Dienstag, 1. Dezember 2015

Fuir le Bonheur de Bach - Die wunderbare Welt der Covers und Zitate





Als ich den dritten Satz aus Johannes Brahms' Sinfonie Nr. 3 zum ersten mal hörte, kam er mir so bekannt vor, dass ich das Thema von Anfang bis Ende mitsummen konnte. Irgendwo hatte ich das Stück schon einmal gehört und fest in meinem auditiven Gedächtnis verankert. Eingängig genug ist es ja, melodisch, eigentlich schon liedartig. Ein paar Tage später hatte ich die Sache noch immer nicht aus dem Kopf und summte sie auf dem Weg von meinem Kinderzimmer hinunter in die Küche vor mich hin. „Ich wusste gar nicht, dass Du Gainsbourg magst!“ sagte meine Mutter, die mich gehört hatte. Bitte? Gaisburger Marsch war einem Kind aus meiner Umgebung zwar ein Begriff, ein traditionelles schwäbisches Eintopfgericht mit Graupen, benannt nach dem Stuttgarter Stadtteil, in dem es vermutlich erfunden wurde, aber Gainsbourg als Musiker sagte mir nichts. Mit meinen damals gerade fünfzehn Jahren konnte ich mir das zwar verzeihen, schlimmer fand ich irgendwie, dass meine Mutter Brahms nicht erkannte, aber ein darauf folgender Blick in ihre Schallplattensammlung brachte die Offenbarung: Serge Gainsbourg, französischer Frauenschwarm, Chansonnier, Schauspieler und rotweintrinkender Kettenraucher (Hallo, Klischeefranzose der 60er Jahre, da fehlt doch eigentlich nur noch das Baguette unter und die Dame in dem Arm), hatte Anfang der 1980er Jahre einen Song für seine damalige Lebensgefährtin, die Schauspielerin Jane Birkin, geschrieben, dessen Melodie beinahe einer 1:1-Kopie der Brahmssinfonie entspricht. Dass er dabei auch Streicher einsetzte (im Pizzicato), war sicher kein Zufall. Ein Zitat also, das klar auf Brahms verweist, im Gegensatz zu den meisten Coverversionen, die sich ganz einfach das Schreiben eines eigenen Songs zu ersparen scheinen.


Oh ja, es gibt Schreckliches auf dem bunten Markt der Coversongs: „Lieder“, wie „Pump ab das Bier“ (Werner Witzig, der seinem Namen übrigens keine Ehre macht), die ein ohnehin schon anstrengendes Original („Pump up the Jam“ (Technotronic)) endgültig verhunzen. Lieder, die ein eigentlich sinnvolles Original verhunzen („Informer“ (Snow), das sich um Drogenhandel und das Leben im Ghetto dreht, wird in der deutschen Version mal eben zum „Farmer“ (Zitat: Ich bin der Farmer, bin hier geboren auf dem Land und melke Kühe. Ich finde keine Frau“ Tja, auch das scheint ein ernsthaftes Problem zu sein, das allerdings mittlerweile Abhilfe in Form von Sendungen wie „Bauer sucht Frau“ bekommen hat)), und dann noch Songs, die in der Coverversion ganz einfach nur unglaubwürdig sind (Wer bitte hat einer seeeehr blonden Britney Spears ihr „I love Rock'n'Roll“ damals abgekauft?).

Serge Gainsbourg schien da mit seiner völligen Neuinterpretation etwas eigenes geschaffen zu haben, wobei auch seiner Jane etwas gelang, das ziemlich außergewöhnlich auf dem Musikmarkt ist: Nicht nur grottenschlecht zu singen, sondern die falschen (und vor allem häufig mangels Stimmvolumen und Atemstütze komplett fehlenden) Töne zu einem derartigen Markenzeichen zu machen, dass sie damit noch immer Konzertsäle füllt und die Leute sagen „Ach das ist die Frau, die überhaupt nicht singen kann, die ist toll, die mag ich!“ (Ich mag sie übrigens auch )). Abgesehen von der verbrahmsten Dritten (die bei den Gainsbourgs übrigens „Baby alone in Babylon heißt), wird man, so man denn nach großen Vorbildern sucht, bei den beiden mehrfach fündig. Die Frage, ob es sich bei dem Songwriter um ein musikalisches Genie handelt, der seine Vorbilder durchaus gut zu zitieren und zu „pastizieren“ (pasticcio) weiß, oder schlicht um einen Säufer, der von Plagiaten lebt, haben sich schon eine Menge Musikschriftsteller gestellt, wobei ich persönlich allerdings überzeugt bin, dass Leute wie Chopin (Präludium n° 4 ) oder Antonin Dvorak (Symphonie n°9 "Aus der Neuen Welt)" (die ebenfalls nicht unbenutzt blieben) durchaus interessiert gewesen wären, sich vielleicht ein bisschen zum Jammen zusammenzufinden. Allenfalls Beethoven (Klaviersonate n°23 in f-Moll "Appassionata" op57 n°2) hätte sich vielleicht geärgert, was aber eher seiner „Raptus“-Natur geschuldet wäre, als einer schlechten Bearbeitung.


Spannend ist meiner Meinung nach auch das textlich recht tiefgründige „Fuir le Bonheur de Peur qu'il ne se sauve“ („Vor dem Glück davonlaufen, aus Angst, es irgendwann wieder zu verlieren“), das ein Präludium von Johann Sebastian Bach zum Vorbild hat (Präludium in C-Dur, BWV 849), aber so geschickt bearbeitet wurde, dass das „Original“ auf den ersten Blick zwar zu „fühlen“, aber nicht zu erkennen ist. Während die Gruppe „The Toys“ in den 1960ern mit „A Lover's Concerto“ kein Problem damit hatte, die Melodie von Bachs (beziehungsweise Petzolds) Menuett in G (trotz Veränderung des ursprünglichen ¾ – in einen Bubblegum-pop-geeigneteren 4/4-Takt) in aller Deutlichkeit mit einem Text zu versehen, der irgendwie und irgendwo Seinesgleichen sucht (und hoffentlich nicht findet! Ich übersetze hier mal schnell: „Wie zart ist der Regen, der sanft auf die Wiese fällt? Die Vögelein hoch oben in der Luft besingen die Blümchen mit ihren Melodien“ Hui Leute, ich brauche ein Stück trockenes Brot. Offensichtlich fehlt mir jeder Sinn für Romantik!), veränderte Gainsbourg das Metrum in einer Weise, die eine Zuordnung Dank der sich damit ebenfalls verschiebenden Schwerpunkte zumindest nicht ganz so offensichtlich macht: Der regelmäßige Vierertakt des Präludiums wurde zunächst einmal auf einen 8/4-Takt augmentiert, dann durch gezielte Amputation der von Gainsbourg wohl als überflüssig empfundenen Noten auf einen 5/4-Takt reduziert und schließlich durch Überbindungen in jedem 2. Takt endgültig verkleidet. Wer die Kostümierung kennt, wird den Elefanten unter dem Giraffenkostüm erkennen, wer nicht weiß, was hier geschehen ist, wird sich vermutlich ein Leben lang fragen, weshalb er diesen Chanson nicht mehr aus der Birne bekommt, und wo er ihn schon einmal gehört haben könnte. Clever gemacht, kann ich da nur sagen.



