Mittwoch, 31. Dezember 2014

Die Musik ist vorerst gestorben





Und das ist sie nicht nur einmal in der Geschichte. Mal abgesehen von diversen Versuchen, die Musik während der Karwoche aus dem öffentlichen Leben zu verbannen (der liebe Herr Händel ud seine italienischen Kollegen konnten seinerzeit … fast hätte ich geschrieben “ein Lied davon singen”, aber das konnten sie ja gerade nicht. Das war ja verboten. Die Opernhäuser blieben geschlossen), gab es auch Trauertage, an denen man das Singen, Tanzen und Musizieren tunlichst zu unterlassen hatte.

Die Sächsische Landestrauer war so ein Zeitpunkt. Beziehungsweise Zeitraum. Sie dauerte nämlich vom Tod des Landesherrn (gut, genaugenommen war das bereits am 1. Februar 1733, die Landestrauer begann jedoch erst am 15.) bis in den Sommer hinein. Am 2. Juli endete die Trauerperiode, und genau so lange durfte keine Musik aufgeführt werden. Es herrschte also sozusagen Stille im Reich.

Montag, 29. Dezember 2014

Winterreise



Gestrandet. Irgendwo im Nirgendwo, auch bekannt unter dem schönen Namen Nudelstadt Riesa, mit dem Hiweis auf einen Gleis- oder Leitungs-Defekt (je nachdem, wer die Durchsage gerade machte; offenbar geht man in Riesa davon aus, dass die Leute zwar wissen, was ein Gleis ist, mit dem Begriff “Leitung” im Kontext des Fernverkehrs allerdings nicht viel anfangen können, weswegen ab und zu die Gleisvariante verkündet wurde) und der Bitte, die werten Fahrgäste mögen sich doch gedulden, nicht ausrasten und den Ersatzverkehr nehmen, der nach über einer Stunde Wartezeit endlich mal so nett war, öffentlich zu erklären, dass er nicht zu kommen gedenke, da der Gleis- oder wahlweise Leitungsschaden ja sicher bald behoben sei.

Irgendwann wurde die Sperre dann auch tatsächlich aufgehoben, was allerdings nicht bedeutete, dass ein Zug einfahren konnte. Und als es schließlich so weit war, dass uns der nächste Zug weiter nach Leipzig befördern konnte, gab es ja auch noch den Fahrplan, der wiederum besagte, dass wir noch gute 40 Minuten bis zur nächsten planmäßige Weiterfahrt nach Leipzig hatten. Bei -8°C und ohne halbwegs sinnvolle Angaben zur Vorgehensweise war das ein wirklich unangenehmer Vormittag, der sich bis in den Nachmittag hineinzog und gemeinsam mit weiteren unvorgehergesehenen Vorkommnissen schließlich dazu führte, dass sich mein Besuch in LE von geplanten 8 auf tatsächliche 3 Stunden verkürzte, die ich dann eben im Bachmuseum zubrachte.

Samstag, 27. Dezember 2014

Zu den Akten gelegt


 

Jede Schule hat sie: Akten, über ihre Schüler. Ehemalige, derzeitige...möglicherweise sogar zukünftige, wenn es sich bei dieser Schule um eine sehr renommierte Einichtung handelt, deren Warteliste gewöhnlich sehr lang ist.

Ich erinnere mich an ein Gespräch im Englischunterricht, vor unzähligen Jahren, als ich noch jung und hübsch war :D

Mein Englischlehrer meinte damals, das elitäre private Jungeninternat Eton sei dermaßen überlaufen, dass man bereits vor der Geburt des Kindes einen Platz buchen müsse.

Auf die Frage, was man denn mache, wenn man den Schulplatz dann sicher hätte, aber zufällig ein Mädchen zur Welt brächte, rief er “Ja, Herrgott, dann müssen Sie eben nochmal ran! So einen Schulplatz kann man sich ja nicht entgehen lassen!”

Na sehr schön. Das wäre mal ein Erklärungsansatz für die 20 Kinder, die der gute Johann Sebastian Bach in die Welt setzte. Spätestens als er Kantor war, waren die Plätze in der Thomasschule für die Jungs ja gesichert.

Mittwoch, 24. Dezember 2014

Der war so taub, dass er dachte, er malt...





Aus gegebenem Anlass ( Na gut: Weihnachten ist nicht gerade ein gegebener Anlass für Beethoven, wohl aber für einen Blogbeitrag der etwas leichteren Art) gibt es heute eine Sammlung mehr oder weniger interessanter Fakten über Ludwig van B.. Viel Spaß und ein frohes Fest!

Montag, 22. Dezember 2014

Wie viele Musiker bilden ein Rankett?





Eine ganze Riege vielleicht? Die sich aneinander entlangranken? Einmal quer über die Bühne?

Oder kommt Rank statt dessen von Ränke, also Hinterhalt, Komplott, Bosheit, Machenschaft? Musiker also, die sich gegenseitig fertigmachen und gegeneinander verschwören? Ach nein, so etwas bezeichnet man ja als Orchester.

Dann ist es ja am Ende ein Schreibfehler und bezieht sich auf das Bankett, das Festessen nach dem Konzert?

Nicht ganz. Bei einem Rankett braucht man nur einen einzigen Musiker, den Bläser desselben nämlich, denn es handelt sich bei diesem kompliziert gebauten, wennauch einfach aussehenden Gerät um ein Holzblasinstrument, das sich in der Renaissance und später (in abgewandelter Form) im Barock großer Beliebtheit erfreute.

Freitag, 19. Dezember 2014

In an Octobasse's garden...




Es gibt ja bekanntlich nichts, was es nicht gibt. Und das gilt natürlich auch für Musikinstrumente. Es gibt allerdings vieles, bei dem man sich fragt, wozu es überhaupt gut sein soll.
Instrumenbauer fertigen gerne Meisterstücke, in die sie all ihre Kunstferigkeit legen, deren Zweckmäßigkeit allerdigs...nennen wir es einmal “streitbar” ist.
Die keinste spielbare Geige der Welt, das weltgrößte Akkordeon, das krummste Krummhorn, das älteste Althorn, das letzte Einhorn...ich denke, es ist klar, was ich ausdrücken möchte. Diese Blockflöte für Tausendfüß- bzw. Tausendfingerer, die ich während eines Konzertes im Club Passage in Dresden entdeckte, dürfte ein Beispiel dafür sein, dass nicht alles gut ist, nur weil es aus dem Rahmen fällt.


