den Hochzeitsgott Hymen herzizierte. Er kam nicht. Kein Wunder, denn die Tonart hatte bereits bei den ersten Takten des Vorspiels das Narrenschiff bestiegen und war unauffindbar davongesegelt. Und ich stand da wie angenagelt und tat das einzige, was möglich war: Irgendetwas. Nun ist Purcell ein freundlicher Komponist, der nicht wild mit Koloraturen um sich schmeißt, sondern diese eigentlich nur im Kontext, also gezielt, einsetzt. Wenn die Feen ihre “warbling Voices” vereinen beispielsweise, dann “warbelt” auch die entsprechende Musik. Hymen wird nicht angewarbelt, der Ruf an ihn ist eher klar und unmissverständlich, aber so ein paar Trillerchen hat Purcell auch uns in die Noten geschrieben, und diese kann man ganz wunderbar nutzen, um irgendwo darin irgendeinen Ton zu finden, der sich irgendwie passend anhört und ihn dann ganz schnell festzuhalten und zu fragen, ob er einen heiraten will. Auf diese Weise fanden wir also tatsächlich wieder zueinander, die Steampunkelfe und ich (jup, die Kostüme waren ein Thema für sich...selten so eine coole Ausstattung gehabt) und improvisierten einen gemeinsamen Suchaufruf, bis sich der Hochzeitsgott dann endlich bequemte, genervt “I obey” zu rufen und sich an seine Arbeit zu machen. Irgendwas kann also auch wieder richtig sein, Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass man
a) Das Stück kennt, also weiß, wie es sich “in richtig” anhören würde,wenn alles klappen würde.
b) Das Stück auch beherrscht. Klar, kann man ein Tonschleifchen um den einen oder anderen Ton herumondulieren, wenn man weiß “Der ist mir definitiv zu hoch, da sing ich ne Terz” oder “der Triller schmeißt mich jedesmal raus, da sing ich den Ton einfach stur durch”, aber wer sich in jeden Ton hineinschleift, weil er ihn auf Anhieb nicht treffen würde, oder so lange etwas vor sich hin brummt, bis er mal wieder an einer Stelle angelangt ist, die er kann, kommt nicht zum Ziel. Ein Phänomen, das übrigens überdurchschnittlich häufig an hohen christlichen Feiertagen auftritt, wenn die Leute dann doch mal in die Kirche stiefeln, die Lieder nicht kennen und auch, mangels Übung (an den anderen Sonntagen quälen sie sich dann doch lieber nicht aus dem Bett) nicht vom Blatt singen können. Das Ganze hört sich dann ungefähr so an.
und
c) die übrigen Musiker auch Bescheid wissen oder zumindest nicht alle an derselben Stelle dasselbe versuchen, sonst klingen selbst die Wiener Philharmoniker wie Free Jazz.

Punkt a wurde mir während eines Lobpreisnachmittags schmerzlich bewusst. Ich bekam mal wieder meine Lieblingsanweisung, “einfach irgendwas” zu machen, verbunden mit der Ermunterung, ich käme da dann schon “irgendwie” rein. Und dann...ja, dann klang es, als würde Yoda das Cello spielen. Es waren mit Sicherheit ein paar passende Töbe darunter, aber da ich nie wusste, wann die Akkorde wechselten und mir die Songs auch vorher nicht hatte anhören können, war deren Reihenfolge dann doch eher bizarr. Nennt mich einen Notensklaven, aber so ganz ohne alles ins Wasser geworfen zu werden, klappt bei mir schon deshalb nicht, weil ich nach den ersten drei Tönen in Panik verfalle und damit beschäftigt bin, vor meinen Versagensängsten zu fliehen, die mir abwechselnd “Du Loser, ist Dir eigentlich aufgefallen, dass die anderen längst zum F gewechselt haben?” und “heul doch!” hinterherrufen.
Mit Adorno bin ich verhältismäßig selten einer Meinung, aber da fühle ich mich dann doch immer ein wenig an seine Kritik am “Mach irgendwie”-Motto des Musikunterrichts der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erinnert (“Thesen gegen die musikpädagogische Musik” zu finden in der Kritik des Musikanten), in der er meckerte “Dass einer fidelt, soll wichtiger sein, als was er geigt!”. Dass ich mir hier die Saiten zersägte, war klar. Was ich da spielte, blieb jedenfalls unergründlich.
Improvisation, so paradox es klingen mag, will gut geübt sein. Einfach mal eine zweite Stimme zu einem Song zu improvisieren, kann ein guter Einstieg sein. Und das kann man sogar in aller Ruhe zuhause üben, ohne dabei einen ganzen Chor aus dem Konzept zu bringen.
Wenn es schon darum gehen muss, dass man sofort und ohne weitere Kenntnisse einsteigen und mitmusizieren kann, dann könnte man es ja einfach mal mit Klatschen versuchen. Ja, sicher, wir alle kennen den einen Kerl, der absolut keinen Rhythmus halten kann, so dass man davon ausgehen darf, dass sogar sein Herz Rhythmusstörungen haben muss, aber im Grunde schaffen wir die Sache mit der Klatscherei ganz gut. Das dachte sich vermutlich auch Carl Orff, als er seine Art der Musikpädagogik, das “Schulwerk” entwickelte. Mit Klatschen und Rasseln als Vorübung kommt man über Klangstäbe irgendwann sogar auf Xylophone mit einer ganzen Latte von Tönen. Meine Eltern waren große Orff-Anhänger und setzten mich bereits vor das Xylophon, als ich noch versuchte, mir den Schläger zur Gänze in den Mund zu stopfen und die Stäbe, die sich herausnehmen und durch andere Ganz- oder Halbtonschritte ersetzen ließen, in der gesamten Wohnung verteilte. Die Halbtonschrittverteilung bei Dur- und Molltonleitern waren mir von daher vertraut, als ich nur daran zu denken brauchte, wo bei meinem heimatlichen Xylophon die Parodonthose ausgebrochen war. Percussionsinstrumente finde ich hingegen noch immer cool, auch wenn sich das Ganze bei mir auf ein paar Rasseln und Cajon beschränkt. Klick
Der Typ mit der Gitarre ist übrigens des Frökens Bruder, Bror Finemang also sozusagen, der, inzwischen selbst Kindergärtner, das musizieren mit den Zwergen einst als “akustische Hieroglyphen” bezeichnet hat. Aber in dem Alter darf es auch noch einfach nur Spaß machen. Egal, was dabei rauskommt. Irgendwie.