Mal kurz zum Vergleich: Das hier ist die Petzold-oder-Bach-Komposition, 
die „es Magdaleensche“ in ihr Notenbüchlein geschrieben hat
und hier haben wir die Bubblegum-Version der „Toys“
Verglichen damit, das Präludium in C aus dem Wohltemperierten Klavier
und Serge Gainsbourgs „Fuir le Bonheur de Peur qu'il ne se sauve“ 
(gesungen übrigens von Jane Birkin)
Und für alle die, die auch das Gebrahmse noch nicht kennen, hier hätten wir den dritten Satz der Sinfonie: und hier das Baby aus Babylon



Nun war es in den experimentierfreudigen 60er Jahren des letzten Jahrhunderts ja ziemlich trendy, rockige Songs mit Zitaten oder anderen Elementen klassischer Musik zu versehen. Während Serge in Frankreich das große Kettenrauchen-Massaker veranstaltete und seine Frau ins Mikro stöhnen ließ, eroberte in den USA der sogenannte Classic Rock (Später, als man unter Classik Rock den „typischen“, cleanen oldschoolmäßigen Rocksound zu verstehen begann, werbewirksam umbenannt in „Progressive Rock“) die Bühnen. Bands wie Emerson, Lake and Palmer oder auch Ekseption verbrieten Bachs (schon wieder der alte Jojo, dessen Mugge wird aber auch keine Ruhe gegönnt)Toccata und Fuge in d-Moll (Jahre bevor Sir Andrew sein Opernphantom damit auf, bzw. unter die Bühne schickte) und andere Werke zu einem Rockabkömmling, der sich durch die tatsächlich „progressive“ (oder sollte man es in diesem Fall lieber „regressive“ nennen?) Gestaltung auszeichnete: Mit einem simplen Vierertakt und Harmonien auf der Basis einer einfachen Kadenz (Tonika, Subdominante, Dominante und dann schnell ab ins Körbchen zur Tonika zurück) kommt man bei dieser Art der Musik nicht mehr aus. Dazu braucht es Taktwechsel, Modulationen, ungerade Metren...und Printleggins mit Blümchenmuster. Oder einen Synthesizer vom Ausmaß einer Silbermann-Orgel. Ein Hörbeispiel (samt Blümchenleggins) verlinke ich hier-

Und auch wenn der gute Herr Mercury mit seinen Glitzeroutfits eher der wunderbaren Welt der Glamrock-Ecke entstammt, lässt sich Queens „Bohemian Rhapsody“ problemlos dem Progressive Rock zuordnen. Mamma mia, let me go!

Parodien, also Selbstzitale gibt es in der Popmusik übrigens ebenso wie in der sogenannten „ernsten“ Musik (dass ich den Ausdruck nicht leiden kann, dürfte mittlerweile bekannt sein, gerne verweise ich immer wieder auf das folgende Beispiel: Klick ), nur seltener sind sie geworden, da sich das Selbstverständnis der Musiker (die sich im Laufe der Zeit immer weniger als Handwerker, die auch mal einen Hieb zweimal ausführen können, denn als Künstler sahen), sowie die Aufführungs- und Aufzeichnungstechnik (kurz: Die Rezeption) stark veränderten und es Zuhörern schlichtweg unangenehm aufgefallen wäre, wenn sie alle Nase lang dasselbe Musikstück mit einem neuen Text versehen wieder aufs Brot geschmiert bekommen hätten (dafür haben wir ja heutzutage die Coversongs, in denen die Drogenhändler Traktor fahren und Kühe heiraten oder so ähnlich). Während also Leute wie Bach fleißig ein Weihnachtsoratorium aus einer Kiste voll abgespielter Kantaten zusammenklebten (und dabei versehentlich sogar den falschen alten Text mit abschrieben, wie es Bach tatsächlich passiert ist – das entsprechende Beweispapier findet sich im Bachmuseum in Leipzig), verarbeiten heute Künstler wie Sting ihre eigenen Songs wie Bäcker ihre Brötchen von Vorgestern. Allerdings eben nicht einfach zu neuen, gleich anmutenden Brötchen, sondern zumindest zu „Granatsplittern“ oder „Punschkuchen“. 
Oder eben „Everybody laughed but you“ zu „January Stars“, zitieren ihre eigenen Bassriffs (das Ende von „When we dance“ wurde zum ostinaten Basslick in „All four Seasons“) oder besinnen sich des Zitates und verarbeiten sowohl Sergej Prokofieff als auch Hans Eissler auf ein und demselben Album (nämlich hier und hier). Dass auch Sting und die Cello-Suiten (na, von wem werden die denn mal wieder sein? Ob Anna Magdalena Wilke damals wusste, dass sie sich mit dem Mann einließ, der einmal zum wohl meistgecoverten Musiker aller Popzeiten aufsteigen würde?) eine besondere Beziehung zueinander haben, lassen wir an dieser Stelle einmal gekonnt unter den Tisch fallen, ok? Sonst kommen wir nämlich nie zu einem Ende.

Tja, und damit verabschiede ich mich ebenfalls mit einem Zitat (das wahrscheinlich alle kennen, die in den 70-er Jahren einen Fernseher besaßen), das gleichzeitig wohl eine ganz gute Erklärung für die ganze Zitiererei darstellt und sage: Da weiß man, was man hat. Guten Abend.





Montag, 3. August 2015

Beethovens zehntes - Vom Einfluss des Alkohols auf die Musik


So ab und an hat ja auch das Fröken Finemang mal einen Tag, an dem es sich nicht mir Lernen, Recherchieren, Bibliographieren und Ähnlichem beschäftigen, aber trotzdem etwas lesen möchte. Nur eben etwas entspannter und gemütlicher. Ja, und dann liest es *hust*  ganz besonders gerne *hust-hust* Kriminalromane, in denen Musikwissenschaftlern der Schädel zertrümmert wird und irgendein abstruses Stück Papier aus seinen Unterlagen fehlt, dem niemand zuvor besondere Aufmerksamkeit geschenkt hat.
Jaaaaaa, irgendwie finde ich das entspannend... und nein, ich gebe den zerhackstückelten Musikwissenschaftlern in meiner Fantasie NICHT die Gesichter realer MuWis, mit denen ich vielleicht ein ganz kleines bisschen auf Kriegsfuß stehen könnte... 
So etwas gibt es nicht, ich liebe alle MuWis. 
Fast. 
Nun ja, einige. 
Zwei. 
Ach Quatsch, nehmt mich nicht ernst, bitte XD

Eines dieser Bücher ist übrigens "Die zehnte Symphonie" von Joseph Gelinek, und der Tote ist in diesem Fall sogar ausnahmsweise mal "nur" ein Dirigent, wobei er MuWi genug war, eine Symphonie zu rekonstruieren, wie es zumindest auf den ersten Blick erscheint. Dass ihm das im wahrsten aller Sinne den Kopf kostete, könnte man zwar mal als Ausrede in's Auge fassen, wenn man keine Lust hat, sich mit Stilkopien auseinanderzusetzen, gilt aber vermutlich auch nur für dieses eine Werk, das den Fluch der zehnten Symphonie sozusagen in die Welt gesetzt und zahlreiche Komponisten nach ihm in wilde Aufregung versetzt hat, sobald sie ihre Neunte abgeschlossen hatten und sich fragten, was sie denn als nächstes in Angriff nehmen sollten. 
Wie nicht allzu schwer zu erraten ist, wird in diesem Werk also die Frage nach Beethovens Zehnter aufgeworfen und dabei ein Musical erwähnt, das der eine oder andere vielleicht kennen könnte: "Beethoven's Last Night", ein Stück, in dem der todkranke Ludwig vom Teufel höchst persönlich aufgesucht wird, der ihm, wie es ja so seine Art zu sein scheint, ein Spielchen vorschlägt: Beethoven darf seine Seele vor dem Fegefeuer retten, muss aber im Gegenzug in Kauf nehmen, dass seine Musik für immer aus den Köpfen der Menschheit verschwindet. Noch während der gute Luis zögert, schaltet sich das Schicksal ein und muss zähneknirschend zugeben, dass es dem Herrn Kompositeur vielleicht ein bisschen sehr übel mitgespielt hat, mit einer früh verstorbenen Mutter, einem alkoholkranken Vater, der seinen Sohn regelmäßig verprügelte und zu einem Wunderkind heranzuziehen versuchte, vielen schönen Frauen, die Beethoven niemals erhörten (wer einmal eine Biografie über den leicht exzentrisch und "ein ganz klein wenig" *hüstel* cholerischen Herrn Van B. gelesen hat, versteht vielleicht auch, weshalb...), einer ewigen Streiterei um das Sorgerecht am Neffen, vielen Krankheiten (Hallo Leberzirrhose... vielleicht hätten wir mal vom Papi lernen können, dass das mit der Sauferei keine so gute Idee war)...jedenfalls tut es dem Schicksal dann irgendwann tatsächlich Leid und es bietet Beethoven an, all die schlimmen Dinge aus seiner Biographie zu löschen, aber da "schnackelt" es beim Komponisten und er begreift:  Ohne all den Kummer, ohne die Weinflaschen, ohne die Verletzungen und die Räusche hätte es seine Musik nicht gegeben. Und nachdem er auch einigermaßen stolz auf sie ist, will er sie auch nicht aus dem Weltgedächtnis löschen, bittesehr. 