Diese Miniaturgeige hier *klick* ist sicher ein Beweis dafür, dass der Baumeister nicht zu den Grobmotorikern zählte, nur werden wir sie sicher selten in Aktion bewundern dürfen. Eine “Sonate für Zwergenvioline und Basso Continuo” ist mir jedenfalls nicht bekannt. Tanzmeistergeigen hingegen sind ebenfalls winzig, erfüllen aber durchaus ihren Zweck: Klein, handlich und dennoch genauso gut spielbar zu sein, wie ihre großen Geschwister. Lediglich an der Lautstärke hapert es ein wenig, aber diese Instrumente waren ja auch nicht für Konzerte im großen Rahmen gedacht, sondern sollten den Tanzmeistern, nach denen sie ja auch benannt sind, ermöglichen, gleichzeitig eine Tanzmelodie zu spielen und die dazugehörigen Schritte vorzuführen. Die Geige mit dem stark verkleinerten Korpus konnte zwischendurch einfach in die Tasche gesteckt, und somit auch schnell und problemlos transportiert werden. Einige dieser Geigen boten sogar die Möglichkeit, den ebenfalls stark verkleinerten Bogen direkt in das Instrument zu schieben und so beides auf einmal zu transportieren. Und da man beim Tanzen bekanntlich leicht ins Schwitzen gerät,vor allem, wenn man eine dieser gewitterwolkenähnlichen barocken Lockenperücken auf dem Schädel trägt, verfügten manche Tanzmeistergeigen auch über einen ausklappbaren Fächer, der wieder für Kühlung sorgte. Man konnte sich also mit seiner Geige Luft zufächeln. Wer das mit einer heutigen Otto-Normalgeige versucht (oder besser noch mit einer Bratsche) riskiert ein blaues Kinn.

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Sex and Drugs and Berlioz


Fans, die ihren Lieblingskünstlern mit unzähligen Liebesbekundungen auf die Nerven fallen, sind nichts Neues in der Branche. Künstler, die ihren Zuhörern auf den Geist gehen sind wohl ebenso zahlreich zu finden. Künstler, die ihre eigenen Lieblingskünstler mit Werken und Stücken überschütten, in der Hoffnung, bei diesen irgendwann doch noch einmal Anerkennung zu finden... auch die gibt es. Zwar meist nicht so offensichtlich, aber Bruckner hatte es mit Wagner, Bach stiefelte eigenfüßig von Arnstadt nach Lübeck, um Buxtehude spielen zu hören, Schubert soll sich niemals wirklich getraut haben, Beethoven anzusprechen, weil er so beeindruckt von ihm war... tja, und dann gibt es da noch Hector Berlioz. Der war in jeder Hinsicht ein Kapitel für sich.

Dass er zunächst nicht Komposition sondern Medizin studierte, soll hier nur insofern erwähnt werden, als er auf so manchen Zeitgenossen (und späteren Hörer) den Eindruck machte, er wisse genau, wo er sich welche Substanz verschreiben oder besorgen lassen konnte, was allerdings auch im Bezug zu seiner Zeit gesehen werden muss. Die sogenannte „Grüne Stunde“, in der man sich nach getaner Tat noch das eine oder andere Schlückchen Absinth hinter die Binde goss, oder der Besuch eines Opiumhauses waren damals nicht gleich mit polizeilichen Razzien oder ähnlichem verbunden, was zu einigen sehr interessanten Werken der Kunst- und Musikgeschichte geführt hat... Jean Cocteau sei an dieser Stelle als Zeichner und Schriftsteller angeführt. Aber bleiben wir bei Berlioz.
Im Jahr 1827 gab die irische Schauspielerin Harriet Smithson die Ophelia in einer Hamlet-Aufführung im Théâtre National de l' Odéon in Paris, wo Hector Berlioz beinahe die Augen aus dem Kopf und von seiner Loge ins Parkett hinunter fielen. Er war hin- und hergerissen von ihrer Schönheit (was jetzt nicht weiter verwunderlich ist, wenn man sich einmal die Bilder der Frauen aus seiner Herkunftsfamilie betrachtet). Dumm nur, dass sie ihn überhaupt nicht toll fand und die darauffolgenden Briefe zusammen mit der übrigen Fanpost ihrem Management zur Beantwortung oder zum Wegschmeißen übergab. Tja. Erstmal könnte man das unter „dumm gelaufen“ verbuchen und sich eine andere Schmachtette suchen, aber dann wäre man ja nicht Berlioz. Der setzte sich nämlich hin und schrieb mal schnell eine fünfsätzige abendfüllende Sinfonie, eigentlich ein „Drame Musical“, ein musikalisches Drama also sozusagen, was auch erklärt, weshalb das Ding nun ausgerechnet 5 statt der üblichen vier Sätze verwendet. Für solcherart Veränderungen war bislang ja eigentlich Beethoven zuständig aber der stand zum Entstehungszeitpunkt der Sinfonie Fantastique ja schon nicht mehr zur Verfügung. 5 Akte hat das antike Drama, somit hat das musikalische Drama eben 5 Sätze. Dachte sich jedenfalls Berlioz und schrieb ein Stück über einen jungen Künstler, der sich in eine schöne Frau verliebt, die nichts von ihm wissen will. Haben wir irgendwo schonmal gehört, oder nicht?

Nachdem er sich grundlegend verknallt hat und ebenso gründlich abgewiesen wurde, trifft der Künstler seine Angebetete im 2. Akt auf einem Ball wieder, dargestellt durch eine Menge Anmerkungen zu Beginn des Satzes und die sogenannte „Idée Fixe“, einer Sache, die Wagnerianer ganz einfach als Leitmotiv bezeichnen würden. Jedes Mal, wenn sich die Holde zeigt, erklingt auch ihre „Erkennungsmelodie“ (ein Wort, für das ist wahrscheinlich gesteinigt würde, wenn dies hier kein Blogbeitrag, sondern eine Seminararbeit wäre). Der dritte Satz bringt uns rein von der Geschichte her wenig neues: Der junge Künstler trifft die Dame seiner Herzens. Und ist ihr mal wieder egal. Darauf einen Dujardin.

Diesmal allerdings zeigt sich, dass er nicht der einzige ist, dem sie gefällt: Zwei Hirten, die sich (durch ihre Flöten) unterhalten, sehen sie ebenfalls, und als einer von ihnen die Idee Fixe auf der Flöte übernimmt, kommen dem Künstler ernsthafte Zweifel an ihrer Treue... na klar...hallo? Sie mag ihn nicht... will ihn noch nicht einmal kennenlernen, soll sich aber vollkommen auf ihn beschränken? Finde den Fehler!

Zugegeben, der Absinthgenuss war damals wie bereits erwähnt auf seinem Höhepunkt und Opium zu rauchen war auch kein Sport für Kriminelle, aber ??? Was uns übrigens gleich zum Thema des vierten Satzes bringt: Drogen und Drogenräusche. Der gute Künstler pfeift sich nämlich unverzüglich eine große Portion Frustopium rein (also quasi das Pendant zum weiblichen Kummerschokoladenkoma) und ist auf seinem Trip überzeugt, er habe die schöne Geliebte eigenhändig umgebracht, weil die nicht die Seine werden wollte. Daraufhin lässt er sich zum Richtplatz führen, wo ihm selbst der Garaus gemacht wird.... Kinder lasst die Finger von den Drogen, ihr seht ja, wozu das führen kann...

