Montag, 3. August 2015

Beethovens zehntes - Vom Einfluss des Alkohols auf die Musik


So ab und an hat ja auch das Fröken Finemang mal einen Tag, an dem es sich nicht mir Lernen, Recherchieren, Bibliographieren und Ähnlichem beschäftigen, aber trotzdem etwas lesen möchte. Nur eben etwas entspannter und gemütlicher. Ja, und dann liest es *hust*  ganz besonders gerne *hust-hust* Kriminalromane, in denen Musikwissenschaftlern der Schädel zertrümmert wird und irgendein abstruses Stück Papier aus seinen Unterlagen fehlt, dem niemand zuvor besondere Aufmerksamkeit geschenkt hat.
Jaaaaaa, irgendwie finde ich das entspannend... und nein, ich gebe den zerhackstückelten Musikwissenschaftlern in meiner Fantasie NICHT die Gesichter realer MuWis, mit denen ich vielleicht ein ganz kleines bisschen auf Kriegsfuß stehen könnte... 
So etwas gibt es nicht, ich liebe alle MuWis. 
Fast. 
Nun ja, einige. 
Zwei. 
Ach Quatsch, nehmt mich nicht ernst, bitte XD

Eines dieser Bücher ist übrigens "Die zehnte Symphonie" von Joseph Gelinek, und der Tote ist in diesem Fall sogar ausnahmsweise mal "nur" ein Dirigent, wobei er MuWi genug war, eine Symphonie zu rekonstruieren, wie es zumindest auf den ersten Blick erscheint. Dass ihm das im wahrsten aller Sinne den Kopf kostete, könnte man zwar mal als Ausrede in's Auge fassen, wenn man keine Lust hat, sich mit Stilkopien auseinanderzusetzen, gilt aber vermutlich auch nur für dieses eine Werk, das den Fluch der zehnten Symphonie sozusagen in die Welt gesetzt und zahlreiche Komponisten nach ihm in wilde Aufregung versetzt hat, sobald sie ihre Neunte abgeschlossen hatten und sich fragten, was sie denn als nächstes in Angriff nehmen sollten. 
Wie nicht allzu schwer zu erraten ist, wird in diesem Werk also die Frage nach Beethovens Zehnter aufgeworfen und dabei ein Musical erwähnt, das der eine oder andere vielleicht kennen könnte: "Beethoven's Last Night", ein Stück, in dem der todkranke Ludwig vom Teufel höchst persönlich aufgesucht wird, der ihm, wie es ja so seine Art zu sein scheint, ein Spielchen vorschlägt: Beethoven darf seine Seele vor dem Fegefeuer retten, muss aber im Gegenzug in Kauf nehmen, dass seine Musik für immer aus den Köpfen der Menschheit verschwindet. Noch während der gute Luis zögert, schaltet sich das Schicksal ein und muss zähneknirschend zugeben, dass es dem Herrn Kompositeur vielleicht ein bisschen sehr übel mitgespielt hat, mit einer früh verstorbenen Mutter, einem alkoholkranken Vater, der seinen Sohn regelmäßig verprügelte und zu einem Wunderkind heranzuziehen versuchte, vielen schönen Frauen, die Beethoven niemals erhörten (wer einmal eine Biografie über den leicht exzentrisch und "ein ganz klein wenig" *hüstel* cholerischen Herrn Van B. gelesen hat, versteht vielleicht auch, weshalb...), einer ewigen Streiterei um das Sorgerecht am Neffen, vielen Krankheiten (Hallo Leberzirrhose... vielleicht hätten wir mal vom Papi lernen können, dass das mit der Sauferei keine so gute Idee war)...jedenfalls tut es dem Schicksal dann irgendwann tatsächlich Leid und es bietet Beethoven an, all die schlimmen Dinge aus seiner Biographie zu löschen, aber da "schnackelt" es beim Komponisten und er begreift:  Ohne all den Kummer, ohne die Weinflaschen, ohne die Verletzungen und die Räusche hätte es seine Musik nicht gegeben. Und nachdem er auch einigermaßen stolz auf sie ist, will er sie auch nicht aus dem Weltgedächtnis löschen, bittesehr. 