Womit er vermutlich ziemlich ins Schwarze getroffen hat, der Herr Van B., denn dieselbe wäre seine Musik wohl nicht geworden mit einem anderen Schicksal. 
Bleibt zu fragen, ob er auch nur ein annehmbar guter Pianist geworden wäre, wenn er den Flügel vornehmlich als Unterlage genutzt hätte, um die -in diesem Fall dann vermutlich willigen- Damen nicht auf den Boden dirigieren zu müssen. Wobei natürlich auch beides möglich ist, denn 20 Kinder setzt man nicht mal so nebenher in die Welt, dazu muss man schon Vorarbeit leisten, auch wenn das meiste danach die Dame des Hauses übernimmt, und komponieren kann man nebenher trotzdem noch so eine ganze Menge. (Wir merken schon, ich bin mal wieder ein bisschen gesprungen und bei den Herren Marais und Bach gelandet, wobei wir bei Johann Sebastians Ältesten, dem lieben Wilhelm Friedemann Bach ruhig ein bisschen verweilen dürfen, denn auch er hatte sein Päckchen zu tragen. Und ob die Flötenmusik dieselbe wäre, wenn er ihm damals besser gegangen wäre, ist ebenfalls zu bezweifeln. So viel Schmerz kann man nicht einfach so erfinden und aufsetzen, Affektenlehre hin, Affektenlehre her. Nicht selbst gefühlter Schmerz klingt immer ein wenig nach Dieter Bohlen: Gekonnt verarbeitet, aber eben nie wirklich authentisch und immer ein bisschen platt.)
Kommen wir aber zu dem, was Beethoven und Friedemann noch verbindet (und im Übrigen auch Mussorgsky, von dem man sich ja nur mal ein Portrait angucken muss, um zu wissen, was Sache war), Schubert (ja, der war auch unglücklich dauerverliebt, aber auch als seeehr "gesellig" bekannt); Bellman (der nicht nur die Liebe zu Ulla Vinblad und anderen jungen Damen, sondern auch die zum Wein und dessen höherprozentigen Verwandten oft in seinen Liedern thematisierte) und so weiter...man ahnt es schon, ich spreche vom Lall- beziehungsweise Al-kohol: Der Modedroge der klassischen Komponisten, der schneller zu Kopf steigt, als so mancher Tippelbruder glauben möchte und  binnen kürzester Zeit ( in den entsprechenden Versuchen handelte es sich um 2 Gläser Wein und 6 Minuten Wartezeit ) zu messbaren Veränderungen der Hirnströme führt.  Dass sich das bei Künstlern und Schriftstellern besonders stark auswirkt, liegt vermutlich daran, dass das Frontalhirn, das über Persönlichkeit und Kritikvermögen entscheidet, besonders stark auf den Alkohol reagiert und das Gefühlsleben mehr oder weniger außer Kontrolle gerät und Dinge zulässt, die man sonst im Traum nicht in Erwägung zöge. "YOLO" eben, wie man so schön sagt. You only live once! Nur merkste dann halt nicht mehr allzuviel davon.
Das kann dann natürlich kreative Kräfte freisetzen, die normalerweise von gesellschaftlichen Konventionen und Schamgefühlen überdeckt werden, führt auf Dauer aber leider zu schweren Persönlichkeitsstörungen  bis hin zur Demenz. Was während eines Rausches als ganz angenehm empfunden wird: Eine gewisse LMAA-Einstellung, wenn es sich um das Abwägen der Konsequenzen des eigenen Handelns dreht, setzt sich dann eben im Alltag fort. Irreversibel. Das war es dann mit der sozialen Interaktion.
Und  bekanntlich waren ja weder der Ludwig noch der Friedemann die "Teddybären" unter den Komponisten: Friede  war  als Eigenbrötler und Muffel verschrien und Beethoven musste so oft umziehen, dass jede zweite Biographie eine andere Zahl nennt...von 50 bis 70x ist so ziemlich alles vertreten. Tatsache ist jedoch, dass die Nachbarn nicht unbedingt "Juhu" gerufen haben, wenn er eine Wohnung besichtigte, und die Anwohner heutzutage vermutlich tonnenweise Spam-Mails für Ohrenstöpsel in ihren Mailboxen hätten. Nicht nur Beethovens Musik ist laut und unerbittlich, er selbst war vermutlich genauso. Die eine Zeit lang kursierende Vermutung, seine cholerischen Anfälle seien auf eine Bleivergiftug zurückzuführen, ist mittlerweile aus dem Rennen, zudem beschreibt bereits Ludwigs "Ziehfamilie" Breuning, die Familie eines Schulfreundes, die sich des seelisch leicht verwahrlosten Jungen annahm, seinen so genannten "Raptus", der möglicherweise von Seiten des Vaters vererbt, möglicherweise von dessen Verhalten zuhause abgeguckt, oder -was ebenso möglich ist- von Alkoholmissbrauch (oder besser -Einflößen) bereits im Kindesalter  herrührt. 
Woher auch immer, die Frage bleibt: Hätten die obigen Komponisten ohne ihre Alkoholsucht dieselben Werke, oder zumindest Werke von vergleichbarer Intensität geschrieben, bzw schreiben können?

In seinem Buch "Alkohol und Autor" beschreibt der Psychologe Donald Goodwin ein ähnliches Phänomen bei Schriftstellern: William Faulkner, Eugene O'Neill, John Steinbeck, Sinclair Lewis und Ernest Hemingway waren nicht nur großartige Autoren, sondern auch großartige Schluckspechte, beziehungsweise unheilbar alkoholkrank. Interessanterweise kommt Goodwin dabei zwar zu ähnlichen Erkenntissen, wie wir sie im Bezug auf die Musik, bzw deren Komponisten bereits angesprochen haben, behauptet aber gleichzeitig, dass prozentual mehr Schriftsteller unter Alkoholeinfluss stehen und schreiben, als Musiker. Warum das so ist (so er denn recht hat), kann man vermutlich nicht allgemeingültig beschreiben, dazu sind die einzelnen Künstler und ihre Biografien dann doch zu individuell und die Schriftsteller auf einen Zeitraum konzentriert, in dem Unterhaltungsmusiker den Alkohol nicht mehr vorrangig, sondern nur noch begleitend zu anderen Drogen konsumieren. 
Die Geschichte, dass Goethe und Schiller sich den einen oder anderen Joint geteilt haben sollen, erwies sich zwar als clever eingefädelte Zeitungsente (Der im Stile Goethes geschriebene Text über "jenes vielgerühmte Kraut" hatte es in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts sogar bis in "Die Zeit" geschafft), wer sonst noch so alles sein Bewusstsein erweiterte/vernebelte lässt sich nur erraten, wobei die Beatles die Geheimniskrämerei um ihre Lucy in the Sky längst beendet und die LSD-Geschichte bestätigt haben, und John Lennon mit Cold Turkey einen Song über einen missglückten Entzugsversuch vorlegte.  Und wenigstens bei diesem Song (Cold Turkey) können wir mit Bestimmtheit sagen, dass er ohne Drogeneinfluss nicht entstanden wäre. Irgendwie logisch, aber immerhin ein Musikstück, dass die große Frage dieses Artikels beantworten kann. Darauf einen Dujardin. Cheers!



Die Miezen sind auch ohne Alkohol gechillt.

 Während das sonnige Wetter genutzt wird, um sämtliche Kleintiergehege zu erweitern
Und natürlich, um sich den Magen vollzuhauen, so lange es noch Grünzeug in Massen gibt.


Dienstag, 28. Juli 2015

Erst mal Gugge - Von alpenländischen Marchingbands und Pfingstsochsen zur Fastnet


So ab und zu bekommt ja auch das Fröken mal Post von den Lesern dieses Blogs. Manchmal artet das sogar in wilde Diskussionen aus, manchmal gibt es aber auch einen Wunsch nach einem Beitrag zu einem bestimmten Thema.
Häufig denke ich mir in solchen Fällen dann „Ach, das wäre tatsächlich mal einen Artikel wert!“, neulich dachte ich allerdings eher „Guter Witz!“ bis mir einfiel, dass ich viel zuwenig Ahnung von dieser Musikrichtung hatte, um zu wissen, ob es sich überhaupt um einen Witz handeln sollte.
Wie sich unschwer am Titel des heutigen Postings erraten lässt, dreht es sich bei diesem Musikstil um die sogenannte Guggenmusik: In meiner Vorstellung die Art von Musik, die der Alm-Öhi in seinen CD-Player warf, wenn er sich nach einem langen Tag des Ziegenhütens mal wieder ein paar spannende Kräutlein in seine Tabakspfeife stopfte um seinen „Fyrabe“ zu genießen. Na dann: Vöy Vergnüaga, ich hoff äs fägt!