Im fünften und letzten Satz befindet er sich dann urplötzlich kurz hinter Hogsmeade, trinkt ein Butterbier mit Professor Mc Gonagall und fällt vor Schreck fast von seinem Besen, als sich Bibi Blocksberg, die soeben auf ihrem Nimbus 2000 an ihm vorbeiflattert, als die tot geglaubte Geliebte entpuppt. Schließlich veranstalten die Hexen zu den Klängen des Cantus Firmus des Dies Irae („Tränenreich wird dieser Tag“, ein Teil der (= seiner??) katholischen Totenmesse) eine Flugshow, bei der uns Hören und Sehen vergeht.

Im Grunde also ein Libretto, aus dem sich auch eine Doom-Metal-Oper erschaffen ließe. Soviel zum Thema „Hört Klassik, die ist harmlos und nicht so gefährlich wie dieser ganze Rock'n'Roll.

Wozu die ganze Geschichte? Um drei wichtige Dinge auszudrücken:
  1. Hartnäckigkeit kann sich lohnen. Wenn man ganz viel Zeit hat.
    Die gute Harriet Smithson bekam die Sinfonie nämlich tatsächlich zu Ohren. Genau zwei Jahre nach ihrer Erstaufführung allerdings, was sie aber nicht davon abhielt, sich einigermaßen geschmeichelt zu zeigen und dem guten Hector ausrichten zu lassen, man könne sich ja vielleicht doch mal treffen. Wer nun lacht und sich denkt „Na klar, der hatte ja nichts besseres zu tun, als herumzusitzen und auf Antwort zu warten“, der kannte den Herrn Berlioz nicht (wie auch, er weilt seit 1869 nicht mehr unter uns, den habe ja nicht mal mehr ich erlebt, und ich fühle mich des öfteren ziemlich alt). Der hatte nämlich tatsächlich nichts besseres zu tun, willigte in das Treffen ein, und ein Jahr später läuteten die Hochzeitsglocken. Man kann also alles erreichen, wenn man nur am Ball bleibt.
  2. Manchmal sollte man doch auf die Zeichen der ersten Stunde hören und sich auf die erste Intuition verlassen. Weitere 2 ziemlich unglückliche Jahre später, waren die Berlioz-Smithsons nämlich bereits wieder geschiedene Leute.
  3. Es kann gar nicht so dumm laufen, dass nicht wenigstens noch ein cooles Musikstück dabei herausspringen kann.



Mittwoch, 17. Dezember 2014

Diese Lieder beißen nicht!



 
“Diese Musik beißt einen nicht.” sagte einer meiner Professoren für Musikgeschichte einmal über den zu seiner Zeit äußerst erfolgreichen Komponisten und Dirigenten Louis Spohr (1784-1859) und fügte hinzu: “Noch nicht einmal das!”

Das darauffolgende Lachen und Johlen machte deutlich, dass er ausgesprochen hatte, was wohl viele von uns in diesem Augenblick gedacht hatten: Wie können sich Leute so eine gefällige Fahrstuhl-meets-Salonmusik anhören, wo sie doch das Glück haben, zur selben Zeit zu leben, wie etwa Beethoven, Schumann oder Mendelssohn-Bartholdy? Über 200 Werke hat der gute Spohr hinterlassen, bei keinem von ihnen hatte ich jemals das Bedürfnis, jetzt und auf der Stelle dieses und nichts anderes zu hören, so wenig uverwechselbar, ausdrucksstark oder meinetwegen auch schmerzvoll sind sie für mich.

Ich gebe zu, Spohrs Weltuntergangsoratorium “Die letzten Dinge” weist eine zumindest erwähnenswerte dynamische Entwicklung nebst einem Hauch von Theatergewitter auf, angesichts der Apokalypse hätte ich jedoch ein bisschen mehr Tamtam erwartet. Aber vielleicht bin ich da auch einfach zu anspruchsvoll und erwarte Dinge, die von diesem Menschen und zu dieser Zeit nicht zu erwarten waren... jedenfalls komme ich mir bei dieser Musik immer ein wenig vor wie ein Brief, der bereits in der Rocktasche des Boten steckt, während dieser noch ein Schwätzchen nach dem anderen hält: Ich warte immer darauf, dass irgendwann endlich die Post abgeht.

Nun scheinen wir diese Art von gefälliger Musik (ein interessantes Wort, nicht wahr? Fast so, als ob das Gefallen etwas Negatives wäre) im Allgemeinen als angenehmner zu empfinden und besonders häufig zu hören, was ja im Grunde auch irgendwie verständlich ist: Sie entspricht unseren Hörgewohnheiten von frühester Kindheit an, und wir verbinden damit eie Zeit, in der Mama noch das allheilbringende Zentrum unseres (äußerst beschränkten) Universums war, in dem das Schlimmste, was uns zustoßen konnte, in einem Löffelchen voll püriertem Spinat bestand.

Welche Mutter spielt ihrem Sprößling zum Einschlafen schon den Walkürenritt vor? Oder György Ligetis wunderbares Stück für einhundert Metronome *klick* ? Oder tun sie es vielleicht doch? Und das sind dann die Kinder, die am Ende Ritalin schlucken müssen oder Jazzdrummer werden? Man weiß es nicht...

Einen sehr einfachen Selbstversuch kann man quasi aus dem Stegreif heraus durchführen (ich gebe zu, die Idee stammt nicht von mir, sondern von Professor Dr Hans-Günter Ottenberg, der mir hoffentlich verzeihen möge): Summen oder singen Sie ganz einfach die folgenden Liedanfänge:
  • Sah ein Knab ein Röslein stehen
  • Das Wandern ist des Müllers Lust
  • Es war ein König in Thule
  • Am Brunnen vor dem Tore (Der Lindenbaum)
Wer jetzt Youtube unter den Stichwörtern “Franz Schubert” und dem jeweiligen Liedtitel einen Besuch abstattet, wird vermutlich feststellen, dass bis auf das Lied vom Lindenbaum alle anderen Lieder in Vertonungen anderer Komponisten bekannt geworden und ins Volksliedgut eingegangen sind (Der Lindenbaumwurde übrigens auch nicht 1:1 übernommen...den stürmischen Mittelteil mit den Triolen in der Klavierbegleitung kennt auch kein Kind auf der Straße). Schubert macht es uns da eindeutig ei wenig zu schwer. Seine Tonartenbezüge, seine Melodieführung, seine Freude an Modulationen und tonalen Mehrdeutigkeiten sind zu kompliziert, um beim ersten Hören im Gedächtnis zu bleiben und mitgesungen werden zu können.
 