Mach irgendwie beim Sport – so kannman sich die Anleitung sparen. Das entsprechende Studio sollte nur einen Orthopäden auf dem Kurzwahlspeicher haben.
Vielen Dank übrigens an die nette Julia bei Clever Fit Dresden, die die Fotos geschossen hat.

Dienstag, 22. März 2016

Ein Klavier, ein Klavier!

 
Was ist das?“ fragte mein Musiklehrer in der 6. Klasse (ja genau der Kerl mit den
Schrumpfkopfnotenund den durchstochenen Augäpfeln bei der Bachbiographie) und hämmerte in die Tasten, dass die Noten nur so stoben.
Ich habe nicht die geringste Ahnung, was er damals gespielt hat, vermutlich hatte die gesamte Klasse keinen Schimmer von der ganzen Sache, aber eines hatten wir: Das, was die meisten pubertierenden Zwerge haben:Chuzpe. „Ein Klavier“ rief M. Und hatte damals erst mal die Lacher auf seiner Seite, was der Herr K. Natürlich nicht zulassen konnte. „Nein!“ konterte er bestimmt. „Das ist ein Flügel!“
Und nun? Wer hatte nun recht? Irgendwie ja alle beide, obwohl sie einander in dieser Sache widersprachen. Herr K. hatte insofern recht, als wir den Ausdruck „Klavier“ landläufig für ein Pianino verwenden, er selbst aber auf einem Konzertflügel spielte. Andererseits handelt es sich bei dem Begriff „Klavier“ („Clavier“) genaugenommen um einen Oberbegriff für sämtliche Instrumente, die über eine Klaviatur verfügen und das schließt sowohl das Piano mir den aufrecht stehenden Saiten, als auch seinen großen Bruder, den dicken schwarzen „Schimmel“ (finde das Paradox... ) aus unserem Musiksaal mit ein.
Auch wenn wir heutzutage hauptsächlich diese beiden Tasteninstrumente in unseren Räumen stehen haben: Die Liste der Klaviere ist lang, die Instrumentenfamilie in etwa so groß wie die Bachfamilie, sollte man auf die Idee kommen, eine Familienfeier zu veranstalten, empfiehlt es sich, einen großen Saal zu reservieren. Alleine die Hammerklaviertypen gab es in Bauweisen, die unsere Pianinos- obschon sie die weitaus jüngeren Instrumente sind – ziemlich alt aussehen lassen. Dasselbe gilt für den Klang, der bei den kürzeren Saiten eines modernen Wohnzimmerpianos, einem langsaitigen Flügel gegenüber erheblich an Fülle eingebüßt hat. Frühere Klavierbauer lösten das Platzproblem, das so ein voll ausgewachsener Flügel mit sich brachte, auf weitaus kreativere Art und Weise: Nach derselben Methode, mit der man möglichst viele Menschen auf möglichst wenig Grundfläche unterbringt -indem man Wolkenkratzer in die Höhe baut- stellten sie das Klavier ganz einfach die Wand hoch. Ein Beispiel für eines dieser Platzwunder war das Giraffenklavier. Quasi ein an die Wand gefahrener Flügel. Das Ganze sah ein wenig so aus, wie ein mit Hammermechanik ausgestattetes Harfenklavier, welches seinerseits ein seltsames Hybridwesen war: Sein Papa war gewissermaßen ein Klavier, seine Mama hingegen eine Konzertharfe. Heraus kam eine Tastenchimäre, ein Mischlingswesen, das sicherlich im Instrumentenkindergarten ausgelacht wurde und niemals mitspielen durfte. Armer Kleiner.
Sah das Harfenklavier aus wie eine Harfe, können wir uns die Form eines Lyraklaviers wahrscheinlich in etwa vorstellen: Jup, richtig geraten, es ist der Form einer Lyra -also einer Leier- nachempfunden. Troubadix hätte vermutlich auf der Stelle zu sparen begonnen, wenn es das Instrument zu seiner Zeit bereits gegeben hätte, aber wie beim nach einem ähnlichen Prinzip aufgebauten Pyramidenflügel, beziehungsweise eigentlich den meisten leicht überkitscht wirkenden Tasteninstrumente im „Retro-Style“, mit Intarsien und Schnörkeln an den Beinen, handelt es sich um eine Biedermeierspielerei. Hätte es damals feine Damen mit Youtubekanälen gegeben, die sich per Videotutorial gegenseitig ihre neuesten Flechtfrisuren präsentiert hätten, hätten sie es vermutlich an einem Schminktisch getan, der gleichzeitig als Klavier fungiert, denn Klavierspielen war bei Mädchen aus gutem Hause ebenso en Vogue wie eine nette Frisur und ein Kleid mit Empiretaille.
Es sind die Zeiten der Umbrüche, Neuerungen, politischen Wirrungen, in denen sich der Mensch nach dem Althergebrachten, "Gediegenen", einfacher ausgedrückt: Nach der trügerischen Sicherheit vergangener Zeiten (die Erde dreht sich noch, ergo kann die Welt damals nicht untergegangen sein) sehnt. Das Höhlenleben oder irgendwelche schlecht geheizten zugigen mittelalterlichen Trutzburgen erscheinen einem dann ganz ungeheuer romantisch und erstrebenswert. Freilich nur, solange man sich vom eigenen Sofa, am besten mit einer Tasse Tee in der Hand und einer Suppe auf dem Herd damit beschäftigen kann. Lesen fördert bekanntlich die Phantasie und so kann man sich, während die politischen Probleme der Zeit den Alltag beherrschen, wenigstens in der Freizeit in ein von bösen Zauberern belagertes Märchenschloss oder gleich ins Auenland träumen - Während die napoleonischen Kriege und die darauf folgende Restauration über das Land zog, ließ man die Gebrüder Grimm ihre Märchensammlungen anlegen, baute sich Klaviere nach den Formvorbildern antiker Instrumente, und spielte das, was man für echte, unverbrauchte Volksmusik hielt. Auf dem Lyraklavier. Oder dem Pyramidenklavier. Oder auf dem alten Instrument mit Janitscharenzug, auf dem sich schon die Großmutter den Orient ins Haus geholt hatte, ohne ihr sicheres gutbürgerliches Wohnzimmer (das ebenfalls eine Mode der Zeit ist) zu verlassen.
