Montag, 29. Juni 2015

Savoir Senser - Warum wir traurige Musik so lieben


Ein paar Jährchen ist es nun schon her, da saß ich einer Klasse gegenüber, die beinahe ausschließlich aus Asiaten bestand. Ein einsamer Franzose, der übrigens binnen kürzester Zeit zum Schwarm eines halben Kontinents avancierte, und eine Baskin rundeten die Gruppe ab. Als eine Reihe von kurzen Einzelvorträgen zum Thema „Welche Musik hören die Mitglieder meines Freundeskreises ein meiner Heimat und in welcher Situation hören wir diese Musik?“ anstand, wurde es musikalisch gesehen bunt in der Klasse. Die Peking-Oper wurde genauso vorgestellt (und ein Stück daraus sogar vom Schüler selbst vorgesungen) wie japanischer Elektro-pop. Und der Franzose steuerte einen Song eines Sängers namens Florent Pagny bei. „Savoir Aimer“ (Wissen, wie man liebt) heißt das Stück und wurde uns mit den folgenden Worten angekündigt: „Wenn Du bist traurig oder hast eine Problem mit Deine Freundin und Du hörst diesen Chanson...Du springst bei dem Fenstäär!“
„Bei dem Fenster“ sind wir nicht gesprungen, aber die Gesichter um mich herum verrieten mir, dass es vielleicht besser sei, die Pause vorzuverlegen und eine Viertelstunde später mit einem neuen Thema wieder einzusetzen.
Trauige Muik ist so eine Sache für sich: Nur für den Fall, dass man es mir nicht glaubt, ohne dass ich eine Studie zum Thema vorweisen kann: A.M.Levanthal zeigte in „Sadness, Depression and Avoidance behaviour. Behaviour Modification“ die uns allen bekannte Tatsache auf, dass wir um traurige Anlässe eigentlich ganz gerne mal einen Bogen machen. Gleichzeitig zeigen Studien jedoch, dass wir beim Thema „Kunst“ (also Musik, Literatur, Film) eine Ausnahme zu machen scheinen. Negatives suchen wir ja normalerweise nicht explizit auf. Ich sage „normalerweise“, denn es mag ja tatsächlich Leute geben, denen es Spaß macht, Beerdigungen aufzusuchen und die sich das ganze Jahr über auf ihren Steuerbescheid freuen. Was uns Verhaltensnormalos anbelangt: Wenn wir traurige Anlässe im Allgemeinen weitläufig umschiffen: Weshalb zieht es uns dann ins Kino, wo wir doch genau wissen, dass Bambis Mutter erschossen wird? Und warum kommen wir auf die eigentlich vollkommen abwegige Idee, ausgerechnet dann traurige Musik zu hören, wenn es uns ohnehin schon nicht gut geht? Da stimmt doch etwas nicht mit uns, könnte man meinen.
Ein Grund, den sowohl Studien, als auch eine Umfrage meinerseits im eigenen Freundeskreis ergab, ist wohl die Tatsache, dass man sich durch die Musik bestätigt fühlt. Man ist nicht der einzige Trauerkloß auf der Welt, es gibt also sozusagen eine Gruppe der heulenden Schlosshunde, die einen immer wieder bei sich aufnimmt, wenn man überall sonst mit den Worten „Stell Dich nicht so an“ , „Es gibt Schlimmeres“ oder „Deine Probleme möchte ich haben“ in die Wüste geschickt wurde.
Eine Gruppe derer, denen es ebenfalls sterbenselend geht... einerseits ja eine gute Idee, um dem vereinsamten Herzen das Gefühl zu geben, gut aufgehoben zu sein, andererseits aber auch irgendwie gefährlich, wie ich finde... das Ganze hat ein bisschen etwas von einer Weltuntergangssekte, wenn ich mir das überlege. Und wenn ich dann noch bedenke, was ich selbst gerne höre, wenn ich miserabel drauf bin, dann ist die Idee mit dem Weltuntergang tatsächlich gar nicht so abwegig... auf Anhieb fällt mir jetzt nichts ein, was irgendwie gut ausgehen könnte oder auch nur den Ansatz einer lebensbejahenden Ausgangs in sich trägt. Die Apotheose, das Alpenglühen...vergesst es, es kommt nicht vor. Ihr werdet schreien und weinen! Denn ich hatte viel Bekümmernis! :D Und wenn ich an die Bäche von gesalznen Zähren denke...dann fällt mir ein, dass die Seufzermotive, die in dieser Jammerkantate (Bachwerkeverzeichnis 21, für den 3. Sonntag ach Trinitatis (für die Bachstelzen unter der Leserschaft)) verwendet werden und die so typisch für den Ausdruck von Kummer und Leid in der Musik sind, auch in einem Lied im Vordergrund stehen, das der ungarische Pianist Reszo Seress 1933 veröffentlichte und das ziemlich fix unter der Bezeichung „Selbstmörderlied“ die Runde machte: Gloomy Sunday. Sozusagen das musikalische Pendant zu den „Leiden des jungen Werther“, das ja ebenfalls nicht wirklich die Lebensfreude seiner Leser zu steigern schien. Was den Gloomy Sunday betraf, so soll es sogar Überlegungen gegeben haben, die Verbreitung des Liedes über die Medien von staatlicher Seite verbieten zu lassen, was diese allerdings (wie beispielsweise die BBC) teilweise bereits von sich aus taten. Umstrittene Musik zu spielen, das ist eine Sache, mithilfe eines Songs quasi zum Selbstmord aufzurufen, eine andere.
Was war da geschehen? Hatte der Song ein Zuviel an Bestätigung geboten, was die Sinnlosigkeit des Lebens betraf? Und das ausgerechnet bei einem Lied, das ursprünglich aus Ungarn stammte?
Denn einer weiteren Studie zufolge sind Osteuropäer nach dem hören trauriger Musik angeblich sogar noch besser drauf, als Wessis (Gibt es in diesem Zusammenhang eigentlich Studien über die Verbindung von Musik- und Vodkagenuss?) … das ist jedenfalls eines der Ergebnisse, die uns Liila Taruffi und Stefan Koelsch von der Freien Universität Berlin bescherten, die im Rahmen eines Projektes 772 Menschen vollkommen unterschiedlicher Herkunft und kultureller Zugehörigkeit online zu ihren Musikvorlieben befragten. In 76 Fragen (die übrigens in vollkommen musikfreier Umgebung zu beantworten waren) wurde nun abgefragt, welche Arten von Musik zu welchem Anlass und in welcher Gefühlslage bevorzugt angehört wurden, und wie sich der Genuss dieser Musikstücke auf die jeweilige Stimmung auswirkte.
Dieser Studie zufolge war es übrigens weniger das Gefühl, nicht alleine zu sein, das das trostspendende Moment darstellte, sondern eine Mischung aus Erinerungen an schöne Stunden und Kummer darüber, dass man diese nun hinter sich gelassen hatte: 
Nostalgie nennt sich das Ganze und ist quasi die körpereigene Ausstellung zum Thema „Kitsch in jeder Lebenslage“- das Bad Art Festival der eigenen Amygdala sozusagen. Gehirnfasching eben.