Ich bin übrigens weit davon entfernt, die einfachen Melodien zu kritisieren und mit Behauptungen im Stil von “SO kann das ja jeder” abzutun. Selbst die typischen four-Chord-Songs der Unterhaltungsmusik sind genaugenommen schon übermäßig kompliziert, da sie einen Akkord mehr enthalten, als man bräuchte, um alle leitereigenen Töne einer diatonischen Skala, sprich alles, was sich da so innerhalb der strengen Grenzen der jeweiligen Tonart bewegt, zu verbraten.
 
Aus einfachen Mitteln etwas Neuartiges zu gestalten, einer kleinen Idee mit nur wenigen Hilfsmitteln eine entwicklung zu einem ganzen Stück zu ermöglichen, ist eine Kunst, die nicht jeder beherrscht.

Im ersten Satz von Beethovens Mondscheinsonate steppt dynamisch und motivisch betrachtet ja auch nicht gerade der Bär und Johann Sebastian Bachs drittes Brandenburgisches Konzert lebt im Grunde nur von einem einzigen, winzigen Fortspinnungsmotiv aus gerade einmal 3 Tönen *klick*
 
König dieser Technik, ein einziges (OK, im Grunde 2) Thema endlos durch alle Stimmen und von Tonart zu Tonart zu jagen, ist wohl Maurice Ravels berühmter Bolero, über den er selbst eimal gesagt haben soll: “Ich habe nur ein einziges Meisterwerk geschaffen, und das ist der Bolero. Leider enthält er keine Musik.”



 Hätte ich mir auch nicht träumen lassen:
Dass ich den Weihnachtsferien einmal mit Bedauern entgegensehe...

Dienstag, 16. Dezember 2014

Carl Orff - das ist doch der Typ aus der Bierwerbung?


 
Mal ehrlich: Hand hoch, wer ein Stück (und sei es ein Lied aus einem Zyklus, einen Satz aus einem mehrsätzigen Werk, oder auch nur ein Thema oder eine Melodie) von Orff kennt, es singen oder meinetwegen auch pfeifen kann! Prima. Klopfen wir uns gegenseitig lobend auf die Schulter und bereiten wir uns innerlich auf die nächste Aufgabe vor: Wer kennt ein Stück von Carl Orff, das NICHT in direkter Verbindung zu einer Bierwerbung erscheint? Oha...Mist...der hat noch mehr geschrieben? Ehrlich?
Wissen Sie was? Ich halte das ganz einfach für ein Gerücht und behaupte das Gegenteil: Carl Orff hat nur dieses eine Stück für die Bierwerbung geschrieben, für die auch die Semperoper gebaut wurde, um dem prickelnden Gerstensaft eine hübsche und angemessen wirkungsvolle Kulisse zu geben.
Mozart hat ein Streichquartett für eine Sektmarke komponiert, Edvard Grieg schrieb die berühmte Gargamel-Suite aus den Schlumpfcartoons  und Brahms war der Typ mit dem Rauschebart, der die Tänze für die kleinen Schweinchen fabrizierte *klick*.
Sonst nichts. Nicht eine Note. Keiner von ihnen. Wozu denn auch? Das Zeug wird in den Medien rauf und runter gespielt, von den Tantiemen müsste man doch eigentlich leben können, wie Gott in frankreich. Oder sich zumindest ein Landhaus in der Toscana kaufen und einen auf bodenständiger Bauer machen, wie es unter Stars der Musik- und Filmbranche ja derzeit in Mode zu sein scheint.
Guiseppe Verdi (der Typ mit der Pizzawerbung) hat das im übrigen vorgemacht, ist also gewissermaßen ein Trendsetter für die neue ländliche Einfachheit mit Whirlpool im Steingfigurengarten und einem gut gefüllten Bankkonto als Sicherheit im Hintergrund.
Ach ja, Verdi.... bei dem wird es schon etwas schwieriger, der hat gleich mit zwei Firmen kooperiert, war sozusagen ein Doppelagent in musikalischer Mission. Hat er dieses "La Donna è mobile" denn nun für den Pizzahersteller komponiert? Oder doch eher für die Cornflakehäppchen mit Schokoladenüberzug? Oder war das nicht vielmehr der Typ, der die Gewerkschaft gegründet hat?
Wer jetzt lacht, hat vermutlich eine Sache übersehen: Guiseppe Verdi hat sich tatsächlich in vorbildlicher Weise für faire Bezahlung und Behandlung der arbeitenden Bevölkerung eingesetzt und einen nicht unerheblichen Teil seines Geldes in die Gründung eines Altersheimes für ehemalige Musiker gesteckt. Das Casa Verdi gibt es übrigens heute noch. Es beherbergt mittlerweile neben eben jenen alternden Musikern auch Musikstudenten und kann auf folgender Seite besucht werden: *klick*
Zugegebenerweise konnte er sich das als erfolgreicher Komponist auch leisten, allerdings war sein Verdienst auch an harte Arbeit gebunden. Tantiemen und Vermarktungsrechte für Musik haben wir eigentlich erst seitdem Richard Strauss (der mit den 2 "s" und "Elektra", nicht der Josef mit seinen Walzern oder sein gleichnamiger operettenkomponierender Sohnemann) gemeinsam mit Hans Sommer und Friedrich Rösch Anfang 1903 die Genossenschaft Deutscher Tonsetzer, die spätere GEMA, gründete.
Glück für die Rechteinhaber, Pech für die Pizzakunden, welche die Kosten für Werbung nebst dazugehöriger Musik ganz einfach auf ihre Pizza aufgeschlagen bekommen. Pizza Gema sozusagen. Con Sordino. *Kalauermodus aus*
Dafür bekommt man als Kunde aber auch eine Kostprobe wunderbarer Meilensteine der klassischen Musik, die es sich weiterzuverfolgen lohnt. Ab dann gilt wieder: Selber googeln macht schlau.



 Weihnachtsfeier im Institut für Musikwissenschaft, Dresden

 

Montag, 15. Dezember 2014

Nur ein toter Komponist ist ein guter Komponist


 

Manchmal liegt es in der Natur der Sache, dass man als Künstler nicht über den Tod hinaus, sondern überhaupt erst durch diesen bekannt wird.

Dann nämlich steht man in der Zeitung.

