Dienstag, 28. Juli 2015

Erst mal Gugge - Von alpenländischen Marchingbands und Pfingstsochsen zur Fastnet


So ab und zu bekommt ja auch das Fröken mal Post von den Lesern dieses Blogs. Manchmal artet das sogar in wilde Diskussionen aus, manchmal gibt es aber auch einen Wunsch nach einem Beitrag zu einem bestimmten Thema.
Häufig denke ich mir in solchen Fällen dann „Ach, das wäre tatsächlich mal einen Artikel wert!“, neulich dachte ich allerdings eher „Guter Witz!“ bis mir einfiel, dass ich viel zuwenig Ahnung von dieser Musikrichtung hatte, um zu wissen, ob es sich überhaupt um einen Witz handeln sollte.
Wie sich unschwer am Titel des heutigen Postings erraten lässt, dreht es sich bei diesem Musikstil um die sogenannte Guggenmusik: In meiner Vorstellung die Art von Musik, die der Alm-Öhi in seinen CD-Player warf, wenn er sich nach einem langen Tag des Ziegenhütens mal wieder ein paar spannende Kräutlein in seine Tabakspfeife stopfte um seinen „Fyrabe“ zu genießen. Na dann: Vöy Vergnüaga, ich hoff äs fägt!

Genug der Verbreitung alpenländischer Vorurteile, gehen wir die Sache mal systematisch an: Was um alles in der Welt ist „eine Gugge“? Eine vornehmere Aussprache von „oiner Gugg“, was dem Schwäbischen Ausdruck für „eine Plastiktüte“ oder einen Einkaufsbeutel entspricht? Tütenmusik also? Nein, das war Reggae... wobei Guggenmusik auch Teil des Schwäbisch-Allemannischen Faschings ist und die Beutelgeschichte zumindest etymologisch gesehen nicht aus dem Rennen ist. Desweiteren ist „guggen“ mundartlich für „schauen“ und möglicherweise mit dem Wort „Guggel“ (Auch Güggel oder Gockel) verwandt: Krähmusik also. Hühnerpop.
Wenn man sich die Herren Musiker einmal genauer ansieht , so finde ich den Vergleich zum Haushuhn sogar einigermaßen angemessen, zumindest, was die Kostümierung betrifft: Klick 

Seit dem 16. Jahrhundert ist diese Art der Fastnachtsmusik schriftlich bezeugt, wobei es doch einigermaßen schwierig ist, den Musikstil an sich genauer zu beschreiben. Es scheint sich dabei eher um die Art der Wiedergabe zu drehen: Marschierenderweise, bunt kombiniert und mit dem Ziel, den Winter endgültig zu vertreiben. Andere werfen dabei mit „Kamelle“, die Guggenmusiker werfen eben mit Noten um sich, die ungefähr genauso schmerzhaft sein können, wenn man sie mit voller Wucht an den Kopf gedonnert bekommt.
Heutige Guggis, wie sie sich anscheinend in der Schweiz zu nennen pflegen, spielen meist ein buntes Repertoire aus Militärmusik, Schlager, „Ohrwürmer“ der klassischen Musik, dann wieder etwas Marching Band...die blockartig hintereinander gesetzt ohne Punkt und Komma ineinander übergehen und mehr oder weniger davon leben, dass die Töne nicht immer ganz unserer klassisch-verwöhnten Erwartung entsprechen. Ein bisschen wie Charles Yves auf Koks also. Wobei ich Yves trotz seiner manchmal etwas radikal-klischeebeladenen Machosprüche trotzdem ganz gerne höre, die Guggenmusik jedoch … gewöhnungsbedürftig... finde. Kurz gesagt: Dass diese Musik ihren Ursprung in der Fastnacht hat, also dazu diente, den Winter zu vertreiben, kann man sich lebhaft vorstellen und sie scheint darin ja auch recht effektiv gewesen zu sein. Erstens hätte ich mich an Stelle des Winters auch auf die Socken gemacht, wäre mir jemand mit einem dudelnden Kuhhorn auf die Nerven gegangen (der Winter wird ja nicht umsonst als die „stille Jahreszeit“ betrachtet; mit dieser Mischung aus Alpenjazz und Heustadelschwoof hatte er wohl nicht allzuviel am Hut) und zweitens ist es ja tatsächlich auch bisher jedes Mal Frühling geworden. Und wenn eine Studie ganz klar zeigt, dass es bei 100 Versuchen, den März einzuläuten auch tatsächlich 100x März wurde, dann könnte man fast auf eine derart bekloppte Idee kommen, einen kausalen Zusammenhang zu sehen. Fast. Nicht wirklich. Hoffe ich. Ansonsten mal ganz schnell die Hand an die Stirn legen und die Temperatur überprüfen, vielleicht lässt sich ja noch etwas machen, wenn man es rechtzeitig erkennt.