Wer sich übrigens schon einmal über die Angewohnheirt gewundert hat, Spiegel über die niedrigeren Tischklaviere und Pianinos zu hängen: Auch dieser Trend entstammt dem Biedermeier, als die Töchter klimpern lernten, und diente dazu, sein Gesicht während des Spiels von Zeit zu Zeit zu überprüfen und gegebenenfalls wieder auf Werkseinstellung zurückzusetzen, denn verbissene Grimassen, während des Übens schneller Läufe und anderer schwieriger Stellen waren nicht "niedlich", somit unweiblich und abzulehnen. Da wusste man wenigstens, was man tun musste, um anzukommen. Nett lächeln. Wobei das auch heute ein paar Menschen nicht schaden würde, immerhin soll das ja auch umgekehrt einen positiven Einfluss auf die Laune haben.
Insgesamt scheint es den Klavieren an sich nicht vie anders zu ergehen als den Menschen, die sie spielen: Sie unterliegen Trends und Moden, werden mal schlanker, mal größer gewünscht, sollten stets guter Stimmung sein und am Ende zählen dann doch nicht die Äußerlichkeiten, sondern die inneren Werte, denn da spielt ja bekanntlich die Musik. Was also steckt im Inneren eines Tasteninstrumentes? Womit wird der Ton tatsächlich erzeugt? Haben die tatsächlich alle einen Hammer, oder gibt es auch ein paar, die sich gewissermaßen gerne einen blasen lassen? (Orgel oder oder Harmonium fallen beispielsweise unter diese Kategorie) Ist ein Spinett einfach nur ein quergestreiftes Cembalo? Wenn es so viele Klavierformen gibt, welches Instrument hatte der alte Bach eigentlich im Sinn, als er sein wohltemperiertes Klavier schrieb? Und: Ist so eine Melodica eigentlich ernsthaft ein Klavier oder doch nur eine sehr laute Methode, unreflektiert in ein Rohr zu pusten und sich zeitgleich durch das permanente Schielen auf die Tastatur eine Augenmigräne zu holen? 
Rollen wir die Sache mal von hinten auf: Jup, die Melodica bringt mit Hilfe des Luftstroms Metallzungen zum Schwingen, ist, Dank der ebenfalls vorhandenen Klaviatur, ergo ein Harmonium im Westentaschenformat und somit, gemeinsam mit seinem Bruder, der Quetschkommode, ein Klavier. Wennauch ein ziemlich schreckliches.
Bach allerdings hätte sich angesichts der Idee, das wohltemperierteKlavier auf diesem Pustefix zu spielen, vermutlich krank gelacht. Erstens kannte er das Ding noch gar nicht, denn die heutige Melodica wurde erst in den 1950er Jahren erfunden, und zweitens gestaltet sich das Spiel auf mehreren Tasten als relativ schwierig. Und auch, wenn erstzunehmende Komponisten wie beispielsweise Steve Reich tatsächlich für Melodica komponierten, hätte man seine Probleme mit dem bachschen Werk.
Für das moderne Klavier wurde es vermutlich ebensowenig geschrieben, obwohl es sich auf dem Piano natürlich wunderbar spielen lässt, aber der gute Jojo hatte so seine Probleme mit dem Hammerklavier. Während sein Sohn Carl Philipp Emanuel gerne dafür komponierte, fand Papa bach das Ding ganz einfach unschön im Klang und blieb lieber bei seinem Cembalo, das im Übrigen tatsächlich die Konzertvariante des Spinetts ist (bei welchem, wieauch beim Virginal) die Saiten deutlich platzsparender angeordnet sind. Bei diesen Instrumenten werden die Saiten auch nicht angeschlagen, sondern angezupft, was allerdings die Dynamit deutlich einschränkt. Jeder, der sich schon einmal geprügelt hat, weiß, dass es Schläge gibt, die man eher erträgt, da sie deutlich sanfter sind, und Schläge, bei denen man die Sterne sehen kann. So oder so ähnlich geht es auch dem armen Klavier, also überlegt euch zukünftig, was ihr ihm antut mit eurer Tastendrescherei (ok.... vergesst das). Was bleibt? Die Orgel? Immerhin eines von Bachs am häufigsten genutzten Instrumenten, aber auch diese Idee können wir vergessen, da der Organist 3 Systeme zu lesen hat (linke Hand, rechte Hand, Fußpedale), das wohltemperierte Klavier aber nur 2 Systeme aufweisen kann. Also doch das Cembalo. Und darauf klingt es ja auch ausgesprochen gut.
Somit hätten wir die meisten Varianten der Tonerzeugung auch schon abgehakt. Was bleibt neben einigen Mischformen und Vorläufern anderer instrumente? Das Carillon vermutlich, das nun wieder eine ganz eigene Schiene fährt, denn hier wird über die Klaviatur erstens ein Glockenspiel bedient und zweitens sieht die Klaviatur mit ihren hölzernen Zapfen, auf die mit der ganzen Hand eingedroschen wird, ziemlich eigentümlich aus.
Eigentümlich ist allerdings mal wieder Ansichtssache, denn die heutzutage in der westlichen Kunstmusik gängigen 12 Tasten pro Oktave sind zwar verbreitet, jedoch nicht zwingend. Auch so ein Cembalo konnte seine 19 Tasten pro Oktave aufweisen , denn die musikalische „Relativitätstheorie“ (e= f+b) (ich spreche hier von der enharmonischen Verwechslung) hätte ein Renaissancemusiker vermutlich äußerst befremdlich gefunden. Das wohltemperierte Klavier baut auf diese Idee der „alles ein bisschen falsch, aber in sich fast sowas wie stimmig“ - Stimmung auf, doch je reiner die Stimmung, desto weniger e das fes. Hier ist das Cembalo Universale übrigens sehranschaulich beschrieben. 
Und wer schon einmal ein Orthotonophonium gesehen hat (zu bewundern beispielsweise im Grassi Museum für Musikinstrumente in Leipzig), der wird vermutlich doch erstmal Blockflöte lernen wollen. Später kann man ja dann immer noch umsteigen. Auf die Melodica beispielsweise.
 Die Klaviere im Hause Finemang: Der alte, stets ein wenig verstimmte Hektor (ein "grumpy old man" sozusagen)
 Und "Junior", der irgendwie gleichzeitig auch eine Orgel, ein Cembalo und ein Kinderchor ist, je nachdem, welche Knöpfe man drückt. Nur "Melodica" habe ich im Klangrepertoire bisher nicht gefunden.
Der neue Lieblingsplatz der Miezen... solange dieses Plüschungheuer auf dem Boden lag (wie es sich für einen Teppich gehört) haben sie eine Bogen darum gemacht...kaum legte ich das Ding auf die Kommode, um besser wischen zu können, wurde es beschlagnahmt. Na gut, dann lasse ich es eben da liegen.Wie sagt man so schön? Es ist ein "Look"!