Womit er vermutlich ziemlich ins Schwarze getroffen hat, der Herr Van B., denn dieselbe wäre seine Musik wohl nicht geworden mit einem anderen Schicksal. 
Bleibt zu fragen, ob er auch nur ein annehmbar guter Pianist geworden wäre, wenn er den Flügel vornehmlich als Unterlage genutzt hätte, um die -in diesem Fall dann vermutlich willigen- Damen nicht auf den Boden dirigieren zu müssen. Wobei natürlich auch beides möglich ist, denn 20 Kinder setzt man nicht mal so nebenher in die Welt, dazu muss man schon Vorarbeit leisten, auch wenn das meiste danach die Dame des Hauses übernimmt, und komponieren kann man nebenher trotzdem noch so eine ganze Menge. (Wir merken schon, ich bin mal wieder ein bisschen gesprungen und bei den Herren Marais und Bach gelandet, wobei wir bei Johann Sebastians Ältesten, dem lieben Wilhelm Friedemann Bach ruhig ein bisschen verweilen dürfen, denn auch er hatte sein Päckchen zu tragen. Und ob die Flötenmusik dieselbe wäre, wenn er ihm damals besser gegangen wäre, ist ebenfalls zu bezweifeln. So viel Schmerz kann man nicht einfach so erfinden und aufsetzen, Affektenlehre hin, Affektenlehre her. Nicht selbst gefühlter Schmerz klingt immer ein wenig nach Dieter Bohlen: Gekonnt verarbeitet, aber eben nie wirklich authentisch und immer ein bisschen platt.)
Kommen wir aber zu dem, was Beethoven und Friedemann noch verbindet (und im Übrigen auch Mussorgsky, von dem man sich ja nur mal ein Portrait angucken muss, um zu wissen, was Sache war), Schubert (ja, der war auch unglücklich dauerverliebt, aber auch als seeehr "gesellig" bekannt); Bellman (der nicht nur die Liebe zu Ulla Vinblad und anderen jungen Damen, sondern auch die zum Wein und dessen höherprozentigen Verwandten oft in seinen Liedern thematisierte) und so weiter...man ahnt es schon, ich spreche vom Lall- beziehungsweise Al-kohol: Der Modedroge der klassischen Komponisten, der schneller zu Kopf steigt, als so mancher Tippelbruder glauben möchte und  binnen kürzester Zeit ( in den entsprechenden Versuchen handelte es sich um 2 Gläser Wein und 6 Minuten Wartezeit ) zu messbaren Veränderungen der Hirnströme führt.  Dass sich das bei Künstlern und Schriftstellern besonders stark auswirkt, liegt vermutlich daran, dass das Frontalhirn, das über Persönlichkeit und Kritikvermögen entscheidet, besonders stark auf den Alkohol reagiert und das Gefühlsleben mehr oder weniger außer Kontrolle gerät und Dinge zulässt, die man sonst im Traum nicht in Erwägung zöge. "YOLO" eben, wie man so schön sagt. You only live once! Nur merkste dann halt nicht mehr allzuviel davon.
Das kann dann natürlich kreative Kräfte freisetzen, die normalerweise von gesellschaftlichen Konventionen und Schamgefühlen überdeckt werden, führt auf Dauer aber leider zu schweren Persönlichkeitsstörungen  bis hin zur Demenz. Was während eines Rausches als ganz angenehm empfunden wird: Eine gewisse LMAA-Einstellung, wenn es sich um das Abwägen der Konsequenzen des eigenen Handelns dreht, setzt sich dann eben im Alltag fort. Irreversibel. Das war es dann mit der sozialen Interaktion.
Und  bekanntlich waren ja weder der Ludwig noch der Friedemann die "Teddybären" unter den Komponisten: Friede  war  als Eigenbrötler und Muffel verschrien und Beethoven musste so oft umziehen, dass jede zweite Biographie eine andere Zahl nennt...von 50 bis 70x ist so ziemlich alles vertreten. Tatsache ist jedoch, dass die Nachbarn nicht unbedingt "Juhu" gerufen haben, wenn er eine Wohnung besichtigte, und die Anwohner heutzutage vermutlich tonnenweise Spam-Mails für Ohrenstöpsel in ihren Mailboxen hätten. Nicht nur Beethovens Musik ist laut und unerbittlich, er selbst war vermutlich genauso. Die eine Zeit lang kursierende Vermutung, seine cholerischen Anfälle seien auf eine Bleivergiftug zurückzuführen, ist mittlerweile aus dem Rennen, zudem beschreibt bereits Ludwigs "Ziehfamilie" Breuning, die Familie eines Schulfreundes, die sich des seelisch leicht verwahrlosten Jungen annahm, seinen so genannten "Raptus", der möglicherweise von Seiten des Vaters vererbt, möglicherweise von dessen Verhalten zuhause abgeguckt, oder -was ebenso möglich ist- von Alkoholmissbrauch (oder besser -Einflößen) bereits im Kindesalter  herrührt. 
Woher auch immer, die Frage bleibt: Hätten die obigen Komponisten ohne ihre Alkoholsucht dieselben Werke, oder zumindest Werke von vergleichbarer Intensität geschrieben, bzw schreiben können?