Und wenn man Glück hat (sofern man in einer derartigen Situation (also quasi als Gewesener) überhaupt noch davon sprechen kann, Glück zu haben), handelt es sich um mehr als einen kleinen Satz des Bedauerns mit einem schwarzen Rahmen darum herum. Ein kleiner Nachruf, und stamme er auch von einem Musikologen, der sich in erster Linie mit der Erforschung quasi unbekannter (ehemaliger) Zeitgenossen beschäftigt, oder, besser noch, ein Artikel, in welchem man als Schöpfer des einen oder anderen (mehr oder weniger bekannten) Stückes genannt wird. Dann nämlich hat man es geschafft. Irgendwie. Nicht, dass man sich dann noch irgendetwas dafür kaufen könnte, aber das hat Van Gogh schließlich auch nicht gestört. Ein einziges Bild hat er zu Lebzeiten verkauft. Bekannt wurde er als der Irre, der sich ein Ohr abgeschnitten hat, und Gerüchten zufolge tigert er noch heute durch die Unterwelt, tippt Orpheus von hinten auf die Schulter und erklärt mit Stolz (und etwas Überheblichkeit in der Stimme): “MEINE Bilder haben mittlerweile einen unfassbaren Marktwert. Du warst vielleicht der größte Sänger Deiner Zeit, aber, hey, zeig mir einen Menschen auf diesem Planeten, der heute noch auch nur eine einzige Deiner Melodien nachsummen kann!”
Vor wenigen Tagen erst, am 9. Dezember des Jahres, war es wieder soweit: Die Nachrufe erschienen in den Zeitungen und auf den Kulturportalen des Internets. Einen Tag zuvor war der norwegische Komponist Knut Nystedt verstorben, nur wenige Monate vor seinem 100. Geburtstag.

An solche Dingen merkt man erst, wie schnell die Zeit verstreicht. 100, das wäre meine Großmutter in diesem Jahr auch geworden, und wenn ich daran denke, wie lange sie nunschon nicht mehr unter uns weilt (und wie alt ich zum Zeitpunkt ihres Todes schon war), möchte ich mir am liebsten ernsthafte Gedanken über meine eigene Todesanzeige machen. Unfassbar, wie schnell die Jahre gehen. “Viel Winde wehen aus unbekannten Landen, viel Jahre gehen.” dichtete schon der schwedische Musikus Carl Michael Bellman (1740–1795) in seiner Epistel “Weile an dieser Quelle”. Aber bei Bellmann geht es ohnehin in jeder Epistel um Liebe, Suff und Sterben. Meist auch in dieser Reihenfolge.
Was nun den am 8. Dezember verstorbenen Knut Nystedt betrifft, da klingelte bei mir zunächst eimal nichts. Nicht das kleinste norwegische Schlittenglöckchen schien sich zu rühren, so dass ich mir dachte “Das gibt's doch nicht, den musst Du jetzt googeln!” (Googeln, das ist übrigens ein Zeichen für den Wandel in der deutschen Sprache: Wir schaffen es mittlerweise anscheinend tatsächlich, Verben direkt von einem Substantiv abzuleiten, ohne einen kompletten Nebensatz darum herum zu zimmern (zum Vergleich hier mal der englische Satz “Did you pencil this in or must we tippex it in case it doesn't work out? Alternatively you can punch it out and we'll selloptape it back together” mit der deutschen Version “Hast Du das mit dem Bleistift eingetragen, damit wir es hinterher mit Tipp-ex korrigieren können, falls es doch nicht passen sollte? Alternativ kannst Du es auch mit dem Locher herausstanzen und wir können es hinterher mit Tesafilm wieder zusammenkleben.” Der Sinn der ganzen schnippel-und klebeaktion sei dahingestellt, aber wir merken, weshalb deutsche Bücher immer fast doppelt so dick sind, wie die eglischen Originalversionen? Und nein, das liegt NICHT am wertvolleren und dickeren Papier :D ). Jedoch scheinen wir diese wunderbar kreative Form der Verberstellung nur dann zu akzeptieren, wenn das “Ausgangssubstantiv” angelsächsischen Ursprungs und in dieser Sprache bereits in der Verbversion verbreitet ist.)

Zurück zu Nystedt: Kaum hatte ich den Namen eingetippt und die ersten Links erschienen in der Suchmaschine, klingelte es doch noch: "Ach soooooo, das ist der Typ mit “Immortal Bach”, der diese ganze Kirchenmusik geschrieben hat. Wusste gar nicht mehr, dass der Nystedt heißt!” Tja, solange ich noch weiß, wer Alzheimer war, bin ich jedenfalls nicht ganz verloren :)

Jedenfalls erwies es sich als Glücksfall, dass ich den Namen doch noch mal gegoogelt hatte, denn der Suchaktion schloss sich eine ausgiebige Runde Nystedt-Hören an. Gerade zu dieser Jahreszeit ist das sehr zu empfehlen. Eine schöne Duftkerze anschmeißen, eine Tasse Tee anschleppen und ein bisschen Nystedt aus irgendeiner endlosen-Playlist eines anderen Youtube-Nutzers. Dann nämlich läuft man nicht Gefahr, nur die Stücke anzuklicken, die man ohnehin schon kennt.

Was den guten Knut an sich angeht, weiß ich zwar immer noch nicht viel mehr, als das, was mir Wikipedia auf die Schnelle entgegengeworfen hat, aber es gibt ja ein paar Feiertage in den kommenden Wochen. Da werde ich mich dann mal etwas ausführlicher mit dem Mann beschäftigen. Für heute reicht mir das Zuhören.



Konzert des Abends: Podium Violine Plus in der MuHo. Auf den Fotos: Ji wo Lim, Suhyun Song, Jiyun Yang und Pi Wei Chaung 

Sonntag, 14. Dezember 2014

Wagner überleben, oder: Warum Walküren ins Gras beißen


 
“Es (= die Oper) ist erst vorbei, wenn die dicke Frau gesungen hat”, sagt man im angelsächsichen Raum und meint damit so viel wie “Da kommt noch was nach”, oder “Freu Dich nicht zu früh!”

Irgendwo las ich das ganze einmal in einer “überarbeiteten” Version. Sie lautete: “Die Oper ist erst vorbei, wenn die dicke Frau tot ist”. Ich nehme an, der Verfasser dieses Spruches hat eine Menge Wagner-Opern gesehen. Gut, die Damen mögen nicht alle dick sein, aber am Ende sind sie trotzdem tot, was uns zum 2. Punkt der erweiterten Fassung bringt: “Wenn die dicke Frau am Ende nicht stirbt, sondern heiratet, handelt es sich um eine Operette. “ Soweit, so gut. Ich stelle mal schnell noch eine dritte, diesmal eigene, These zu der ganzen Sache auf und behaupte: Wenn die dicke Frau eigentlich eine sehr dünne und junge Frau ist, aber trotzdem ins Gras beißt, sitzen Sie vermutlich in einem Musical.
All diese toten Frauen beschäftigen mich nun schon eine ganze Weile lang. Was für ein seltsames Trauma schleppte Richard Wagner eigentlich (neben den bereits bekannten ) noch mit sich herum, dass er am Ende seiner Opern allen möglichen Leuten die Erlösung zukommen ließ, die Frauen aber eine nach der anderen unter die Erde brachte? Nehmen wir doch mal den fliegenden Holländer zum Beispiel: Der wird erst dadurch gerettet, dass sie sich für ihn das Leben nimmt. Jetzt muss er nicht mehr ewig herumsegeln, hat dafür aber auf immer das Bild vor Augen, wie sich seine Senta von der Klippe wirft. Auch nicht viel besser. Kundry im Parsifal wird sogar selbst erlöst und getauft, woraufhin sie augenblicklich den Löffel abgibt.