Nun sagt man den Bernern gerne nach, sie seien etwas langsamer als andere (die meisten werden den Witz vom Berner kennen, der Schneckensammeln geht und am Abend mit leerem Korb nach Hause kommt. Auf die Frage, wo denn die Schnecken seien, antwortet er „Die sind viel zu schnell weggelaufen, ich hatte keine Chance!“), den Vogel schießen allerdings offensichtlich die Basler ab, die es fertigbringen, am Montag NACH Aschermittwoch den Fasching einzuläuten... das dann allerdings um 4 Uhr in der Frühe beim sogenannten Morga- oder auch Morgestraich.
Angesichts der Uhrzeit dürfte es verständlich sein, dass die Bewohner der Basler Innenstadt zunächst wenig Begeisterung dafür zeigten, als die erste Guggenband im Jahre 1874 mit Getöse durch die Straßen zog und den Morgastraich begleitete. Dorfkinder, die es gewohnt waren, dass riesige Kuhherden mit tosenden Glocken, bellenden Hütehunden und plärrenden, pfeifenden Hirten durch die Straßen zogen, waren vom Klang der Musikgruppen wahrscheinlich weniger aufgeschreckt. Auch die Klamotte dürfte sie an ähnliche Umzüge erinnert haben. Angesichts der Ähnlichkeit zwischen marschierenden Guggenmusikern und Pfingstochsen beim Almauftrieb  wird sich der eine oder andere Schweizer vermutlich gefragt haben „Ja isch denn heut scho Pfingschte?“
Vermutlich nicht, liebe Schweizer. Es ist immer noch Februar, das Murmeltier ist noch nicht aus seinem Bau gekrochen (im Gegenteil, es sitzt in seinem Wohnzimmer, hat die Türen verrammelt und hält sich die Ohren zu) und wir sagen euch eines voraus: Noch weitere 4 Wochen Winter. Da könnt ihr soviel Krakeelen, wie ihr wollt.



Das Fröken neigt ja leider zu entzündeten Augen...da hat kein entrüsteter Guggi draufgehauen. Echt!

 Aber heiß war uns in der letzten Woche... ob Mensch oder Tier, wir waren ein wenig lustlos.