Genug der Verbreitung alpenländischer Vorurteile, gehen wir die Sache mal systematisch an: Was um alles in der Welt ist „eine Gugge“? Eine vornehmere Aussprache von „oiner Gugg“, was dem Schwäbischen Ausdruck für „eine Plastiktüte“ oder einen Einkaufsbeutel entspricht? Tütenmusik also? Nein, das war Reggae... wobei Guggenmusik auch Teil des Schwäbisch-Allemannischen Faschings ist und die Beutelgeschichte zumindest etymologisch gesehen nicht aus dem Rennen ist. Desweiteren ist „guggen“ mundartlich für „schauen“ und möglicherweise mit dem Wort „Guggel“ (Auch Güggel oder Gockel) verwandt: Krähmusik also. Hühnerpop.
Wenn man sich die Herren Musiker einmal genauer ansieht , so finde ich den Vergleich zum Haushuhn sogar einigermaßen angemessen, zumindest, was die Kostümierung betrifft: Klick 

Seit dem 16. Jahrhundert ist diese Art der Fastnachtsmusik schriftlich bezeugt, wobei es doch einigermaßen schwierig ist, den Musikstil an sich genauer zu beschreiben. Es scheint sich dabei eher um die Art der Wiedergabe zu drehen: Marschierenderweise, bunt kombiniert und mit dem Ziel, den Winter endgültig zu vertreiben. Andere werfen dabei mit „Kamelle“, die Guggenmusiker werfen eben mit Noten um sich, die ungefähr genauso schmerzhaft sein können, wenn man sie mit voller Wucht an den Kopf gedonnert bekommt.
Heutige Guggis, wie sie sich anscheinend in der Schweiz zu nennen pflegen, spielen meist ein buntes Repertoire aus Militärmusik, Schlager, „Ohrwürmer“ der klassischen Musik, dann wieder etwas Marching Band...die blockartig hintereinander gesetzt ohne Punkt und Komma ineinander übergehen und mehr oder weniger davon leben, dass die Töne nicht immer ganz unserer klassisch-verwöhnten Erwartung entsprechen. Ein bisschen wie Charles Yves auf Koks also. Wobei ich Yves trotz seiner manchmal etwas radikal-klischeebeladenen Machosprüche trotzdem ganz gerne höre, die Guggenmusik jedoch … gewöhnungsbedürftig... finde. Kurz gesagt: Dass diese Musik ihren Ursprung in der Fastnacht hat, also dazu diente, den Winter zu vertreiben, kann man sich lebhaft vorstellen und sie scheint darin ja auch recht effektiv gewesen zu sein. Erstens hätte ich mich an Stelle des Winters auch auf die Socken gemacht, wäre mir jemand mit einem dudelnden Kuhhorn auf die Nerven gegangen (der Winter wird ja nicht umsonst als die „stille Jahreszeit“ betrachtet; mit dieser Mischung aus Alpenjazz und Heustadelschwoof hatte er wohl nicht allzuviel am Hut) und zweitens ist es ja tatsächlich auch bisher jedes Mal Frühling geworden. Und wenn eine Studie ganz klar zeigt, dass es bei 100 Versuchen, den März einzuläuten auch tatsächlich 100x März wurde, dann könnte man fast auf eine derart bekloppte Idee kommen, einen kausalen Zusammenhang zu sehen. Fast. Nicht wirklich. Hoffe ich. Ansonsten mal ganz schnell die Hand an die Stirn legen und die Temperatur überprüfen, vielleicht lässt sich ja noch etwas machen, wenn man es rechtzeitig erkennt.

Nun sagt man den Bernern gerne nach, sie seien etwas langsamer als andere (die meisten werden den Witz vom Berner kennen, der Schneckensammeln geht und am Abend mit leerem Korb nach Hause kommt. Auf die Frage, wo denn die Schnecken seien, antwortet er „Die sind viel zu schnell weggelaufen, ich hatte keine Chance!“), den Vogel schießen allerdings offensichtlich die Basler ab, die es fertigbringen, am Montag NACH Aschermittwoch den Fasching einzuläuten... das dann allerdings um 4 Uhr in der Frühe beim sogenannten Morga- oder auch Morgestraich.
Angesichts der Uhrzeit dürfte es verständlich sein, dass die Bewohner der Basler Innenstadt zunächst wenig Begeisterung dafür zeigten, als die erste Guggenband im Jahre 1874 mit Getöse durch die Straßen zog und den Morgastraich begleitete. Dorfkinder, die es gewohnt waren, dass riesige Kuhherden mit tosenden Glocken, bellenden Hütehunden und plärrenden, pfeifenden Hirten durch die Straßen zogen, waren vom Klang der Musikgruppen wahrscheinlich weniger aufgeschreckt. Auch die Klamotte dürfte sie an ähnliche Umzüge erinnert haben. Angesichts der Ähnlichkeit zwischen marschierenden Guggenmusikern und Pfingstochsen beim Almauftrieb  wird sich der eine oder andere Schweizer vermutlich gefragt haben „Ja isch denn heut scho Pfingschte?“
Vermutlich nicht, liebe Schweizer. Es ist immer noch Februar, das Murmeltier ist noch nicht aus seinem Bau gekrochen (im Gegenteil, es sitzt in seinem Wohnzimmer, hat die Türen verrammelt und hält sich die Ohren zu) und wir sagen euch eines voraus: Noch weitere 4 Wochen Winter. Da könnt ihr soviel Krakeelen, wie ihr wollt.



Das Fröken neigt ja leider zu entzündeten Augen...da hat kein entrüsteter Guggi draufgehauen. Echt!

 Aber heiß war uns in der letzten Woche... ob Mensch oder Tier, wir waren ein wenig lustlos.