Weshalb die Faschingsparade von Zeit zu Zeit in einen Gothic Carnival umschlägt und sich die Gruftis unter unseren Gefühlen darum reißen, uns zu sich in die Unterwelt zu ziehen, ist hingegen weniger gut erforscht. Zwar lassen sich die unterschiedlichen Faktoren der Musik und ihre grundsätzlichen Auswirkungen, bzw. Wirkungsbereiche auf Gefühle relativ leicht erfassen (Man denke an Dur als eher als fröhlich empfundenes Tongeschlecht, wohingegen Moll-Tonarten immer etwas trauriger wirken, schnelle oder langsame Rhythmen (kein Schlaflied funktioniert bei 140 MM/Beats per Minute oder im 9/8-Takt), Lautstärke, und nicht zuletzt die melodische und rhythmische Entwicklung). Andererseits berührt uns als Hörer nur ein Bruchteil der Musik, die wir konsumieren. Während uns ein Stück zu Tränen rührt, geht uns ein anderes mit einem Lächeln ganz weit hinten vorbei, wobei gerade dieses, für mich emotional vollkommen uninteressante, Stück meinen Nachbarn in eine Sinnkrise stürzen kann. 
Blöd nur, dass niemand voraussagen kann, was nun gerade auf wen aufwühlend oder beruhigend wirken könnte, zumindest nicht, solange das Produzententeam oder der/die Komponist/in nicht jeden von uns persönlich kennt.
Unser Kopf mag ja wissen, dass wir lediglich ein paar aneinandergereihte Töne hören, unser Unterbewusstsein, das gerade sämtliche Hormonschubladen durchkramt, weiß das jedoch nicht, weshalb der Mechanismus der Gefühlserzeugung in mir sich praktisch ohne meine Zustimmung abspielt, was ich ehrlich gesagt nicht besonders fair finde.
„Soso“ würde der gute Herr Bach nun einwerfen, „Und wie kommt es dann, dass sich Dir bei einem Diabolus in Musica sämtliche Zehennägel aufrollen, und Du bei einem Seufzermotiv gleich mitseufzen musst, liebe Dame? Weshalb gehst Du denn fröhlicher aus der Kirche, wenn der Himmel mit einer Anabase, einer aufsteigenden Tonleiter also, erklommen wurde und ich den Moll-Akkord am Ende mittels einer picardischen Terz mal eben in ein strahlendes Dur verwandelt habe? Und lüg mir nichts vor, ich habe Dich beobachtet!“
Tja, was sage ich denn dann? Wahrscheinlich so etwas wie „Weil Du mich eben kennst und Deine Art zu schreiben in etwa meiner Art zu fühlen entspricht! Deshalb mag ich Dich ja auch so gerne. Aber nicht der Anna Magdalena verraten, ok?“
Aber das weiß er ja schon lange, der Jo-Se.