Mittwoch, 22. Juli 2015

Musikalische Volksverdummung - unfreiwillige Dauerbeschallung und die Folgen





Friedemann Bach heißt der Mann, der mich nun schon mein halbes Leben lang begleitet hat. Wilhelm Friedemann Bach, um genau zu sein. Ich kann nicht sagen, was mich an ihm fasziniert, aber wohin ich auch gehen, ich kehre immer wieder zu ihm zurück. Auch im Flugzeug nach Dresden hatte ich ihn im Ohr, in meinem ansonsten kaum genutzten mp3-Player. 
Seitdem ich mir das Ding vor etwas mehr als einem Jahr gekauft habe, weil ich es für eine clevere Idee hielt, mich damit auf Stücke vorzubereiten, die ich zu spielen habe, hat es vermutlich etwa 3x das Tageslicht gesehen. 
Ich hasse es, überall mit Musik beschallt zu werden, unfreiwilliges Hören ist für mich eine der größten Qualen, die es gibt,die Dresdner Dudelfolter das sächsische Pendant zur Chinesischen Wasserfolter. So ein paar Tropfen auf die Stirn bringen einen ja nicht um, aber wenn man es nicht mehr abstellen kann, wird das Ganze zum Problem.
Könnte man sich den Player mit Stille beladen, die dann das tägliche Gedudel beim Sport oder beim Einkauf übertönte, wäre das mein nächster Download.
Musik im Einkaufszentrum, im Supermarkt, an der Tankstelle, in Büros und Fitnessstudios, Musik, die ich nicht leiden kann, Musik, die ich mir normalerweise niemals anhören würde, Musik, die mir den Spaß an der Musik madig macht, die mich zu einem Musikmuffel werden lässt, der sich beim Ausdauersport auf dem Laufband Ohrenstöpsel in die Gehörgänge schiebt, um nicht die gesamte eineinhalb Stunden hindurch beschallt und be-beatet zu werden.
Der Beat ist das Schlimmste an dieser Art von Musik. 
In Geschäften, die sich die Mühe machen, sich ordentlich zu informieren oder eine Agentur zu Rate zu ziehen, ist er so eingestellt, dass man, so sich der Herzschlag entsprechend an die Schläge anpasst -was er übrigens beinahe grundsätzlich tut, ein Relikt aus Urzeiten, in denen Massenpanik oder Ruhigbleiben der Gruppe überlebeswichtig waren- dass der Herzschlag beschleunigt wird, man in eine gewollte Unruhe verfällt und dabei so hektisch wie unüberlegt Dinge in den Einkaufswagen wirft, die man zwar eigentlich nicht brauchen und somit auch nicht kaufen würde, die einem aber später, auf der eventuell bevorstehenden Flucht, möglicherweise von Nutzen sein könnten. 
Auch die Tonhöhe spielt dabei eine nicht unerhebliche Rolle, denn Affen stoßen Kreischtöne in hohen Frequenzen aus, sobald Gefahr droht, was im übrigen auch der Grund dafür ist, dass die meisten Menschen bei lauten Qietschgeräuschen (Gabel über einen glasierten Teller schieben oder fettig gewordene Kreide, die über die Tafel quietscht...wir hatten mal einen Satz handgetöpferte Teller mit einer Glasur, die das Waschen in der Spülmaschine nicht überstanden hatte und eine Oberfläche bildete, die zwar aussah, als sei sie mit einem Ölfilm überzogen, sich aber gleichzeitig knochentrocken anfühlte und bei jedem Stück Brot, das darauf auch nur den Ansatz einer Rutschbewegung machte, Geräusche von sich gab, als würde man auf Mäusen tanzen... nachdem irgendwann die gesamte Familie in Hungerstreik getreten war, wurden die Teller weggeschmissen und durch spülmaschinenfestes Geschirr ersetzt) eine Gänsehaut bekommen.
Möglichst hohe, quietschige Frauenstimmen in Verbindung mit einer BPM-Zahl, die den Normalpuls übersteigt, verführt also zu hektischen Hamsterkäufen, vermutlich würden wir uns alle noch ein Zweimannzelt, eine Grubenlampe und Pfeil und Bogen in den Wagen packen, so es diese Dinge in Kassennähe an einem Wühltisch gäbe (wobei mir bei dieser Gelegenheit einfällt, dass ich neulich tatsächlich an einem dieser kassennahen Grabbeltische im Supermarkt meines Vertrauens einen Outdoor-Schlafsack und eine Thermoskane eingepackt habe... ich sollte mal fragen, was damals für Musik gelaufen ist).
Anders ist es bei den so genannten Wohlfühl-Artikeln, bei deren Anblick wir uns schon im Geiste in einer wohlig warmen Badewanne aalen sollen. Und zwar unabhängig davon, ob man als Kunde überhaupt über eine Wanne verfügt und nicht am Ende zusammengefaltet in einer Pfütze am Boden seiner Duschwanne kauert und mit trockenem Badesalz um sich wirft, als wolle man “Helau!” schreien und die Konfettikanone füllen. Mit Rosenholz-Moschus-Spa-Duft, versteht sich). 
Spätestens beim Betreten eines dieser Lavastein-Relax-Tempel im der Art eines Rituals-Geschäftes setzen wir ein Häkchen hinter die Gehirnwindung, die für den Umbau des Badezimmers zuständig ist und ein zweites hinter die Erinnerungsfunktion, selbige Aufgabe an den Herrn des Hauses zu delegieren. Und zwar umgehend. Dann folgen wir der fernöstlich angehauchten (also das, was der belgische Massenkompositeur für “fernöstlich, aber noch gut verkäuflich” hält – Debussy, Ravel und seine Kollegen würden sich freuen. Der Exotismus ist zurück, zumindest in der Badewanne.) langsamen, ruhigen und wesentlich tieferen Wasserplätschermusik und fassen beherzt ins Kosmetikregal. Beziehungsweise zum Mann, der gerade überlegt, welche Wand er entfernen muss, um eine Zwei-Mann-Eckbadewanne in ein 3m² kleines Badezimmer zu bekommen, welcher wiederum zur Kreditkarte fasst, sofern er überhaupt noch mal eine Chance sehen möchte, jemals selbst wieder angefasst zu werden. Was Musik nicht so alles bewirken kann. Inklusive neuer Lavasteinfliesen.
Musik, die eigens für diese Zwecke geschrieben wird, folgt all den Parametern, die uns Hörern ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit geben, was erklärt, weshalb frühbarocke oder spätromantische Musikstücke für derartige Zwecke nicht in Frage kommen. Von neuer Musik mal ganz abgesehen: Weder Bachs berühmte Toccata und Fuge in d-Moll noch Gustav Mahler kuscheln mit unseren tonal und harmonisch mittlerweile eng begrenzten Hörgewohnheiten, klingen für den typischen Pop-Hörer sogar eher verwirrend, wenn nicht gar verstörend, von Leuten wie Stockhausen wollen wir erst gar nicht anfangen...nein, da will man nicht verweilen und vielleicht doch noch eine Duftkerze kaufen. Wobei es glatt eine Überlegung wert wäre, eine Ausverkaufsstimmug weiter anzuheizen, indem man ein bisschen mit dem Walkürenritt beschallt....wer es lebendig bis zur Kasse schafft, kann hinterher einen Mega-Haul bei Youtube hochladen. "Ich hab heute 20 Tüten voll Sachen gekauft, von denen ich selbst noch nicht genau weiß, was sie sind...schauen wir uns das mal zusammen an" 