Dass Isolde die ganze Tristangeschichte nicht überstehen wird, war vermutlich schon in dem Augenblick klar, als Brangäne anfängt, mit Drogen herumzuexperimentieren und Tristan und Isolde als Versuchskaninchen missbraucht. Als Elsa ihrem Lohengrin im Brautgemach die Frage stellt, die eine Frau niemals dem Mann stellen sollte, mit dem sie gerade in den Laken wühlt (“Sag mal, wie heißt Du eigentlich?”), ist ihr Schicksal besiegelt. Natürlich ist sie nicht die Einzige, die am Ende der Oper über die Regenbogenbrücke geht, es gibt ja mit Ortrud auch noch eine zweite Frauengestalt in der Oper, und so bricht zunächst Ortrud zusammen, dann folgt ihr Elsa, wobei vermutlich kein Pathologe mit Sicherheit sagen könnte, was ihr denn eigentlich gefehlt haben mag. Allerdings haben Opernpathologen wahrscheinlich ohnehin ein eigenes Vokabular für derartige Todesursachen. Wer sich hier den Terminus “finaler Schockzustand” registrieren lässt, erspart sich bei Kundry im Parzifal das Erfinden eines neuen Begriffes.
Werfen wir mal einen Blick auf Wagners Frauengestalten im wahren Leben. Wagners erster Ehefrau Minna gingen der Höhenflug und das mangelnde Verantwortungsbewusstsein ihres Gatten wohl gründlich auf die Nerven. Er selbst war enttäuscht von ihrer fehlenden Bereitschaft, ihn anzuhimmeln und in jeder Lebenslage zu unterstützen. Ich denke, die Anekdote, dass Minna ihrem Papagei beigebracht haben soll, “Wagner ist ein böser Mann” zu sagen, spricht nicht unbedingt für ein glückliches Eheleben. Und wer sich fragt, weshalb in keiner Wagner-Oper am Ende auch noch ein Papagei sein Leben lassen muss, der sei auf Parzifals erste Handlung verwiesen: Den heiligen Lieblingsschwan seiner Gastgeber abzuknallen und dann auch noch damit anzugeben.

Dame Nummer 2 fand er vielleicht deshalb so faszinierend, weil er sie nicht haben konnte (Mathilde Wesendonck (denkt außer mir eigentlich noch jemand jedes Mal an Fräulein Müller-Wachtendonck, wenn er den Namen hört? :) )), und um seine 2. Ehefrau Cosima Wagner, ehemalige von Bülow, geborene de Flavingy tatsächlich heiraten zu können, hatte er sich gewaltig ins Zeug legen müssen und es sich mit ein paar Menschen in seinem Umfeld ganz gehörig verscherzt. Dafür war diese dann auch fast ein Vierteljahrhundert Jahre jünger und entsprechend verblendet von ihrem Richard. Immerhin hatte sie in ihm eine Aufgabe gefunden in die sie ihre nicht unbedeutende Kreativität und Schaffenskraft stecken konnte.Was hätte sie auch sonst tun sollen. Nachhause zu Papa Franz Liszt konnte sie jedenfalls icht mehr. Der war nämlich zunächst einmal gründlich sauer auf seinen ehemaligen Sonnenschein.
Mehr zu den Bühnenleichen, die die Wege der Oper pflastern, in Kürze. Für eine Mottowoche scheint mir das Thema zwar etwas zu düster, aber der eine oder andere Todesfall von Zeit zu Zeit, kann so einem Blog ja sicher nicht schaden.


Konzert in der Auferstehungskirche/Plauen: Haydns 104, (Für alle, denen Zahlen so wenig sagen, wie mir: Es ist die "mit dem Dudelsack") und Reinbergers "Stern von Bethlehem". Sehr schönes Stück.
 
Wenn man nicht mehr weiß, ob man es mit dem Fröken, oder mit Schlumpfine zu tun hat, ist es vermutlich ziemlich kalt draußen.
 
 
Und ich hab neue Schuhe. Ich liebe diesen "Papa war Easy-Rider, Mama war Mary-Poppins"-Stil :)


Freitag, 12. Dezember 2014

Die Sache mit den Ohrwürmern


 
CPDL, ISMLP und RISM... nein, das sind nicht die Initialen irgendwelcher Abkömmlinge der Bach-Familie, auch wenn CPE und Konsorten ein paar weitere Geschwister vermutlich gar nicht aufgefallen wären, vielmehr handelt es sich bei diesen Abkürzungen um Internetdatenbanken, die ich immer dann heimsuche, wenn ich wieder 3 Geigentöne und einen halben Takt Tutti im Ohr habe, mit diesem Ohrwurm eine Woche lang herumrenne, mir beim besten Willen aber nicht einfallen will, woher das ganze stammt.

So geschehen erst vor wenigen Tagen. Ein einziger gebrochener Akkord, ein Durakkord, um genau zu sein, war es, der sich festgesetzt hatte und nicht wieder herauswollte. Super. Nun singen Sie mal irgendwelchen Leuten 3 aufeinanderfolgende Töne im Groß- und dann Kleinterzabstand vor und fragen Sie diese dann, ob sie das Stück kennen.... die Antworten sind, sagen wir mal, höchst unterschiedlich, werden dafür aber ausnahmlos von einem Blick begleitet, der deutlich fragt, ob Sie eigentlich noch alle Tassen im Schrank haben.

Irgendwann, ich war unterwegs in der Weihnachtstrubelhölle, dudelte mir irgendein Lautsprecher dieses unsägliche Lied vom Rebhuhn im Birnbaum vor, und schon waren 5 weitere Töne dazugekommen, die ich, kaum zuhause angekommen, wie eine Besessene in die virtuelle Tastatur des Repertoire International des Sources Musicales (RISM) hackte, und da erschien es: John Dowlands wunderbares “Come again, sweet love doth now invite”. Ich war gerettet. Jedenfalls für diesen Tag.

Besonders nervenaufreibend ist es übrigens, wenn man das Stück in einer bearbeiteten Fassung oder (noch schlimmer!) als verfremdetes Zitat in einem völlig anderen Kontext im Kopf hat und sich nun auf die Suche nach dem Original begibt. Wie beispielsweise bei "O drapetis” aus dem Mauthausen-Zyklus von Mikis Theodorakis. Da hört man dann quasi eine nette kleine Bouzuki-Melodie in seinem inneren Ohr, gerne auch mal ein Cembalo (das durch die angezupften Stahlsaiten ähnlich klingt, aber für nichtgriechische Orchester einfacher zu besetzen ist), schnell, mit spielerischer Leichtigkeit. Wie Mozart nach einem Glas Rotkäppchen-Sekt. Und bei der Originalversion handelt es sich um das langsam und getragene Geigenvorspiel zur Tenorarie aus Händels Oratorium “Messias”. Darauf muss man in so einem Moment dann erst mal kommen!
Ürigens sang mir gerade heute eine Kollegin ein sehr bekanntest Stück vor, bei dem ich ihr im Brustton der Überzeugung erklärte, es sei der Radetzky-Marsch, das wisse doch so ziemlich jeder!
Ihre Antwort: “Eben nicht! Den haben wir gefühlte 100x daraufhin angehört und diese Stelle ist nicht dabei!”