                           Am Wochenende ging es auf große Fahrt... immer an der Luppe lang :)





Montag, 22. Juni 2015

Vergleichende Musikwissenschaft - kann das funktionieren?


Vergleichende Musikwissenschaft – geht so etwas überhaupt?

Natürlich geht das, weshalb denn nicht? Werden sich wohl die meisten denken, die diese Überschrift gelesen haben. „Man nimmt 2 Arten von Musik und vergleicht sie miteinander. WO ist denn hier bitte das Problem? Was für eine wahrhaft blöde Frage“.
Ja, so gesehen scheint es ja tatsächlich nicht schwierig zu sein, Vergleiche zu ziehen, wobei die zugrunde liegende Frage allerdings auch ausdrücken muss, was genau man denn nun miteinander vergleicht: Lautstärke? Melodiebildung? Schönheit oder gar Kunstfertigkeit? Sind Lautstärke und Melodiebildung nun noch Parameter, die man einigermaßen neutral in Bezug zueinander setze kann (das eine ist vielleicht durchgehend fortissimo zu spielen, während das andere im piano beginnt und sich erst in bestimmten Abschnitten steigert, das erste Stück ist überwiegend aus Sekunden aufgebaut, was es somit sehr sangbar macht, während im zweiten Stück größere Sprünge zu finden sind, oder beginnen beide Stücke mit einem Quartsprung und enden mit dem Grundton?) Bei den letztgenannten beiden Vergleichskriterien wird es hingegen schon schwieriger.

Dienstag, 9. Juni 2015

Das Trauma des 20. Jahrhunderts - Krieg und Grausamkeit in der Musik



Der zweite Weltkrieg war ein traumatisierendes Ereignis für Kunst, Literatur und Musik.
Ein nicht unerheblicher Teil der aus Deutschland und Österreich stammenden so genannten „entarteten“ Künstler, Schriftsteller und Musiker hatte das Land verlassen oder war aufgrund seiner Haltung dem NS-Regime gegenüber kaltgestellt worden, mit Aufführungsverboten belegt, durftee nicht verlegt oder verkauft werden („Innere Emigration“).