Freitag, 18. März 2016

Der Soundtrack meines Lebens



Vor einigen Jahren unterhielt ich mich mit meinem Vater über den Einfluss, den Bücher, Theaterstücke, Opernstoffe, die Leben anderer Leute eben auf unser eigenes Leben haben. Wir kamen überein, dass “Was vom Tage übrig blieb” ein wunderbares Buch ist, um das Haus zu putzen und nebenbei sein Leben zu sortieren, während “Siddharta” eine unübertroffene Einstimmung zum Aussortieren ist. Man kann plötzlich so viel einfacher leben und betrachtet eine Menge Dinge um sich herum als nutzlosen Ballast. Mein Vater meinte damals sogar, er verlöre mindestens zwei Kilo Körperfett in den folgenden zwei Wochen.
Gibt es also für alle Lebenslagen die passende Geschichte mit den richtigen Helden, die uns inspirieren können? Brauchen wir nur danach zu suchen, um Unterstützung bei unseren Problemen zu bekommen? Können wir irgendwann unsere Freunde mit unserem Gejammer verschonen, und, wenn sie uns fragen, wie es denn gerade so aussieht mit dem Herrn Sagichnicht, ganz locker antworten “Danke für Dein Interesse, aber wir brauchen nicht darüber zu reden, ich schaue mir gerade zum fünfzehnten Mal “Das Schweigen der Lämmer” an?
Was nehme ich, wenn mir die Inspiration zum Bloggen fehlt? Sex and the City? Die Protagonistin schreibt schließlich in jeder Folge fleißig an ihrer Kolumne...allerdings schleppen sie und ihre Freundinnen pro Folge auch mindestens zwei Männer mit nach hause,und das entspricht nicht so ganz der frökenianischen Lebensphilosophie. Oder ist der Herr Sagichnicht so etwas wie mein Mister Big? Nur eben ohne Happy Ending? Man weiß es nicht.
Aber bleiben wir dieser Idee einen Augenblick treu und sehen wir uns musikalisch ein bisschen um... vielleicht brauchen wir ja wirklich die eine Heldin, die eine Oper, die eine große Arie unseres Lebens... eben etwas, mit dem wir uns identifizieren können, nur eben mit etwas mehr Glamour, etwas mehr rotem Samt, einer schöneren Bühnendekoration und einem Hornsolo?
Erinnern wir uns einmal einen kurzen Moment lang an unsere Jugend... wer kennt die “Mixed Tapes”, die Kassetten, die wir aufnahmen und unseren Angebeteten in der Schule zusteckten, in der Hoffnung, dass sie sich ein bisschen freuten und über die ausgewählten Musikstücke (bei mir meist eine wirre Mischung aus Arcadia (kennt die überhaupt noch ein Mensch?), Tori Amos (immer noch ganz vorne bei mir), Sting (ditto), Duran Duran (wild boys!!) und der Arie der Königin der Nacht) eine Art innere Brücke zu uns aufbauen konnten (oder auch nur wollten) ? Haben wir nicht vielleicht alle ein Mixed Tape unseres Lebens? Zehn oder zwanzig Songs oder andere Musikstücke, die uns beschreiben, die zeigen, wie wir wirklich sind und die wir in Krisensituationen in der Endlosschleife hören können, bis wir keine Tränen mehr haben? Oder ist das mal wieder so ein Frauending? Hört noch jemand abends Dowland, kippt sich Tee hinter die Kiemen und schließt Frieden mit der Welt? Oder meinen liebsten Jammerchoral “Es ist genug”, wenn alles so furchtbar ist, dass man einfach mal ein Statement setzen möchte und sich von der unglaublichen Ruhe dieses Chorals wieder auf den Teppich bringen lässt?
Es ist vermutlich ein bisschen wie es uns die Bibel im Buch der Prediger lehrt: Ein jegliches hat seine Zeit (pred. 3,1). Ein jegliches hat vermutlich auch seine ganz eigene Musik, seine Arie, seine Sonate oder seinen Song. Ist das dann also die Musik unseres Lebens? Ist jeder von uns ein Song? Nun, vermutlich nicht jeder von uns, denn obwohl die meisten Menschen Musik in irgendeiner Form mögen und mit Empfindungen verbinden, gibt es tatsächlich auch Mitmenschen, deren Gehirn in dieser Hinsicht anders arbeitet. Musik wird zwar gehört, gespeichert und wiedererkannt, und auch das Gefühlszentrum funktioniert in der Hinsicht einwandfrei, als sie der Lage sind, Gefühle zu empfinden, jedoch scheinen die beiden Hirnareale nicht miteinander verknüpft zu sein. Für einen Menschen mit diesem Phänomen (Anhedonie genannt) besteht also keinerlei Verbindung zwischen einem nach „herkömmlicher“ Ansicht „traurigen“ Musikstück und dem entsprechenden Gefühl.
Die gesamte Affektenlehre hat sich so ein Barockkomponist eingehämmert, monatelang, und alles ist für die Katz, wenn der Hörer Anhedoniker ist. Allem Anschein nach scheint das Gehörte keinerlei Einfluss auf das Belohnungszentrum in seinem Gehirn zu haben und der Hörer ist somit unfähig, das Gehörte zu genießen. Für eine Songheulerin wie mich eine seltsame Vorstellung, aber es soll ja auch Leute geben, die überhaupt keine Gefühle anderer Menschen nachvollziehen können. Dann schon lieber mit unbewegtem Gesicht im Konzert sitzen. Auf diese Weise hat man wenigstens immer jemanden neben sich, den man guten Gewissens losschicken kann, um noch ein paar Getränke zu besorgen. Ihm ist es dann ja ohnehin egal, wenn er etwas verpasst.
Was die Frage nach der Musik meines eigenen Lebens betrifft: Wenn wir Gefühle und Musik miteinander verbinden, müsste man für jedes Gefühl ein Musikstück finden können, das unser persönliches Empfinden von Freude, Trauer und so weiter am ehesten ausdrücken kann. Und da wir nicht nur alle unterschiedliche Erfahrungen im Leben machen, die uns auf unterschiedliche Weise prägen, sondern ebenso unterschiedliche Musik hören, müsste eine entsprechende Liste mehr über uns, unser soziales Umfeld, die Musik unserer Kindheit, unsere Freundes- und Bekanntenkreise aussagen, als man auf den ersten Blick vermuten würde.
Also.... wird sich das Fröken soweit öffnen? Will ich das? Mache ich mich zum gläsernen Menschen, wenn ich verrate, dass ich in der Badewanne den Fliegenden Holländer höre?
Vermutlich ja. Vermutlich könnte jeder Hobbypsychologe seinem Zeitvertreib frönen, aber da ich ohnehin eine hoffnungslose Loserin bin, was das strategische Verbergen von Gefühlen angeht und der Herr Sagichnicht dies hier niemals lesen wird (das implizierte ja ein gewisses Interesse an meiner Person), kann ich auch gleich in die Vollen gehen und musikalischen Seelenstriptease betreiben.
Hier nun also eine Liste basaler Gefühle/Gegebenheiten und die Musikstücke, die mir spontan dazu einfallen. Interessanterweise sind einige meiner liebsten Komponisten oder Stücke dabei nicht vertreten. Da scheint also tatsächlich eine Portion Psychologie mit drinzustecken:

  1. Freude: Ist es bezeichnend, wenn mir ausgerechnet hier spontan nichts einfallen mag? Ich freue mich oft. Ganz sicher!
  2. Kummer: Alban Berg: Violinkonzert
  3. Trauer: Johannes Brahms: Ein Deutsches Requiem (wurde auf der Beerdigung meines Vaters gespielt)
  4. Nostalgie: Mozart: Eine kleine Nachtmusik (meine erste Kassette als Kind); Leonard Cohen: Suzanne (zuhause viel gehört); Kim Wilde: Child, come away (erste selbstgekaufte Single... ich bin wohl offiziell ALT)
  5. Verzweiflung / Keine Lust mehr: Joni Mitchell: River
  6. Ruhe, Friede, Tasse Tee am Abend: Philipp Glass: A Night on the Balcony (aus “The Screens”); Carl Michael Bellman: Fredmans sâng No. 5 Sa slâr min Glock nu locket till (ja, ich weiß, der Glock ist tot, aber immerhin trinken sie darauf und das Lied ist wunderschön und nein, ich weiß nicht, wie ich das blöde runde Ding auf das a bekomme bei meiner Tastatur....), Sting: Ghost Song
  7. Ein Song über einen ganz bestimmten Menschen: Tori Amos: China
  8. Was ich immer schon spielen können wollte: Camille Saint Saens: Danse Macabre in der Bearbeitung für 2 Celli
  9. Was ich immer wieder anhören / ansehen könnte: Bach/Bellman/Dowland; Glass/Foday Musa Suso: The Screens; Brecht/Weill: Mahagonny
  10. Was ich nie wieder ansehen / anhören will: B.A.Zimmermann: Die Soldaten (das Trauma sitzt tief); Leoš Janáček: Aus einem Totenhaus (dito)
  11. Ich liebe den Text, ich hasse die Musik: Joni Mitchell: Both sides now
  12. Ich hasse den Text, ich liebe die Musik: Edvard Grieg: Solvejgs Lied (aus Peer Gynt) (Vom Frauenstandpunkt her sollte man der lieben Solvejg mal ein paar Takte erzählen. Warten ist ja schön und gut, aber die Frau braucht eine Therapie)
  13. Was mich zum Lachen bringt: Mauricio Kagel
  14. Was mich zum Weinen bringt: Luigi Nono: Il canto sospeso
  15. Was mich beim ersten Hören umgehauen hat: Mikis Theodorakis: Canto Général