Mittwoch, 22. Juli 2015

Musikalische Volksverdummung - unfreiwillige Dauerbeschallung und die Folgen





Friedemann Bach heißt der Mann, der mich nun schon mein halbes Leben lang begleitet hat. Wilhelm Friedemann Bach, um genau zu sein. Ich kann nicht sagen, was mich an ihm fasziniert, aber wohin ich auch gehen, ich kehre immer wieder zu ihm zurück. Auch im Flugzeug nach Dresden hatte ich ihn im Ohr, in meinem ansonsten kaum genutzten mp3-Player. 
Seitdem ich mir das Ding vor etwas mehr als einem Jahr gekauft habe, weil ich es für eine clevere Idee hielt, mich damit auf Stücke vorzubereiten, die ich zu spielen habe, hat es vermutlich etwa 3x das Tageslicht gesehen. 
Ich hasse es, überall mit Musik beschallt zu werden, unfreiwilliges Hören ist für mich eine der größten Qualen, die es gibt,die Dresdner Dudelfolter das sächsische Pendant zur Chinesischen Wasserfolter. So ein paar Tropfen auf die Stirn bringen einen ja nicht um, aber wenn man es nicht mehr abstellen kann, wird das Ganze zum Problem.
Könnte man sich den Player mit Stille beladen, die dann das tägliche Gedudel beim Sport oder beim Einkauf übertönte, wäre das mein nächster Download.
Musik im Einkaufszentrum, im Supermarkt, an der Tankstelle, in Büros und Fitnessstudios, Musik, die ich nicht leiden kann, Musik, die ich mir normalerweise niemals anhören würde, Musik, die mir den Spaß an der Musik madig macht, die mich zu einem Musikmuffel werden lässt, der sich beim Ausdauersport auf dem Laufband Ohrenstöpsel in die Gehörgänge schiebt, um nicht die gesamte eineinhalb Stunden hindurch beschallt und be-beatet zu werden.
Der Beat ist das Schlimmste an dieser Art von Musik. 
In Geschäften, die sich die Mühe machen, sich ordentlich zu informieren oder eine Agentur zu Rate zu ziehen, ist er so eingestellt, dass man, so sich der Herzschlag entsprechend an die Schläge anpasst -was er übrigens beinahe grundsätzlich tut, ein Relikt aus Urzeiten, in denen Massenpanik oder Ruhigbleiben der Gruppe überlebeswichtig waren- dass der Herzschlag beschleunigt wird, man in eine gewollte Unruhe verfällt und dabei so hektisch wie unüberlegt Dinge in den Einkaufswagen wirft, die man zwar eigentlich nicht brauchen und somit auch nicht kaufen würde, die einem aber später, auf der eventuell bevorstehenden Flucht, möglicherweise von Nutzen sein könnten. 
Auch die Tonhöhe spielt dabei eine nicht unerhebliche Rolle, denn Affen stoßen Kreischtöne in hohen Frequenzen aus, sobald Gefahr droht, was im übrigen auch der Grund dafür ist, dass die meisten Menschen bei lauten Qietschgeräuschen (Gabel über einen glasierten Teller schieben oder fettig gewordene Kreide, die über die Tafel quietscht...wir hatten mal einen Satz handgetöpferte Teller mit einer Glasur, die das Waschen in der Spülmaschine nicht überstanden hatte und eine Oberfläche bildete, die zwar aussah, als sei sie mit einem Ölfilm überzogen, sich aber gleichzeitig knochentrocken anfühlte und bei jedem Stück Brot, das darauf auch nur den Ansatz einer Rutschbewegung machte, Geräusche von sich gab, als würde man auf Mäusen tanzen... nachdem irgendwann die gesamte Familie in Hungerstreik getreten war, wurden die Teller weggeschmissen und durch spülmaschinenfestes Geschirr ersetzt) eine Gänsehaut bekommen.
Möglichst hohe, quietschige Frauenstimmen in Verbindung mit einer BPM-Zahl, die den Normalpuls übersteigt, verführt also zu hektischen Hamsterkäufen, vermutlich würden wir uns alle noch ein Zweimannzelt, eine Grubenlampe und Pfeil und Bogen in den Wagen packen, so es diese Dinge in Kassennähe an einem Wühltisch gäbe (wobei mir bei dieser Gelegenheit einfällt, dass ich neulich tatsächlich an einem dieser kassennahen Grabbeltische im Supermarkt meines Vertrauens einen Outdoor-Schlafsack und eine Thermoskane eingepackt habe... ich sollte mal fragen, was damals für Musik gelaufen ist).
Anders ist es bei den so genannten Wohlfühl-Artikeln, bei deren Anblick wir uns schon im Geiste in einer wohlig warmen Badewanne aalen sollen. Und zwar unabhängig davon, ob man als Kunde überhaupt über eine Wanne verfügt und nicht am Ende zusammengefaltet in einer Pfütze am Boden seiner Duschwanne kauert und mit trockenem Badesalz um sich wirft, als wolle man “Helau!” schreien und die Konfettikanone füllen. Mit Rosenholz-Moschus-Spa-Duft, versteht sich). 
Spätestens beim Betreten eines dieser Lavastein-Relax-Tempel im der Art eines Rituals-Geschäftes setzen wir ein Häkchen hinter die Gehirnwindung, die für den Umbau des Badezimmers zuständig ist und ein zweites hinter die Erinnerungsfunktion, selbige Aufgabe an den Herrn des Hauses zu delegieren. Und zwar umgehend. Dann folgen wir der fernöstlich angehauchten (also das, was der belgische Massenkompositeur für “fernöstlich, aber noch gut verkäuflich” hält – Debussy, Ravel und seine Kollegen würden sich freuen. Der Exotismus ist zurück, zumindest in der Badewanne.) langsamen, ruhigen und wesentlich tieferen Wasserplätschermusik und fassen beherzt ins Kosmetikregal. Beziehungsweise zum Mann, der gerade überlegt, welche Wand er entfernen muss, um eine Zwei-Mann-Eckbadewanne in ein 3m² kleines Badezimmer zu bekommen, welcher wiederum zur Kreditkarte fasst, sofern er überhaupt noch mal eine Chance sehen möchte, jemals selbst wieder angefasst zu werden. Was Musik nicht so alles bewirken kann. Inklusive neuer Lavasteinfliesen.
Musik, die eigens für diese Zwecke geschrieben wird, folgt all den Parametern, die uns Hörern ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit geben, was erklärt, weshalb frühbarocke oder spätromantische Musikstücke für derartige Zwecke nicht in Frage kommen. Von neuer Musik mal ganz abgesehen: Weder Bachs berühmte Toccata und Fuge in d-Moll noch Gustav Mahler kuscheln mit unseren tonal und harmonisch mittlerweile eng begrenzten Hörgewohnheiten, klingen für den typischen Pop-Hörer sogar eher verwirrend, wenn nicht gar verstörend, von Leuten wie Stockhausen wollen wir erst gar nicht anfangen...nein, da will man nicht verweilen und vielleicht doch noch eine Duftkerze kaufen. Wobei es glatt eine Überlegung wert wäre, eine Ausverkaufsstimmug weiter anzuheizen, indem man ein bisschen mit dem Walkürenritt beschallt....wer es lebendig bis zur Kasse schafft, kann hinterher einen Mega-Haul bei Youtube hochladen. "Ich hab heute 20 Tüten voll Sachen gekauft, von denen ich selbst noch nicht genau weiß, was sie sind...schauen wir uns das mal zusammen an" 

Während eine konstante Beschallung mit Musik oder Stimmen bei Menschen in Einsamkeit (also beispielsweise alleine in Büroräumen oder im Auto auf längeren Strecken) offensichtlich das für Rudeltiere (und zu denen zählen wir bekanntlich) Angstgefühl, praktisch den Anschluss an die schützende Herde verpasst zu haben und nun für immer irgendwelchen wilden Raubtieren ausgeliefert zu sein, verringern kann (jup, Dauerradiohörer fühlen Beklommenheit, sobald sie die Dudelkiste über längere Zeit ausmachen und alleine in der Stille fahren müssen – ihre Fahrweise wird nervöser und aggressiver), kann unfreiwillige Beschallung das Gehirn schädigen.
Mitarbeiter der Yale University School of Medicine gingen Versuchstieren mit mehrstündiger täglicher Beschallung derart auf die Nerven, dass sich die Bildung neuer Blutgefäße im Gehirn um 70% reduzierte und das Längenwachstum der paar Gefäße, die sich überhaupt noch bildeten, um etwa 80% reduziert war, was womöglich sogar ein Glücksfall war, da die armen Tiere (ja, ich fide Tierversuche schrecklich, auch wenn ich nicht abstreiten kann, dass die Ergebnisse äußerst aufschlussreich sind) vermutlich irgendwann derart abstumpften, dass ihnen die Beschallung nichts mehr ausmachte. Beheben ließen sich die Schäden übrigens nur währed eines gewissen Zeitraumes. Überstieg die akustische Nervensägerei einen gewissen Zeitraum, erwiesen sich die Schäden als irreparabel.
Selbstverständlich handelt es sich bei uns Menschen nicht um Nagetiere, jedoch sind Aufbau des Gehirns und des gehörs so nah verwandt, dass die Forscher es für gut möglich halten, dass sich Dauermusikberasselung bei uns ganz ählich auswirken könnte. Für mich als absolute Wenighörerin (ja, ernsthaft, ich höre kaum Musik. Wenn, dann höre ich bewusst zu und schalte hinterher ab, oder gehe in ein Konzert, wo ich mich auf die Musik an sich konzentrieren kann. Und wenn die dann gut ist und ich den Abend als gelungen abspeichern kann, wäre mir das vielleicht sogar die eine oder andere verabschiedete Gehirnzelle wert.


Vielleicht wäre das ja ein Kriterium, anhand dessen wir die Qualität von Musik ermessen können... wenn ein gewisser Prozentsatz der Studienteilnehmer bereit wären, ihr Gehirn gegen eine Stunde mit Friedemann Bach, seinem Papa oder seinen Kollegen einzutauschen, dann gibt es dafür ein neues Gütesiegel. Prädikat besonders Synapsenverkürzt, oder so etwas. In diesem Sinne: Hier klicken


 Mal wieder am Wohnungsumgestalten...der schwarz-weiß-Wahn greift diesmal um sich.
 Mit Freunden Konzerte besuchen und vorher mit Heißgetränken dopen - perfektes Wochenende

 Wie schon erwähnt...schwarz-weiß....
Nur draußen darf es grün bleiben.