Tja, danke für den Ohrwurm, Frau Kollegin. Ich weiß jedenfalls, auf welchen Internetdatenbanken ich heute so durch die Nacht surfen darf!


Heute began der Tag schon musikalisch: Rebekka kam mit ihrem Cello vorbei und wir händelten und bachten uns durch den Vormittag.





Weihnachtsfeier im Kollegium, Schrottwichteln inklusive. Und natürlich ging nichts ohne Mischka mit ihrer Pinselfrisur :)

Donnerstag, 11. Dezember 2014

An das Ferne Vorbild


 
Wie ist das eigentlich, wenn man für einen anderen Menschen komponiert? Ich spreche hier übrigens nicht von Auftragswerken oder Kompositionen, die man unter Pseudonym oder gleich ganz unter der Prämisse schreibt, dass sie ein anderer als die seinigen ausgeben kann. Was ich meine ist, eine andere Person oder ein anderes Wesen vor Augen zu haben, und mit eben diesem Bild an die Arbeit zu gehen.
Dabei muss es sich auch nicht notwendigerweise um die Liebe zwischen Frau und Mann (oder eben Mann und Mann oder Frau und Frau...ich denke, es ist klar, von was für einer Art Gefühl ich hier spreche) handeln. Wer jetzt an Johann Sebastian Bachs Motto "Soli Deo Gloria" denkt, hat verstanden, worum es mir geht. Der Andere im Herzen ist ein ziemlich flexibles Bild. Sogar eine politische Idee kann damit verbunden sein. Wellingtons Sieg beispielsweise, oder ein paar ziemlich absurde nationalsozialistische Gedanken. Liebe im Sinne von Begeisterung für eine Person oder eine Sache, kann auch im musikalischen Sinn sehr anregend sein. Erschreckend anregend sogar.
Große Werke wurden auf diese Weise geschrieben. Beethovens Liederzyklus "An die Ferne Geliebte" beispielsweise. Alban Berg hat die Initialen seiner Angebeteten auf dieselbe Weise in die Noten geschummelt, wie Bach seinen eigenen Nachnamen, wie viele Songs auf dem hetigen Popularmusikmarkt handeln denn mal NICHT von Liebe? Genau!
Wie aber fühlt es sich dann an, von eben dieser Person abgelehnt und enttäuscht zu werden? Beethovens "Ferne Geliebte" blieb hauptsächlich eben das. Fern. Das Titelblatt der Napoleon Bonaparte gewidmeten dritten Sinfonie "Eroica" soll derselbe Ludwig van übrigens wütend zerrissen haben, nachdem eben dieser Napoleon die Ideen der Gleichheit und Brüderlichkeit verraten und sich selbst zum Kaiser gekrönt hatte. Und Schubert, der beinahe siebzig Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe vertont hatte (unter anderem eines seiner bekanntesten Lieder: "Der Erlkönig", das man sogar dann kennt, wenn man eigentlich nichts von Schubert kennt), bekam nicht einmal einen müden Rückschein mit Autogramm oder zumindest eine Empfangsbestätigung vom guten Johann Wolfgang, nachdem seine Freunde das ganze Paket an der großen Dichter geschickt hatten. Frustrierend, oder nicht?
Nicht, dass ich es selbst nicht auch erlebt hätte. Gerade andere Künstler haben oft weder Zeit noch Lust, sich mit unbekannten "Fangeschenken" zu beschäftigen, die entweder stümperhaft, oder, was noch viel schlimmer wäre, sehr gut sind. (Im allerschlimmsten Fall wären sie dann besser als die eigenen, aber das darf es in der Kunstwelt ja eigentlich gar nicht geben :D )
Wie dem auch sei, Schubert hat Goethes Mailadresse jedenfalls unwiderbringlich von seiner Festplatte gelöscht und ihm nie wieder etwas von sich geschickt. Und dabei soll Goethe doch einige Jahre später eine Aufführung "seiner" Lieder gehört haben. Der Legende zufolge meinte er daraufhin: So hätten sie ihm tatsächlich auch gefallen. Aber da war der Zug bekannterweise bereits abgefahren.
 

99

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Dido and Aeneas, Ariadne and the lot


Dido und Aeneas. Im Grunde handelt es sich sowohl bei der Sage, als auch bei dem, was in der Oper davon geblieben ist, um ein gefundenes Fressen für die Kolleginnen und Kollegen von den sogenannten Gender Studies. Dasselbe gilt im Übrigen für Ariadne auf Naxos, Medea und was es da sonst noch so gibt ans Stoffen, die es von der Antike über die Renaissance auf die Opernbühnen des Barockzeitalters geschafft haben.

Fassen wir die Grundgeschichten doch einmal kurz zusammen  und betrachten wir sie dabei vom Standpunkt der Frauenrolle, bzw der Mann-Frau-Beziehung an sich.

Ich käme da in etwa auf das folgende Schema:
  1. Mann ist in Not.
  2. Wie immer, wenn Mann nicht weiterweiß, heult er sich erst einmal bei der nächstbesten schönen Frau aus und verknallt sich bei dieser Gelegenheit in die Holde, welcher er sogleich die Ehe, 3 Kinder und den Himmel auf Erden verspricht, sollte er die ganze Sache wider Erwarten doch noch überleben.
  3. Frau denkt einmal kurz nach und und kommt auf eine schnelle, einfache und praktikable Lösung des Problems, an dem sich bereits Generationen von Männern die Zähne ausgebissen hatten.
  4. Frau rettet Mann das Leben.
  5. Mann macht sich daraufhin vom Acker. Er hat ja jetzt bekommen, was er wollte.
  6. Frau a) versauert in der Einöde
        b) nimmt sich das Leben
        c) verliert den Verstand
        d) zerstückelt ihre gesamte Brut, um dem untreuen Kindsvater eins auszuwischen, hat dabei allerdigs bereits Phase c) durchlebt und merkt nicht mehr, dass sie damit eigentlich die Falschen zerlegt.