  1. Nein, ich bin nicht dick. Ich liege nur unvorteilhaft und die Zweibeinerin kann nicht fotografieren!

Freitag, 11. März 2016

Musik und Handlung: Filmmusik und wozu wir sie brauchen


Wer erinnert sich noch an das gemeinsame Musizieren in der Kindheit? An Hausmusik in der Familie oder mit Freunden. An Vorschuladventszeiten, die angefüllt waren mit Barockschnullergetröte (weshalb lehrte man Blockflöte zu meiner Zeit eigentlich grundsätzlich in Riesengruppen unter dem Motto „Lauter ist besser“? Und je mehr ihr seid, desto weniger hört man, wenn sich der einzelne verspielt, oder mangels Können ganze Passagen lediglich imitiert? Mit aufgeblasenen Backen und konzentriertem Schummlerblick? War das das Mekka derjenigen, die nicht wirklich spielen konnten und das Grab der Musik, oder etwa bereits der Beginn des Punk, dem ja irgendwie dieselbe Philosophie zugrunde liegt? Jeder kann örgentwass örgentwi. Unt zur Not, machma Kunst traus!), mit brummenden Geschwistern im Stimmbruch und den ewig gleichen Weihnachtsliedern? Stille Nacht bis der Baum Feuer fing?
Jedes Mal, wenn ich meine Großeltern besuchte, gab es Hausmusik nebenan. Dann trottete ich, damals noch mit meiner Querflöte unter dem Arm, zur Nachbarin, die aus Böhmen kam, entsprechend gute Marillenknödel machte und am Klavier sang, während ich mich einem Lungenkollaps entgegenblies. Filmmusik gab es, was eigentlich eine tolle Sache gewesen wäre, wenn sie nicht ausgerechnet eine Vorliebe für Heimatfilme gehabt hätte. Ich schwöre, noch heute kann ich jede einzelne Note von Mariandl ausdem Wachauerlandl spielen. Auf jedem einzelnen Instrument, auf dem ich eine halbwegs saubere Tonleiter hinbekomme.
Dabei hätte es so schöne Filmmusik gegeben. Große Werke ebenso großer Künstler. Also sprach Zarathustra wurde ebenso in einem Science-Fiction-Film verbraten, wie das wunderbare „Atmosphères“ des ebenso wunderbaren György Ligety (Wir sprechen hier übrigens von 2001: Odyssee im Weltraum – einem Film, den man sich tatsächlich nur noch wegen der Musik anschauen mag). Übrigens, wo wir gerade bei Weltallfilmen und Musik sind: Sollte jemand planen, in Leipzig Musikwissenschaft zu studieren: Die Frage nach John Williams und seiner Musik zu Star Wars wurde mir damals zumindest gestellt. Im Gegensatz zu mir wusste mein „kleiner“ (er überragt mich um mindestens 2 Köpfe) Bruder sogar, wer es eingespielt hatte....
Zugegeben, in vielen Fällen wirkt Filmmusik so, als sei sie aus vorgearbeiteten Musterstücken zusammengeschustert worden, einsortiert in „Spannung“, „Romantik“, „Inferno“ und „Abspann“, dann ertönt tatsächlich jedes Mal eine schlechte Kopie von Griegs Morgenstimmung, wenn irgendwo die Sonne aufgeht und ein neuer Tag neue Chancen birgt, allerdings ist es auch nicht so einfach, dem teilweise vollkommen überzogen erscheinenden Anspruch zu genügen, gleichzeitig die Handlung zu stützen, die entsprechenden Gefühle beim Zuschauer zu verstärken, dabei aber selbst nicht im Vordergrund zu stehen, denn wenn der Kommissar die Leiche findet, dann ist sollen sich die Leute an genau diesen Moment erinnern, und nicht an die Rückung um einen halben Ton nach oben (billig, aber effektiv, wenn es um die Erzeugung von Spannung geht), sowie eine Verdoppelung der Notenwerte, so dass der Grundschlag irgendwie beibehalten werden kann, während sich gleichzeitig plötzlich 8 statt 4 Töne zwischen den Taktstrichen tummeln und das Gefühl einer Beschleunigung erzeugen. Tonhöhe, Lautstärke, Statik und Tempo spielen dabei eine ebenso große Rolle, wie der gezielte Einsatz von Dissonanzen. Man denke nur einmal an die Duschszene in Psycho. Wer jetzt keine kreischenden kratzigen Geigen im Kopf hat, darf sich setzen.
Ein kuscheliger C-Dur-Dreiklang erzeugt nun einmal bei weitem nicht so viel Bedrücktheit, wie beispielsweise sein Cousin 2. Grades. Ein a-moll7, wobei der für sich alleine gesehen auch nicht besonders spannend ist, wenn das tonale Umfeld nicht berücksichtigt wird. Innerhalb einer d-moll-Tonika will so ein a7 dann aber doch nach Hause, unter die Bettdecke und weinen gehen. Die Generation der Leittonsklaven lässt grüßen.
Die Aufgaben der Filmmusik haben wir ja schon einmal kurz angerissen, nun gibt es aber auch eine Menge Filme, bei denen wir die Handlung getrost in die Tonne kloppen können, alleine die Musik macht den Kinobesuch schon zu einem Erlebnis. Die genannte Weltraumodyssee ist einer dieser Fälle, Koyaanisqatsi wäre ohne die Musik von Philipp Glass absolut unvorstellbar, und was wäre der Planet der Affen ohne die Musik von Jerry Goldsmith? Genau: Ein Haufen Menschen in Affenkostümen nebst einem Haufen Affen in Menschenkostümen.