Montag, 6. Juli 2015

Alle Ohrwürmer sind gut drauf! Warum Musik so penetrant sein kann



Das war nicht besonders nett von mir, nicht wahr? Ohne Vorwarnung so einen grenzdebilen Song zu verlinken. Aber weshalb sollte ich die einzige sein, die diese musikalische Essstörung seit geschlagenen 20 Jahren nicht mehr aus dem Kopf bekommt? Beinahe jedes Mal, wenn sich irgend jemand darüber beschwert, dass das Leben im Berufsbereich Musik ein ewiger Kampf sei, geht es wieder los, in meinem Kopf. Und nicht irgendwie, sondern a la Bordelaise. 
Grund dafür ist eine Unterhaltung, die ich damals anlässlich eines Lachflashes über diese kulinarische Volksverdummung mit meinem Bruder führte, und bei der wir uns einig waren, dass es ein Jammer sei muss für einen studierten Sänger, auf Jobs angewiesen zu sein, bei welchen man Geschirr synchronisiert. Noch schlimmer ist es allerdings, den singenden Fischteller in seinen Lebenslauf aufzunehmen, um etwas vorweisen zu können, sollte man nach Referenzen gefragt werden.
Und genau das scheint der Punkt zu sein, wenn es um das Abspielen von Ohrwürmern geht: Unser Gehirn koppelt Musik (die wir im Übrigen noch nicht einmal besonders gerne mögen oder bewusst gehört haben müssen) an Gefühle oder Situationen. In meinem Fall ist die Bordelaise (Klingt irgendwie wie ein Barocker Tanzstil, nicht wahr? Allemagne, Courante, Gigue und Bordelaise) eben an meinen Bruder und die Situation im Wohnzimmer gekoppelt. Oder an den Konsum von Werbung an sich. Und sobald uns etwas an diese Situation, diesen Menschen oder eben dieses Gefühl erinnert, kann es theoretisch losgehen mit der Endlosschleife im Kopf. Ja, endlos. Dem Kasseler Musikwissenschaftler Jan Hemming zufolge können diese Undinger nämlich auch wochenlang anhalten. Oder eben jahrzehntelang immer wieder auftauchen. Darauf einen Dujardin. A la Bordelaise.
Das nervt, nicht wahr? Immer wieder dasselbe Muster, dieselbe Idee, die man einfach nicht aus dem Kopf bekommt, die einen im Alltag dazu bringt, ungleichmäßige Schritte zu machen, um im Kopf nicht aus dem Takt zu geraten, oder abzuwarten, bis die Phrase zu Ende ist, ehe man einen neuen Raum betritt oder eine neue Handlung beginnt. So gesehen verwundert es eigentlich nicht, dass Ohrwürmer als sehr schwache Form einer Zwangsstörung gelten, wobei ich vermute, dass es schwierig werden könnte, sich mit der Diagnose „Ohrwurm“ krankschreiben zu lassen. Schade eigentlich, dann hätte ich endlich ziemlich viel Freizeit, denn ich gehöre sozusagen zur „Risikogruppe Nummer eins“ unter den Ohrwurmhörern: Ich bin erstens eine Frau (Ja, die sind häufiger davon befallen), zweitens künstlerisch tätig, drittens ohnehin ziemlich sensibel und außerdem häufig gestresst. Schlimmer kann es eigentlich gar nicht kommen. Es sei denn, man ist ein weiblicher, musikalisch-gestresster Fischteller. Das wäre dann vermutlich nicht mehr zu überbieten.

Das wirklich Blöde an einem Ohrwurm ist aber die Eigendynamik, die sich beim „inneren“ Hören des Musikstückes entwickelt, denn bekanntlich bleiben uns Dinge desto besser in Erinnerung, je öfter wir sie tun, sehen oder hören. Im Falle eines Musikstückes stellt sich dieses Wiedererkennungsprinzip bereits nach mehrmaligem Durchspielen eines Stückes ein. Unser Gehirn freut sich schon bei der ersten Wiederholung, der ersten Wiederaufnahme eines Themas: Es ist nicht mehr allein in der Fremde, da ist ihm soeben etwas Bekanntes über den Weg gehüpft. Da lassen wir doch gleich ein paar Schmusehormone ausschütten und die Finger spielen die ja eigentlich nie gespielte Passage fast schon von alleine. Manche Stellen gehen uns dabei natürlich schneller und leichter von der Hand als andere. Diese Stellen erscheinen uns besonders einleuchtend oder besonders schön, erinnern uns unbewusst an etwas anderes, das wir kennen oder werden einfach oft genug wiederholt. Der Rest stinkt dann ein bisschen ab gegen diese „Lieblingsstellen“ und hat es noch ein Stückchen schwerer, sich im Gehirn zu manifestieren. Wer es nicht glaubt, summe mal aus dem Stegreif eine Passage aus J.S. Bachs drittem Brandenburgischen Konzert, in dem NICHT das dreitönige Fortspinnungsmotiv erscheint (joooooor, so eine gibt es...mehrmals...auch wenn sie nicht ganz so präsent ist). Im Zweifelsfall tut es dann auch das Anstupsen des Nachbars mit der Aufforderung „Sing mal schnell eine Stelle aus Beethovens 5., aber nicht die mit dem Dädädädääääää“... Tja, so macht man sich Feinde.
Nun spult unser Gehirn also diesen Ohrwurm immer wieder ab, was einer hundertfachen Wiederholung des Stückes, bzw. des entsprechenden Fragmentes beim Üben gleichkommt. Und „üben“ tun wir es quasi jedes einzelne Mal, wenn wir es innerlich mitsingen. So etwas prägt sich ein. Fürs Leben. Selbst dann, wenn wir und nur eine ganz kleine Stelle aus dem Stück merken konnten (im tollsten Fall noch fehlerhaft...das bekommt man gefühlt nie wieder aus dem Hirn, wenn man es dann tatsächlich einmal irgendwo „in echt und fehlerfrei“ spielen muss) oder (was häufig genug vorkommt) der Sprache des (in diesem Falle dann wohl) Liedes nicht mächtig sind und Bits und Bytes unserer Gehirnspeichermasse mit „hmmm-iswonnofea-loooo“ zuspammen. A la Borderlaise.
Dass man sich mit Ohrwürmern infizieren und diese quasi im Selbstläufermodus immer wieder hervorholen und perfektionieren kann, wissen wir nun also, wobei uns das ein Blick in unseren Erfahrungsschrank auch hätte sagen können. Bleibt noch die Frage: Wozu muss das denn dann überhaupt jemand erforschen? Damit diese ganzen kognitiven Musikwissenschaftler ihre teure Ausbildung irgendwie vertreten können? 
Die Antwort liegt wie fast immer auf der Hand: Weil man damit unter Umständen eine Menge Kohle machen kann. Und das nicht nur, weil man sich auf diese Weise eine Stelle an einem teuren Institut sichert, sondern weil im Endeffekt ganze Wirtschaftszweige von der Geschichte profitieren können. Allen voran natürlich die Musikindustrie: Wenn sich unzweifelhaft vorhersagen ließe, welche Eigenschaften ein Song haben müsste, um als absoluter Ohrwurm zu gelten, könnte man quasi „flopfrei“ produzieren. Und auch die Werbeindustrie hätte ihre Freude an der Geschichte, denn so ein eingängiger Werbesong, der kann schon die Kasse klingeln lassen.
Dass sich die tatsächlichen Ohrwürmer zwar häufig aus individuellen Erlebnissen heraus entwickeln, ist bei der Erschaffung eines Verkaufsschlagers zwar hinderlich, allerdings nicht unumgänglich, denn die besagten „schönen Gefühle“ lassen sich ja auch mittels eben dieser Musik in diesem Augenblick erzeugen, so dass uns die Situation, in welcher wir das Stück hören, im Grunde auch egal sein Kann. Dazu klopfen wir mal wieder bei unserem mit Erinnerungen und Gefühlen verbundenen Gehirnbereich „Amygdala“ an (Nein, das ist nicht die Prinzessin aus Star Wars) und messen mal flugs nach, bei wie vielen Probanden welches Stück das Belohnungszentrum unter unseren Denkzellen aktiviert. Und schon haben wir zumindest einen Anhaltspunkt dafür, welche Motive dazu beitragen könnten, quasi einen oralen Orgasmus auszulösen und uns mit flatternden Einkaufstaschen in die nächste Drogerie oder den Supermarkt zu schicken. Soweit jedenfalls die Theorie. Wenn da nicht das blöde Problem mit dem Individualismus des Hörers wäre. Wir springen eben nicht alle auf die gleichen Sachen an. Und so ganz lässt sich auch kein Zusammenhang zwischen „Finde ich schön“ und „Kaufe ich“ herstellen. Jedenfalls nicht so klar, wie die Damen und Herren Forscher das gerne hätten. Leider. Oder Gott sei Dank.
Noch vor wenigen Jahren, bzw. Jahrzehnten, drehte die Werbeindustrie die ganze Geschichte übrigens gerne herum und nahm einen bekannten „Gassenhauer“, ein Stück, das sich über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte in den Köpfen der Leute gehalten hatte (Auch vor Jahrhunderten gab es bereits Ohrwürmer der allernervigsten Sorte...fragt mal den guten Johann Wolfgang Goethe, was er zu Carl Maria von Webers „Wir winden dir den Jungfernkranz“ zu sagen hatte...da kommt garantiert nicht Nettes dabei heraus, so präsent war das Stück, dass keine Flucht davor möglich schien.), legte einen neuen Text darüber und sorgte dafür, dass die „jungen Leute“ bald nicht mehr wussten, was denn nun eigentlich das Original war...“Radetzky-Marsch? Was soll das denn sein? Ach soooo, der Mais marschiert. Warum hast Du das nicht gleich gesagt? Lecker, lecker Bonduelle! Aber wer dieser Strauss war, weiß ich irgendwie immer noch nicht. Hat der etwas mit Gemüse zu tun?" Oder Rossinis Wilhelm-Tell-Ouvertüre, die sich mit dem Text der die Spartarife der Bahn anpries, noch besser schmettern lies... dann schon lieber Maggi Fix. A la Bordelaise.
So ganz den Stein der Weisen haben sie noch nicht gefunden bei ihren Ohrwurmforschungen, aber sie sind fleißig dabei und werden die Werbeindustrie vermutlich irgendwann revolutionieren.
Und für diejenigen unter uns, die inzwischen verzweifelt versuchen, den Fischtellersong aus dem Kopf zu bekommen, habe ich zwei Tipps auf Lager:
Erstens: Sucht den Song, der euch quasi fragmentarisch im Kopf herumtanzt und immer wieder denselben kleinen Ausschnitt vorspielt, heraus und lernt ihn ganz. Von Anfang bis Ende. Dann hört wenigstens diese Endlosschleife einer einzelnen Partie daraus auf.
Und zweitens: Hört euch doch ganz einfach das hier an. Das schlägt jeden bisherigen Ohrwurm um Längen. Versprochen.