In seinem Buch "Alkohol und Autor" beschreibt der Psychologe Donald Goodwin ein ähnliches Phänomen bei Schriftstellern: William Faulkner, Eugene O'Neill, John Steinbeck, Sinclair Lewis und Ernest Hemingway waren nicht nur großartige Autoren, sondern auch großartige Schluckspechte, beziehungsweise unheilbar alkoholkrank. Interessanterweise kommt Goodwin dabei zwar zu ähnlichen Erkenntissen, wie wir sie im Bezug auf die Musik, bzw deren Komponisten bereits angesprochen haben, behauptet aber gleichzeitig, dass prozentual mehr Schriftsteller unter Alkoholeinfluss stehen und schreiben, als Musiker. Warum das so ist (so er denn recht hat), kann man vermutlich nicht allgemeingültig beschreiben, dazu sind die einzelnen Künstler und ihre Biografien dann doch zu individuell und die Schriftsteller auf einen Zeitraum konzentriert, in dem Unterhaltungsmusiker den Alkohol nicht mehr vorrangig, sondern nur noch begleitend zu anderen Drogen konsumieren. 
Die Geschichte, dass Goethe und Schiller sich den einen oder anderen Joint geteilt haben sollen, erwies sich zwar als clever eingefädelte Zeitungsente (Der im Stile Goethes geschriebene Text über "jenes vielgerühmte Kraut" hatte es in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts sogar bis in "Die Zeit" geschafft), wer sonst noch so alles sein Bewusstsein erweiterte/vernebelte lässt sich nur erraten, wobei die Beatles die Geheimniskrämerei um ihre Lucy in the Sky längst beendet und die LSD-Geschichte bestätigt haben, und John Lennon mit Cold Turkey einen Song über einen missglückten Entzugsversuch vorlegte.  Und wenigstens bei diesem Song (Cold Turkey) können wir mit Bestimmtheit sagen, dass er ohne Drogeneinfluss nicht entstanden wäre. Irgendwie logisch, aber immerhin ein Musikstück, dass die große Frage dieses Artikels beantworten kann. Darauf einen Dujardin. Cheers!



Die Miezen sind auch ohne Alkohol gechillt.

 Während das sonnige Wetter genutzt wird, um sämtliche Kleintiergehege zu erweitern
Und natürlich, um sich den Magen vollzuhauen, so lange es noch Grünzeug in Massen gibt.