Während eine konstante Beschallung mit Musik oder Stimmen bei Menschen in Einsamkeit (also beispielsweise alleine in Büroräumen oder im Auto auf längeren Strecken) offensichtlich das für Rudeltiere (und zu denen zählen wir bekanntlich) Angstgefühl, praktisch den Anschluss an die schützende Herde verpasst zu haben und nun für immer irgendwelchen wilden Raubtieren ausgeliefert zu sein, verringern kann (jup, Dauerradiohörer fühlen Beklommenheit, sobald sie die Dudelkiste über längere Zeit ausmachen und alleine in der Stille fahren müssen – ihre Fahrweise wird nervöser und aggressiver), kann unfreiwillige Beschallung das Gehirn schädigen.
Mitarbeiter der Yale University School of Medicine gingen Versuchstieren mit mehrstündiger täglicher Beschallung derart auf die Nerven, dass sich die Bildung neuer Blutgefäße im Gehirn um 70% reduzierte und das Längenwachstum der paar Gefäße, die sich überhaupt noch bildeten, um etwa 80% reduziert war, was womöglich sogar ein Glücksfall war, da die armen Tiere (ja, ich fide Tierversuche schrecklich, auch wenn ich nicht abstreiten kann, dass die Ergebnisse äußerst aufschlussreich sind) vermutlich irgendwann derart abstumpften, dass ihnen die Beschallung nichts mehr ausmachte. Beheben ließen sich die Schäden übrigens nur währed eines gewissen Zeitraumes. Überstieg die akustische Nervensägerei einen gewissen Zeitraum, erwiesen sich die Schäden als irreparabel.
Selbstverständlich handelt es sich bei uns Menschen nicht um Nagetiere, jedoch sind Aufbau des Gehirns und des gehörs so nah verwandt, dass die Forscher es für gut möglich halten, dass sich Dauermusikberasselung bei uns ganz ählich auswirken könnte. Für mich als absolute Wenighörerin (ja, ernsthaft, ich höre kaum Musik. Wenn, dann höre ich bewusst zu und schalte hinterher ab, oder gehe in ein Konzert, wo ich mich auf die Musik an sich konzentrieren kann. Und wenn die dann gut ist und ich den Abend als gelungen abspeichern kann, wäre mir das vielleicht sogar die eine oder andere verabschiedete Gehirnzelle wert.