 Tja, so harmlos hat es angefangen... "bitte nur ein bisschen Spitzen schneiden, 
die Länge soll bleiben"
 Dann wurde es doch noch etwas kürzer...
-Frau Finemang, was ist Ihr Laster?
-Amok sägen, mit dem Hoch-Entaster!

Keine Sorge, der Garten ist noch da... immerhin hat die neue Frisur gezeigt, dass ein paar schon vor Monaten fürs Fällen vorgesehene Bäume doch noch bleiben können.

Montag, 29. Juni 2015

Savoir Senser - Warum wir traurige Musik so lieben


Ein paar Jährchen ist es nun schon her, da saß ich einer Klasse gegenüber, die beinahe ausschließlich aus Asiaten bestand. Ein einsamer Franzose, der übrigens binnen kürzester Zeit zum Schwarm eines halben Kontinents avancierte, und eine Baskin rundeten die Gruppe ab. Als eine Reihe von kurzen Einzelvorträgen zum Thema „Welche Musik hören die Mitglieder meines Freundeskreises ein meiner Heimat und in welcher Situation hören wir diese Musik?“ anstand, wurde es musikalisch gesehen bunt in der Klasse. Die Peking-Oper wurde genauso vorgestellt (und ein Stück daraus sogar vom Schüler selbst vorgesungen) wie japanischer Elektro-pop. Und der Franzose steuerte einen Song eines Sängers namens Florent Pagny bei. „Savoir Aimer“ (Wissen, wie man liebt) heißt das Stück und wurde uns mit den folgenden Worten angekündigt: „Wenn Du bist traurig oder hast eine Problem mit Deine Freundin und Du hörst diesen Chanson...Du springst bei dem Fenstäär!“
„Bei dem Fenster“ sind wir nicht gesprungen, aber die Gesichter um mich herum verrieten mir, dass es vielleicht besser sei, die Pause vorzuverlegen und eine Viertelstunde später mit einem neuen Thema wieder einzusetzen.
Trauige Muik ist so eine Sache für sich: Nur für den Fall, dass man es mir nicht glaubt, ohne dass ich eine Studie zum Thema vorweisen kann: A.M.Levanthal zeigte in „Sadness, Depression and Avoidance behaviour. Behaviour Modification“ die uns allen bekannte Tatsache auf, dass wir um traurige Anlässe eigentlich ganz gerne mal einen Bogen machen. Gleichzeitig zeigen Studien jedoch, dass wir beim Thema „Kunst“ (also Musik, Literatur, Film) eine Ausnahme zu machen scheinen. Negatives suchen wir ja normalerweise nicht explizit auf. Ich sage „normalerweise“, denn es mag ja tatsächlich Leute geben, denen es Spaß macht, Beerdigungen aufzusuchen und die sich das ganze Jahr über auf ihren Steuerbescheid freuen. Was uns Verhaltensnormalos anbelangt: Wenn wir traurige Anlässe im Allgemeinen weitläufig umschiffen: Weshalb zieht es uns dann ins Kino, wo wir doch genau wissen, dass Bambis Mutter erschossen wird? Und warum kommen wir auf die eigentlich vollkommen abwegige Idee, ausgerechnet dann traurige Musik zu hören, wenn es uns ohnehin schon nicht gut geht? Da stimmt doch etwas nicht mit uns, könnte man meinen.
Ein Grund, den sowohl Studien, als auch eine Umfrage meinerseits im eigenen Freundeskreis ergab, ist wohl die Tatsache, dass man sich durch die Musik bestätigt fühlt. Man ist nicht der einzige Trauerkloß auf der Welt, es gibt also sozusagen eine Gruppe der heulenden Schlosshunde, die einen immer wieder bei sich aufnimmt, wenn man überall sonst mit den Worten „Stell Dich nicht so an“ , „Es gibt Schlimmeres“ oder „Deine Probleme möchte ich haben“ in die Wüste geschickt wurde.
Eine Gruppe derer, denen es ebenfalls sterbenselend geht... einerseits ja eine gute Idee, um dem vereinsamten Herzen das Gefühl zu geben, gut aufgehoben zu sein, andererseits aber auch irgendwie gefährlich, wie ich finde... das Ganze hat ein bisschen etwas von einer Weltuntergangssekte, wenn ich mir das überlege. Und wenn ich dann noch bedenke, was ich selbst gerne höre, wenn ich miserabel drauf bin, dann ist die Idee mit dem Weltuntergang tatsächlich gar nicht so abwegig... auf Anhieb fällt mir jetzt nichts ein, was irgendwie gut ausgehen könnte oder auch nur den Ansatz einer lebensbejahenden Ausgangs in sich trägt. Die Apotheose, das Alpenglühen...vergesst es, es kommt nicht vor. Ihr werdet schreien und weinen! Denn ich hatte viel Bekümmernis! :D Und wenn ich an die Bäche von gesalznen Zähren denke...dann fällt mir ein, dass die Seufzermotive, die in dieser Jammerkantate (Bachwerkeverzeichnis 21, für den 3. Sonntag ach Trinitatis (für die Bachstelzen unter der Leserschaft)) verwendet werden und die so typisch für den Ausdruck von Kummer und Leid in der Musik sind, auch in einem Lied im Vordergrund stehen, das der ungarische Pianist Reszo Seress 1933 veröffentlichte und das ziemlich fix unter der Bezeichung „Selbstmörderlied“ die Runde machte: Gloomy Sunday. Sozusagen das musikalische Pendant zu den „Leiden des jungen Werther“, das ja ebenfalls nicht wirklich die Lebensfreude seiner Leser zu steigern schien. Was den Gloomy Sunday betraf, so soll es sogar Überlegungen gegeben haben, die Verbreitung des Liedes über die Medien von staatlicher Seite verbieten zu lassen, was diese allerdings (wie beispielsweise die BBC) teilweise bereits von sich aus taten. Umstrittene Musik zu spielen, das ist eine Sache, mithilfe eines Songs quasi zum Selbstmord aufzurufen, eine andere.
Was war da geschehen? Hatte der Song ein Zuviel an Bestätigung geboten, was die Sinnlosigkeit des Lebens betraf? Und das ausgerechnet bei einem Lied, das ursprünglich aus Ungarn stammte?
Denn einer weiteren Studie zufolge sind Osteuropäer nach dem hören trauriger Musik angeblich sogar noch besser drauf, als Wessis (Gibt es in diesem Zusammenhang eigentlich Studien über die Verbindung von Musik- und Vodkagenuss?) … das ist jedenfalls eines der Ergebnisse, die uns Liila Taruffi und Stefan Koelsch von der Freien Universität Berlin bescherten, die im Rahmen eines Projektes 772 Menschen vollkommen unterschiedlicher Herkunft und kultureller Zugehörigkeit online zu ihren Musikvorlieben befragten. In 76 Fragen (die übrigens in vollkommen musikfreier Umgebung zu beantworten waren) wurde nun abgefragt, welche Arten von Musik zu welchem Anlass und in welcher Gefühlslage bevorzugt angehört wurden, und wie sich der Genuss dieser Musikstücke auf die jeweilige Stimmung auswirkte.
Dieser Studie zufolge war es übrigens weniger das Gefühl, nicht alleine zu sein, das das trostspendende Moment darstellte, sondern eine Mischung aus Erinerungen an schöne Stunden und Kummer darüber, dass man diese nun hinter sich gelassen hatte: 
Nostalgie nennt sich das Ganze und ist quasi die körpereigene Ausstellung zum Thema „Kitsch in jeder Lebenslage“- das Bad Art Festival der eigenen Amygdala sozusagen. Gehirnfasching eben.