Andere Filme leihen sich, wie zu den Anfangszeiten des Kinos praktiziert, große Stücke noch größerer Meister: Viscontis Tod in Venedig wäre uns wohl kaum so nahe gegangen, wenn Tadzio zu den Klängen des Ententanzes ins vom Sonnenuntergang gerötete Meer gewatet wäre. Und Zarathustra spricht immer noch zu uns, während das Raumschiff durch das All gleitet. Walt Disney, sonst eher für das typische „Mickey-Mousing“ (Musik, die die Handlung nicht nur unterstützt, sondern quasi die Geräusche dazu mitproduziert, wie etwa einen Paukenschlag, sobald eine Cartoonfigur auf die Schnüss fliegt, oder Castagnettenrasseln, das einen Treppensturz Stufe um Stufe begleitet) bekannt, schuf mit „Fantasia“ einen Film, der quasi eine Geschichte Ton für Ton auf Paul Dukas' wunderschöne sinfonische Dichtung "Der Zauberlehrling“ legt. klick
Da möchte man doch knappe 130 Jahre zurückreisen, den guten Eddie Hanslick schnappen, am Kinosessel festbinden und ihn danach bitten, seine Aussage zur Unmöglichkeit von Programmmusik noch einmal zu wiederholen.
Und dabei war Filmmusik zu seiner Zeit bereits präsent. Allerdings weit weniger ausgefeilt und hauptsächlich einem sehr einfachen Zweck dienend: Die Vorführgeräte der ersten Generation waren derart laut und unangenehm anzuhören, dass sie die Zuschauer beim Filmegucken störten. Somit entschloss man sich, Feuer mit Feuer, bzw. Krach mit noch mehr Krach zu bekämpfen und legte eine Musikspur über das ganze. Zu Beginn handelte es sich dabei eher um eine zusammengewürfelte Mischung all dessen, was das Archiv so zu bieten hatte, Hauptsache laut genug, um den Projektor zu übertönen, bald jedoch stellte sich heraus, dass Musik, die gegen die Handlung arbeitet, mitten in einer Szene wechselt oder sonstwie nichts mit dem Gezeigten zu tun hat, noch mehr nervt, als das Projektorengeratter. Und so tat sich eine neue Geldquelle auf, für all diejenigen, die nach ihrem Musikstudium nicht genügend Auftritte an Land ziehen konnten: Eine Karriere als Kinopianist. Man spielte klassische Stücke, manche mehr, manche weniger bekannt, so schnell oder langsam es sich im Zusammenhang mit der Handlung eben gut anfühlte, mal länger, mal kürzer, dazwischen wurde improvisiert und irgendwie bekam man es mit wachsender Erfahrung dann irgendwann hin, Handlung und Musik ineinander greifen zu lassen. Fast so, wie es die Filmmusik noch heute tut.
Ein besonderes Schmankerl mussten Tanz- und Gesangsszenen gewesen sein. Da sagte man dem Pianisten dann am besten rechtzeitig Bescheid, was beim Drehen des Films gespielt worden war, um unliebsamen Überraschungen vorzubeugen. Und wenn gesungen wurde, dann durfte der Herr am Klavier entweder aus dem vollen Schöpfen (keine Sorge, Musicalfilme, wie West Side Story oder Evita kamen später, blieben dem Mann also erspart), oder man legte eine Schallplatte auf. Idealerweise dann auch dasselbe Stück, das bereits bei der Aufnahme der Szene gesungen worden war. Auch das hätte sonst peinlich werden können.
Der größte Schritt war mit der Schallplattenidee dann auch schon getan: Man hatte eine Ton- zu einer Filmspur geschaffen und mit steigender Aufnahmekapazität, was Schallplatten oder Tonwalzen betraf, stieg auch der Anteil der Filmmusik aus der Konserve.
Als dann in den 1920er Jahren der Tonfilm im wahrsten Sinne „von sich reden“ machte, hätte die Filmmusik theoretisch ausgedient haben können, immerhin springen wir im wahren Leben, an das der Film ja angelehnt sein sollte, auch nicht zur Musik von Benny Hill durch die Gegend, wenn wir jemanden suchen oder verfolgen klick (wer hat nicht sofort lange Flure mit sich öffnenden und schließenden Türen im Kopf, wenn er diese Töne hört?), allerdings stellte sich bald heraus, dass des Filmen ohne die Musik etwas fehlte: Irgendwie wirkten sie flacher, emotionsloser, fehlte ihnen der Tiefgang ohne die Musik. Und so blieben die Töne im Repertoire. Zum Glück, würde ich sagen, denn Yellow Submarine wäre ohne Musikspur einfach nur ein großer Unfall mit zu viel Heroin und einem Wasserfarbkasten.
Was die Musiklosigkeit des täglichen Lebens betrifft, könnten wir ja alle einmal ein kleines Experiment wagen: Nehmen wir einem an seinem MP3-Player festgewachsenen Teenager doch ganz einfach mal seine Musikdose weg und fragen wir ihn am Ende des Tages, ob er das Gefühl hatte, seinem Leben habe es an diesem Tag irgendwie an Tiefgang gefehlt.