Vielleicht wäre das ja ein Kriterium, anhand dessen wir die Qualität von Musik ermessen können... wenn ein gewisser Prozentsatz der Studienteilnehmer bereit wären, ihr Gehirn gegen eine Stunde mit Friedemann Bach, seinem Papa oder seinen Kollegen einzutauschen, dann gibt es dafür ein neues Gütesiegel. Prädikat besonders Synapsenverkürzt, oder so etwas. In diesem Sinne: Hier klicken


 Mal wieder am Wohnungsumgestalten...der schwarz-weiß-Wahn greift diesmal um sich.
 Mit Freunden Konzerte besuchen und vorher mit Heißgetränken dopen - perfektes Wochenende

 Wie schon erwähnt...schwarz-weiß....
Nur draußen darf es grün bleiben.

Montag, 6. Juli 2015

Alle Ohrwürmer sind gut drauf! Warum Musik so penetrant sein kann



Das war nicht besonders nett von mir, nicht wahr? Ohne Vorwarnung so einen grenzdebilen Song zu verlinken. Aber weshalb sollte ich die einzige sein, die diese musikalische Essstörung seit geschlagenen 20 Jahren nicht mehr aus dem Kopf bekommt? Beinahe jedes Mal, wenn sich irgend jemand darüber beschwert, dass das Leben im Berufsbereich Musik ein ewiger Kampf sei, geht es wieder los, in meinem Kopf. Und nicht irgendwie, sondern a la Bordelaise. 
Grund dafür ist eine Unterhaltung, die ich damals anlässlich eines Lachflashes über diese kulinarische Volksverdummung mit meinem Bruder führte, und bei der wir uns einig waren, dass es ein Jammer sei muss für einen studierten Sänger, auf Jobs angewiesen zu sein, bei welchen man Geschirr synchronisiert. Noch schlimmer ist es allerdings, den singenden Fischteller in seinen Lebenslauf aufzunehmen, um etwas vorweisen zu können, sollte man nach Referenzen gefragt werden.
Und genau das scheint der Punkt zu sein, wenn es um das Abspielen von Ohrwürmern geht: Unser Gehirn koppelt Musik (die wir im Übrigen noch nicht einmal besonders gerne mögen oder bewusst gehört haben müssen) an Gefühle oder Situationen. In meinem Fall ist die Bordelaise (Klingt irgendwie wie ein Barocker Tanzstil, nicht wahr? Allemagne, Courante, Gigue und Bordelaise) eben an meinen Bruder und die Situation im Wohnzimmer gekoppelt. Oder an den Konsum von Werbung an sich. Und sobald uns etwas an diese Situation, diesen Menschen oder eben dieses Gefühl erinnert, kann es theoretisch losgehen mit der Endlosschleife im Kopf. Ja, endlos. Dem Kasseler Musikwissenschaftler Jan Hemming zufolge können diese Undinger nämlich auch wochenlang anhalten. Oder eben jahrzehntelang immer wieder auftauchen. Darauf einen Dujardin. A la Bordelaise.
Das nervt, nicht wahr? Immer wieder dasselbe Muster, dieselbe Idee, die man einfach nicht aus dem Kopf bekommt, die einen im Alltag dazu bringt, ungleichmäßige Schritte zu machen, um im Kopf nicht aus dem Takt zu geraten, oder abzuwarten, bis die Phrase zu Ende ist, ehe man einen neuen Raum betritt oder eine neue Handlung beginnt. So gesehen verwundert es eigentlich nicht, dass Ohrwürmer als sehr schwache Form einer Zwangsstörung gelten, wobei ich vermute, dass es schwierig werden könnte, sich mit der Diagnose „Ohrwurm“ krankschreiben zu lassen. Schade eigentlich, dann hätte ich endlich ziemlich viel Freizeit, denn ich gehöre sozusagen zur „Risikogruppe Nummer eins“ unter den Ohrwurmhörern: Ich bin erstens eine Frau (Ja, die sind häufiger davon befallen), zweitens künstlerisch tätig, drittens ohnehin ziemlich sensibel und außerdem häufig gestresst. Schlimmer kann es eigentlich gar nicht kommen. Es sei denn, man ist ein weiblicher, musikalisch-gestresster Fischteller. Das wäre dann vermutlich nicht mehr zu überbieten.