Weshalb die Faschingsparade von Zeit zu Zeit in einen Gothic Carnival umschlägt und sich die Gruftis unter unseren Gefühlen darum reißen, uns zu sich in die Unterwelt zu ziehen, ist hingegen weniger gut erforscht. Zwar lassen sich die unterschiedlichen Faktoren der Musik und ihre grundsätzlichen Auswirkungen, bzw. Wirkungsbereiche auf Gefühle relativ leicht erfassen (Man denke an Dur als eher als fröhlich empfundenes Tongeschlecht, wohingegen Moll-Tonarten immer etwas trauriger wirken, schnelle oder langsame Rhythmen (kein Schlaflied funktioniert bei 140 MM/Beats per Minute oder im 9/8-Takt), Lautstärke, und nicht zuletzt die melodische und rhythmische Entwicklung). Andererseits berührt uns als Hörer nur ein Bruchteil der Musik, die wir konsumieren. Während uns ein Stück zu Tränen rührt, geht uns ein anderes mit einem Lächeln ganz weit hinten vorbei, wobei gerade dieses, für mich emotional vollkommen uninteressante, Stück meinen Nachbarn in eine Sinnkrise stürzen kann. 
Blöd nur, dass niemand voraussagen kann, was nun gerade auf wen aufwühlend oder beruhigend wirken könnte, zumindest nicht, solange das Produzententeam oder der/die Komponist/in nicht jeden von uns persönlich kennt.
Unser Kopf mag ja wissen, dass wir lediglich ein paar aneinandergereihte Töne hören, unser Unterbewusstsein, das gerade sämtliche Hormonschubladen durchkramt, weiß das jedoch nicht, weshalb der Mechanismus der Gefühlserzeugung in mir sich praktisch ohne meine Zustimmung abspielt, was ich ehrlich gesagt nicht besonders fair finde.
„Soso“ würde der gute Herr Bach nun einwerfen, „Und wie kommt es dann, dass sich Dir bei einem Diabolus in Musica sämtliche Zehennägel aufrollen, und Du bei einem Seufzermotiv gleich mitseufzen musst, liebe Dame? Weshalb gehst Du denn fröhlicher aus der Kirche, wenn der Himmel mit einer Anabase, einer aufsteigenden Tonleiter also, erklommen wurde und ich den Moll-Akkord am Ende mittels einer picardischen Terz mal eben in ein strahlendes Dur verwandelt habe? Und lüg mir nichts vor, ich habe Dich beobachtet!“
Tja, was sage ich denn dann? Wahrscheinlich so etwas wie „Weil Du mich eben kennst und Deine Art zu schreiben in etwa meiner Art zu fühlen entspricht! Deshalb mag ich Dich ja auch so gerne. Aber nicht der Anna Magdalena verraten, ok?“
Aber das weiß er ja schon lange, der Jo-Se.






                           Am Wochenende ging es auf große Fahrt... immer an der Luppe lang :)





Montag, 22. Juni 2015

Vergleichende Musikwissenschaft - kann das funktionieren?


Vergleichende Musikwissenschaft – geht so etwas überhaupt?

Natürlich geht das, weshalb denn nicht? Werden sich wohl die meisten denken, die diese Überschrift gelesen haben. „Man nimmt 2 Arten von Musik und vergleicht sie miteinander. WO ist denn hier bitte das Problem? Was für eine wahrhaft blöde Frage“.
Ja, so gesehen scheint es ja tatsächlich nicht schwierig zu sein, Vergleiche zu ziehen, wobei die zugrunde liegende Frage allerdings auch ausdrücken muss, was genau man denn nun miteinander vergleicht: Lautstärke? Melodiebildung? Schönheit oder gar Kunstfertigkeit? Sind Lautstärke und Melodiebildung nun noch Parameter, die man einigermaßen neutral in Bezug zueinander setze kann (das eine ist vielleicht durchgehend fortissimo zu spielen, während das andere im piano beginnt und sich erst in bestimmten Abschnitten steigert, das erste Stück ist überwiegend aus Sekunden aufgebaut, was es somit sehr sangbar macht, während im zweiten Stück größere Sprünge zu finden sind, oder beginnen beide Stücke mit einem Quartsprung und enden mit dem Grundton?) Bei den letztgenannten beiden Vergleichskriterien wird es hingegen schon schwieriger.

Dienstag, 9. Juni 2015

Das Trauma des 20. Jahrhunderts - Krieg und Grausamkeit in der Musik



Der zweite Weltkrieg war ein traumatisierendes Ereignis für Kunst, Literatur und Musik.
Ein nicht unerheblicher Teil der aus Deutschland und Österreich stammenden so genannten „entarteten“ Künstler, Schriftsteller und Musiker hatte das Land verlassen oder war aufgrund seiner Haltung dem NS-Regime gegenüber kaltgestellt worden, mit Aufführungsverboten belegt, durftee nicht verlegt oder verkauft werden („Innere Emigration“).

Montag, 8. Juni 2015

Alle Jahre wieder - vom Jojo-Effekt der saisonalen Gebrauchsmusik


Wenn es einen Preis für das nervtötendste Musikstück aller Zeiten gäbe: Wer würde ihn wohl abräumen? Und anhand welcher Kriterien ließe es sich festmachen?
Kriterien, die ein Musikstück außergewöhnlich machen, gibt es viele: Neuartig muss es sein, etwas nie dagewesenes wagen, richtungsweisend sein. Beethoven hatte so etwas wie ein Abonnement auf dieses Bewertungsmerkmal. Was auch immer der Herr mit der Hobbitfrisur auf den Musikmarkt warf, stieß alte Regeln um, änderte althergebrachte Schemata, setzte die Messlatte ein Stückchen höher. Plötzlich war das ein Satz mehr als gewohnt, ein Scherzo statt eines Trios, wurde die Tonart an bislang nie dagewesener Stelle verlassen und wieder eingefangen...und doch kann man sich auf einen festen Stil verlassen. Beethoven bleibt Beethoven, er wird niemals ein stiller, zurückgezogener Komponist sein, der ein paar vorsichtige Töne in den Raum wirft und einfach mal zusieht, wie sie sich entwickeln. Trüge er ein Symbol statt eines Namens, so wäre es wohl die erhobene Faust. Insofern gibt es also auch bei den ganz Großen den einen oder anderen Faktor, der nach einer gewissen Zeit anfangen könnte, langweilig zu werden.
Ein weiteres unschlagbares Kennzeichen dafür, dass ein Stück (und sei es auch noch so gut) Gefahr laufen könnte, dem Hörer auf den Wecker zu fallen, liegt in der Art der Rezeption begründet. Wer seine Siebensachen zusammenpackt, sich hübsch macht um dann für teuer Geld in ein Konzert zu spazieren, wird das dargebotene Stück vermutlich eher genießen als jemand, der sich gerade mit 3 heulenden Kleinkindern vollgepackt durch den Supermarkt wühlt und auf den Tod kein Tomatenmark finden kann... das sind die Augenblicke, in denen man die Baumarktabteilung stürmen und den Lautsprechern an den Wänden mittels einer Leiter und eines Eimers Epoxitharz den Garaus machen möchte.