Montag, 8. Juni 2015

Alle Jahre wieder - vom Jojo-Effekt der saisonalen Gebrauchsmusik


Wenn es einen Preis für das nervtötendste Musikstück aller Zeiten gäbe: Wer würde ihn wohl abräumen? Und anhand welcher Kriterien ließe es sich festmachen?
Kriterien, die ein Musikstück außergewöhnlich machen, gibt es viele: Neuartig muss es sein, etwas nie dagewesenes wagen, richtungsweisend sein. Beethoven hatte so etwas wie ein Abonnement auf dieses Bewertungsmerkmal. Was auch immer der Herr mit der Hobbitfrisur auf den Musikmarkt warf, stieß alte Regeln um, änderte althergebrachte Schemata, setzte die Messlatte ein Stückchen höher. Plötzlich war das ein Satz mehr als gewohnt, ein Scherzo statt eines Trios, wurde die Tonart an bislang nie dagewesener Stelle verlassen und wieder eingefangen...und doch kann man sich auf einen festen Stil verlassen. Beethoven bleibt Beethoven, er wird niemals ein stiller, zurückgezogener Komponist sein, der ein paar vorsichtige Töne in den Raum wirft und einfach mal zusieht, wie sie sich entwickeln. Trüge er ein Symbol statt eines Namens, so wäre es wohl die erhobene Faust. Insofern gibt es also auch bei den ganz Großen den einen oder anderen Faktor, der nach einer gewissen Zeit anfangen könnte, langweilig zu werden.
Ein weiteres unschlagbares Kennzeichen dafür, dass ein Stück (und sei es auch noch so gut) Gefahr laufen könnte, dem Hörer auf den Wecker zu fallen, liegt in der Art der Rezeption begründet. Wer seine Siebensachen zusammenpackt, sich hübsch macht um dann für teuer Geld in ein Konzert zu spazieren, wird das dargebotene Stück vermutlich eher genießen als jemand, der sich gerade mit 3 heulenden Kleinkindern vollgepackt durch den Supermarkt wühlt und auf den Tod kein Tomatenmark finden kann... das sind die Augenblicke, in denen man die Baumarktabteilung stürmen und den Lautsprechern an den Wänden mittels einer Leiter und eines Eimers Epoxitharz den Garaus machen möchte.

Dienstag, 2. Juni 2015

Was ist Musik? Der Tragödie zweiter Teil



Willkommen zu Teil Zwei der offensichtliche vergeblichen Suche danach, was Musik eigentlich ist. Oder besser vielleicht: Der Frage danach, was Musik für uns ausmacht, denn es scheint offensichtlich nicht möglich zu sein, eine vernünftige Antwort nach der Natur der Musik zu bekommen. All die Dinge, die uns zu dem Thema so einfallen, wie beispielsweise Melodie und Rhythmus, Mehrstimmigkeit, formale Regeln, Sonatensatz-, Rondo-, oder weitere Formen, Themen, Motive, Imitationen...nichts davon scheint notwendig zu sein, wenn es um das Schreiben von Musik geht.
Vielleicht werden ja deshalb die bekanntesten Stücke immer wieder gespielt, weil wir Dinge brauchen, an denen wir uns halten können. Bekanntes gibt irgendwie immer ein gewisses Gefühl der Sicherheit: Das hat uns beim letzten Mal nicht gebissen, also wird es das vermutlich auch diesmal nicht tun. Gehen wir also in die Zauberflöte, statt in Unsuk Chins Alice im Wunderland.
Und dabei gäbe es so viele wunderbare Stücke, die mittlerweile teilweise auch schon ihre 50-70 Jahre auf dem Buckel haben und dennoch viel zu häufig unter der Bezeichnung „neumodischer Kram“ abgetan und außer Hörweite verbannt werden. Und das von denselben Menschen, die einen Popsong nach 2 Wochen von ihrer Playlist löschen, weil er ihnen nicht mehr aktuell genug ist. Wobei man sich bei den meisten Popsongs darauf verlassen kann, dass sie wiedererkennbare Melodien und eingängige Rhythmen besitzen und somit also im Grunde alles andere als neumodisch sind. Da wird im Gegenteil, auf eine Liedform zugegriffen, die man auf jedem Mittelaltermarkt hören kann. Hätte sich der Erfinder des Strophenliedes rechtzeitig ein Patent auf diese Form in die Höhlenwand meißeln lassen, wäre er vermutlich Mammutmillionär gewesen und seine Familie bis heute finanziell abgesichert.