Das wirklich Blöde an einem Ohrwurm ist aber die Eigendynamik, die sich beim „inneren“ Hören des Musikstückes entwickelt, denn bekanntlich bleiben uns Dinge desto besser in Erinnerung, je öfter wir sie tun, sehen oder hören. Im Falle eines Musikstückes stellt sich dieses Wiedererkennungsprinzip bereits nach mehrmaligem Durchspielen eines Stückes ein. Unser Gehirn freut sich schon bei der ersten Wiederholung, der ersten Wiederaufnahme eines Themas: Es ist nicht mehr allein in der Fremde, da ist ihm soeben etwas Bekanntes über den Weg gehüpft. Da lassen wir doch gleich ein paar Schmusehormone ausschütten und die Finger spielen die ja eigentlich nie gespielte Passage fast schon von alleine. Manche Stellen gehen uns dabei natürlich schneller und leichter von der Hand als andere. Diese Stellen erscheinen uns besonders einleuchtend oder besonders schön, erinnern uns unbewusst an etwas anderes, das wir kennen oder werden einfach oft genug wiederholt. Der Rest stinkt dann ein bisschen ab gegen diese „Lieblingsstellen“ und hat es noch ein Stückchen schwerer, sich im Gehirn zu manifestieren. Wer es nicht glaubt, summe mal aus dem Stegreif eine Passage aus J.S. Bachs drittem Brandenburgischen Konzert, in dem NICHT das dreitönige Fortspinnungsmotiv erscheint (joooooor, so eine gibt es...mehrmals...auch wenn sie nicht ganz so präsent ist). Im Zweifelsfall tut es dann auch das Anstupsen des Nachbars mit der Aufforderung „Sing mal schnell eine Stelle aus Beethovens 5., aber nicht die mit dem Dädädädääääää“... Tja, so macht man sich Feinde.
Nun spult unser Gehirn also diesen Ohrwurm immer wieder ab, was einer hundertfachen Wiederholung des Stückes, bzw. des entsprechenden Fragmentes beim Üben gleichkommt. Und „üben“ tun wir es quasi jedes einzelne Mal, wenn wir es innerlich mitsingen. So etwas prägt sich ein. Fürs Leben. Selbst dann, wenn wir und nur eine ganz kleine Stelle aus dem Stück merken konnten (im tollsten Fall noch fehlerhaft...das bekommt man gefühlt nie wieder aus dem Hirn, wenn man es dann tatsächlich einmal irgendwo „in echt und fehlerfrei“ spielen muss) oder (was häufig genug vorkommt) der Sprache des (in diesem Falle dann wohl) Liedes nicht mächtig sind und Bits und Bytes unserer Gehirnspeichermasse mit „hmmm-iswonnofea-loooo“ zuspammen. A la Borderlaise.
Dass man sich mit Ohrwürmern infizieren und diese quasi im Selbstläufermodus immer wieder hervorholen und perfektionieren kann, wissen wir nun also, wobei uns das ein Blick in unseren Erfahrungsschrank auch hätte sagen können. Bleibt noch die Frage: Wozu muss das denn dann überhaupt jemand erforschen? Damit diese ganzen kognitiven Musikwissenschaftler ihre teure Ausbildung irgendwie vertreten können? 
Die Antwort liegt wie fast immer auf der Hand: Weil man damit unter Umständen eine Menge Kohle machen kann. Und das nicht nur, weil man sich auf diese Weise eine Stelle an einem teuren Institut sichert, sondern weil im Endeffekt ganze Wirtschaftszweige von der Geschichte profitieren können. Allen voran natürlich die Musikindustrie: Wenn sich unzweifelhaft vorhersagen ließe, welche Eigenschaften ein Song haben müsste, um als absoluter Ohrwurm zu gelten, könnte man quasi „flopfrei“ produzieren. Und auch die Werbeindustrie hätte ihre Freude an der Geschichte, denn so ein eingängiger Werbesong, der kann schon die Kasse klingeln lassen.