 Wenn ich die Weiße Scheiße da draußen so ansehe und das Thermometer sich keinen Milimeter nach oben bewegt, kann ich kaum glauben, dass es in 3 Monaten schon wieder so aussehen soll...


 Momentan müsste die Straße schon beheizbar sein, wenn ich mich tatsächlich hinausstellen sollte :)

Und für diejenigen, die die  offensichtlichste Filmmusik (das Filmmusical) vermisst haben: Da unterscheide ich zwischen verfilmtem Musical (Hair und dergleichen, deren Musik bestenfalls angepasst wurde) und ganz neuer Musik.  Zum Trost gibt es noch schnell mein Lieblingsstück aus "Fame": The body electric

Freitag, 4. März 2016

“Weiberkram Musiksoziologie”, oder: Warum Frauen immer alles verstehen müssen



“Historische Musikwissenschaft” musste ich mir neulich anhören, “das ist ja mal wieder ganz typischer Weiberkram. Von Musiksoziologie will ich mal gar nicht reden. Passt zu Dir. In den Privatangelegenheiten toter Komponisten rumzuschnüffeln, statt mit Zahlen zu hantieren!”
So, Herzchen, jetzt pass mal auf: Mal ganz abgesehen davon, dass Du es mit Deiner sytematischen MuWi auch nicht gerade zum Raketenwissenschaftler bringen würdest, bis 8 kann ich nämlich auch noch zählen, statt wie ein Mathematiker halbwegs reale Zahlen zu verwenden, kommst Du mir hier mit kleinen und großen Dreiern und verminderten Siebenern an... und was bitte hat denn die Frage danach, wie Beethoven von seinen Zeitgenossen aufgenommen worden ist, mit Privatsphäre zu tun? Oder die Frage nach den Aufführungsmöglichkeiten, Publikumsschichten, oder den Zeitgeschmack beeinflussenden politischen Entwicklungen?
“Ja, Klar”, heißt es, “Nun wird also die Rolle des Einzelnen innerhalb der Gesellschaft beleuchtet. Hauptsache, Ihr habt irgendwo ein “Sozio” im Namen, oder? Musiksoziologie, sozialgeschichtliche Musikrezeption, sozialverträglichkeit der Kompositionsgeschichte...”
“Soziopath hat auch ein Sozio im Namen” denke ich, während ich mich krampfhaft bemühe, mich so wenig wie möglich zu bewegen, damit mir nicht das festbetonierte Lächeln aus dem Gesicht fällt und womöglich am Boden zerschellt. Das brauche ich nämlich noch für ein paar andere Besserwisser.
“Wusstest Du eigentlich” nölt er weiter, “dass über 2/3 der Sozialpädagogen weiblich sind, aber nur ein verschwindend kleiner Anteil davon in diesem Bereich auch Karriere macht? Aufwärts gehts es dabei nämlich auch nur für die Männer, weil die sich nicht gleich jeden Komplex zu eigen machen, von dem sie im Laufe ihrer Arbeit hören oder lesen.”
Nein, Komplexe hat der systematische Herr Klugscheißer nicht. Aber dafür noch ein paar Rundumschläge im Repertoire. “Warum eigentlich nicht gleich Musikpsychologie? Hat Dein Friedemann unter seinen 19 Geschwistern Probleme bei der Ichfindung gehabt? Hatte sein Papa nicht genügend Zeit für ihn? So zwischen Toccata und Fuge?”
Wenn man ernsthaft erwägt, das Instrument zu wechseln, weil es sich mit einer Geige ganz einfach viel besser zuschlagen lässt, als mit einem Konzertflügel, dann...ja dann sollte man sich kurz entschuldigen, den Raum verlassen, einen grünen Tee trinken und dem Portrait auf dem Cover der Wilhelm Friedemann Bach CD, die neben dem Computer liegt, beruhigend über die Wange streicheln und schwören, ihn zu rächen, sobald sich eine halbwegs legale Möglichkeit dazu bietet.
Nun aber mal abgesehen von persönlichen Animositäten... sind wir Frauen tatsächlich anfälliger für den ganzen Soziokram? Wollen wir wirklich immer alles verstehen (und wenn wir das nicht täten: Gäbe es dann überhaupt noch Männer auf dieser Welt, oder hätten wir sie längst ausgerottet)? Oder fallen wir in diesem Bereich ganz einfach nur ein bisschen mehr auf als beim Intervallezählen, ganz einfach, weil es bei allem, was irgendwie mit Geschichte zu tun hat, auch immer ein Stück weit um die Rolle der Frau in ihrer Gesellschaft geht?
Wer über Fanny Mendelssohn-Bartholdy/Hensel schreibt, wird nicht umhin kommen, zu erwähnen, was für einen Glücksgriff die Gute mit ihrem Gatten getätigt hat, der ihr nicht nur erlaubte, weiterhin zu komponieren, sondern sie sogar dabei unterstützte. Bei den Schumanns und Mahlers, bei denen die Frauen mindestens ebenso begabt waren, wie ihre Männer, sah die ganze Geschichte schon erheblich anders aus. Während Mahler das Ansehen von Almas Kompositionen ganz einfach nur so lange aufschob, bis er selbst keinen Aufschub mehr bekam und Tadzios altem Verehrer in die ewigen Kompositionsgründe folgte, war Schumann da rigoroser und sprach ein Antiweiberkompositionsmachtwort. Nicht mal üben durfte die Arme, während er an seiner Sinfonie schrieb, die er dann allerdings zu seiner Ehrenrettung auch relativ fix über die Bühne bekam.
Wie auch immer, wir werden kaum eine Biografie finden, in der ausdrücklich erwähnt wird, wie nett es von Constanze Mozart war, dass sie ihrem Wolferl erlaubte, weiterhin zu komponieren, anstatt einem ordntlichen Beruf nachzugehen oder sich um die Kinder zu kümmern, denn immerhin war sie selbst ja Sängerin und verdiente Geld. Die Anna Magdalena Bachin übrigens auch. Und das nicht schlecht. Immerhin war sie die Person mit dem zweitbesten Gehalt unter den köthener Hofmusikern. Dass sie später nicht mehr regelmäßig singen konnte, lag allerdings eher an der Tatsache, dass es in Leipzig, wohin die Familie übersiedelte, einen Knabenchor gab, der dem Herrn Gatten unterstellt war, und in welchem Weibsvolk in etwa soviel zu suchen hatte, wie bei einer Steinigung zur Zeit des Brian von Nazareth. Auch wenn die Musikologen der Welt bei so manchen Stücken, die angeblich aus der Feder ihres Gatten Johann Sebastian stammen, rufen “Sie war's, sie war's!” “Nein, er war's, er war's!”
Gehen wir doch mal für einen kurzen Augenblick davon aus, dass Männer und Frauen trotz unterschiedlicher Verbindungen der Gehirnhälften, Verschiedenheiten im Körperbau und meinetwegen auch unterschiedlicher Interessen (jup, Fußball interessiert mich nicht die Bohne. Dafür mag ich alles, was irgendwie glitzert und räume ungefähr alle 20 Minuten die gesamte Wohnung um. Einschließlich beider Klaviere....wieder etwas, was mit einer Geige bedeutend einfacher wäre...) trotzdem einigermaßen gleich begabt sind und somit auch gleich gute Komponisten wären (was die Menge an Komponistinnen des 20. und 21. Jahrhunderts wohl ausreichend belegt). Dann nennt mir doch einmal ohne groß nachzudenken fünf Komponistinnen vor 1800. Ok, dann eben vier. Drei müssten hinzukriegen sein, oder? Ich nenne mal eine ganz frühe Vertreterin: Hildegard von Bingen, die neben der Komposition auch noch so ziemlich alles andere auf dem Kasten hatte, was damals (1098 – 1179) so notwendig war. Und dann? Die Fanny hatten wir bereits abgefrühstückt, die war auch nicht vor 1800...dann wird es schon einigermaßen eng, nicht wahr? Anna Amalia von Preußen wäre noch zu nennen, die verfügte allerdings auch über das nötige Kleingeld, um sich die besten Lehrer zu leisten, und über genügend Autorität, um kein “Spinnst du?” zu riskieren. Die Flamen können noch mit Leonora Duarte aufwarten, von der allerdings bis auf eine Handvoll kleiner Gambenstücke nichts erhalten geblieben ist. Und die Frau Auenbrugger? Und dann? Dann ist irgendwie schon Schicht im Schacht. Und das verstehe, wer will. Denn zumindest mitschreiben hätten die Ehemänner ja können, wenn die Dame des Hauses den Kindern ein Schlaflied vorspielt, Oder wanderten diese dann unter seinem Namen ins Repertoire? Womit wir wieder bei der Steinigung mit “Sie war's, er war's” und den falschen Bärten wären.
Da bin ich dann schon ganz froh, in einer Zeit zu leben, in der ich schreiben und komponieren kann, soviel ich will. Selbst wenn, und ich möchte, dass das absolut klar ist, selbst wenn irgend jemand Jehova sagt! Klick 


Falls sich übrigens jemand fragen sollte, weshalb ich zwei Klaviere in meiner Wohnung beherberge: Eines ist alt und krank und kann nicht mehr richtig bespielt werden. Aber es hat Charakter und einen Namen (es heißt “Hektor” :) ) und ich habe es lieb und würde es niemals in ein Heim geben. Ja. Ich bin ein Mädchen. Und versuche immer, alles und jeden zu verstehen sogar ein altes Klavier. Und sozialpianistisch eingestellt bin ich auch. Und: Ich bin stolz darauf!

                                                                         Richtig! :)

                                   
                             Theatergarderobe. Dahinter gab's nen Riesenteller Obst und Schnittchen!
                                                         Gastspiele sind die besten :D
                         Nein, das ist kein Kindle...das ist ein original elizabethanischer Teleprompter :)