Dass sich die tatsächlichen Ohrwürmer zwar häufig aus individuellen Erlebnissen heraus entwickeln, ist bei der Erschaffung eines Verkaufsschlagers zwar hinderlich, allerdings nicht unumgänglich, denn die besagten „schönen Gefühle“ lassen sich ja auch mittels eben dieser Musik in diesem Augenblick erzeugen, so dass uns die Situation, in welcher wir das Stück hören, im Grunde auch egal sein Kann. Dazu klopfen wir mal wieder bei unserem mit Erinnerungen und Gefühlen verbundenen Gehirnbereich „Amygdala“ an (Nein, das ist nicht die Prinzessin aus Star Wars) und messen mal flugs nach, bei wie vielen Probanden welches Stück das Belohnungszentrum unter unseren Denkzellen aktiviert. Und schon haben wir zumindest einen Anhaltspunkt dafür, welche Motive dazu beitragen könnten, quasi einen oralen Orgasmus auszulösen und uns mit flatternden Einkaufstaschen in die nächste Drogerie oder den Supermarkt zu schicken. Soweit jedenfalls die Theorie. Wenn da nicht das blöde Problem mit dem Individualismus des Hörers wäre. Wir springen eben nicht alle auf die gleichen Sachen an. Und so ganz lässt sich auch kein Zusammenhang zwischen „Finde ich schön“ und „Kaufe ich“ herstellen. Jedenfalls nicht so klar, wie die Damen und Herren Forscher das gerne hätten. Leider. Oder Gott sei Dank.
Noch vor wenigen Jahren, bzw. Jahrzehnten, drehte die Werbeindustrie die ganze Geschichte übrigens gerne herum und nahm einen bekannten „Gassenhauer“, ein Stück, das sich über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte in den Köpfen der Leute gehalten hatte (Auch vor Jahrhunderten gab es bereits Ohrwürmer der allernervigsten Sorte...fragt mal den guten Johann Wolfgang Goethe, was er zu Carl Maria von Webers „Wir winden dir den Jungfernkranz“ zu sagen hatte...da kommt garantiert nicht Nettes dabei heraus, so präsent war das Stück, dass keine Flucht davor möglich schien.), legte einen neuen Text darüber und sorgte dafür, dass die „jungen Leute“ bald nicht mehr wussten, was denn nun eigentlich das Original war...“Radetzky-Marsch? Was soll das denn sein? Ach soooo, der Mais marschiert. Warum hast Du das nicht gleich gesagt? Lecker, lecker Bonduelle! Aber wer dieser Strauss war, weiß ich irgendwie immer noch nicht. Hat der etwas mit Gemüse zu tun?" Oder Rossinis Wilhelm-Tell-Ouvertüre, die sich mit dem Text der die Spartarife der Bahn anpries, noch besser schmettern lies... dann schon lieber Maggi Fix. A la Bordelaise.
So ganz den Stein der Weisen haben sie noch nicht gefunden bei ihren Ohrwurmforschungen, aber sie sind fleißig dabei und werden die Werbeindustrie vermutlich irgendwann revolutionieren.
Und für diejenigen unter uns, die inzwischen verzweifelt versuchen, den Fischtellersong aus dem Kopf zu bekommen, habe ich zwei Tipps auf Lager:
Erstens: Sucht den Song, der euch quasi fragmentarisch im Kopf herumtanzt und immer wieder denselben kleinen Ausschnitt vorspielt, heraus und lernt ihn ganz. Von Anfang bis Ende. Dann hört wenigstens diese Endlosschleife einer einzelnen Partie daraus auf.
Und zweitens: Hört euch doch ganz einfach das hier an. Das schlägt jeden bisherigen Ohrwurm um Längen. Versprochen.




 Tja, so harmlos hat es angefangen... "bitte nur ein bisschen Spitzen schneiden, 
die Länge soll bleiben"
 Dann wurde es doch noch etwas kürzer...
-Frau Finemang, was ist Ihr Laster?
-Amok sägen, mit dem Hoch-Entaster!

Keine Sorge, der Garten ist noch da... immerhin hat die neue Frisur gezeigt, dass ein paar schon vor Monaten fürs Fällen vorgesehene Bäume doch noch bleiben können.