Da halte ich mich doch lieber an die bei Komponisten seit Monteverdi allseits beliebte Story von Orpheus und seiner Braut Eurydike: Die lässt sich wenigstens gepflegt von einer Schlange beißen und macht den entscheidenden Fehler erst, als sie ohnehin bereits tot ist (ja, das geht. Bei den Griechen geht das :D ) Ihr Fehler besteht darin, dass sie einen Kontroll-Freak geheiratet hat, der ihr nicht einmal zutraut, auf dem Weg aus der Unterwelt einen Fuß vor den anderen zu setzen, ohne sich umdrehen und nachsehen zu müssen, ob die Gute denn auch alles richtig macht. Und versaut die ganze Sache damit endgültig. Tja. “Don't marry, be happy!”, wie es so schön heißt.

Man fragt sich allen Ernstes, warum man sich überhaupt auf die Männer verlässt.

Frau Purcell, die Gattin des großen englischen Barockkomponisten Henry Purcell (auf dessen Kappe die Oper von “Dido and Aeneas” übrigens geht), hatte den Kanal jedenfalls gründlich voll davon, allnächtlich darauf zu warten, dass ihr Göttergatte von seinen Sauftouren duch die Pubs der Hauptstadt nach Hause kam, durch das Haus rumpelte, überall Licht anmachte und die ganze Familie aus dem Schlaf riss, schloss die Haustüre eines Nachts kurzerhand von innen ab und legte sich ins Bett.

Ihr Henry musste seine hübschen roten Löckchen in dieser Nacht auf die steinerne Vortreppe betten, und fing sich bei dieser Gelegenheit eine derartige Erkältung ein, dass er seine Opernbühne nie wieder betreten konnte. Er starb 1695, gerade einmal Mitte dreißig, und hatte dabei sicherlich die berühmte Arie der Dido (Dido's Lament) im Ohr: Remember me! Remember me! But (ah!) forget my fate!

 
 
Dido and Aeneas (konzertante Aufführung) in der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber
am 10. Dezember 2014
 
Mützenspontankauf dank ebenso spontanem Schneeregeneinsatz
 

Dienstag, 9. Dezember 2014

Das Judenthum in der Musik


 
 
Im Herbst 1850 erschien ein Artikel mit dem Titel “Das Judenthum in der Musik”, verfasst von einem gewissen Karl Freigedank, in der eigentlich renommierten “Neue Zeitschrift für Musik”, Leipzig.

Interessanterweise handelte es sich bei eben diesem Herrn Freigedank um keinen Geringeren als Richward Wagner, der sich zwar nicht entblödete, jüdische Komponistenkollegen, wie Meyerbeer, den kurz zuvor verstorbenen Felix Mendelssohn-Bartholdy, und im Zuge dessen irgendwie auch Gustav Mahler und Konsorten, die ohnehin mit antisemitischen Anfeindungen zu kämpfen hatten, aufs Übelste zu diskreditieren (ich zitiere an dieser Stelle mal [widerwillig]:) “Der Jude ist an sich unfähig, weder durch seine äußere Erscheinung, noch durch seine Sprache, am allerwenigsten durch seinen Gesang, sich uns künstlerisch kundzugeben.” , wohl aber ein offensichtliches Problem damit hatte, seinen wahren Namen preiszugeben.. So viel zum Thema Arsch in der Hose.

Wer sich an dieser Stelle fragt “Wie feige ist das denn bitte?” dem sei Folgendes gesagt: Im Bezug auf Wagners restliches Leben ist so etwas auf einer Skala von 1-10 gerade mal eine müde 3 …

Man kann auch jahrelang auf riesengroßem Fuß leben (von geliehenen Geldern natürlich) und sich dann ins Ausland absetzen... oder mal eben so lange die Fahne der Revolution hochhalten, bis man keinen Nutzen mehr daraus zieht...oder Eigentum für Diebstahl erklären, das Geld der Gönner aber gerne annehmen... fremde Ehefrauen schwängern...die Liste ist lang. Und besagte fremde (dann eigene) Ehefrau stand ihm in Punkto Antisemitismus im übrigen in nichts nach... was ist das nur, das Menschen dazu treibt, andere ohne mit der Wimper zu zucken niederzumachen, sofern man sich dadurch  eine Steigerung des eigenen Ansehens erhofft?

Schön ist das Thema nicht. Wer die Musik Richard Wagners mag, ist immer irgendwie ein bisschen in Erklärungsnot, so, als habe er die Haltung des Meisters mitzutragen...als fände man George Bushs Anzüge todschick oder sähe mit Schnauzbärtchen und Seitenscheitel einfach umwerfend aus... was dann? Trotzdem anziehen? Inwieweit verantwortet der “Fan” eigentlich die politische Haltung des Künstlers? Und kann Musik an sich überhaupt politisch sein? Nach Art der barocken Formen- und Affektenlehre irgendwelche Antipathien freisetzen?

Wären derartige Tendenzen dann auch spürbar, wenn man nichts über die Einstellung des Schöpfers eines Stückes wüsste? Ergeben 3 aufeinanderfolgende Sexten dann so etwas wie das Zeichen auf der Stirn des Tieres (Biestes) aus dem Traum des Paulus? Also los, Probe aufs Exempel... ran ans Klavier, anschlagen... irgendwie fast so, als stelle man sich vor einen Spiegel und riefe 3x hintereinander “Bloody Mary”, oder stecke einen Plüschgremlin in die Waschmaschine.... gruselig, finde ich.
Da werfe ich doch lieber Gustav Mahlers Kindertotenlieder in den CD-Player und erfreue mich an der Tatsache, dass der gute Herr Wagner einen ausgemachten Schmarrn verkündet hat: Dieser Jude konnte sich zumindest ganz wunderbar kundgeben. Ich liebe Mahler!

Heißer Tee und die Musikhochschule am Morgen:
2 Dinge, die ich liebe. 

 Wie mag wohl das Wetter gewesen sein? Ich tippe auf: kalt!






Montag, 8. Dezember 2014

Dem Andenken eines Engels


 
Alban Berg... das ist ein Thema, das man nicht anschneiden sollte, wenn das Fröken im Raum ist. Denn dann schaltet sich automatisch die Hintergrundbeleuchtung in ihren Augen an und sie gerät ins Schwärmen.

Und wenn dann auch noch die Rede auf das Violinkonzert (Dem Andenken eines Engels) kommt, ist der Ofen völlig aus.

Wenn man ein Musikstück heiraten könnte, befände ich mich vermutlich just in diesem Augenblick auf dem Weg nach Wien, mit einer Schachtel Pralinen und einem Ring im Reisegepäck.

Hier mal ein Link zum Stück, zur Erinnerung:
 
berg, violinkonzert
 
Vor langer, langer Zeit, als ich noch im Kunst-Leistungskurs in der Oberstufe saß und eine massive Camille-Claudel-Phase durchlebte, formte ich sogar eine lebensgroße Alban-Berg-Büste (ok...den Oberkörperansatz habe ich später wieder aufgegeben, da die Sache doch recht instabil zu werden versprach) aus grünem Ton, bei der ich einen Riesenzinnober um seine auffällig geschwungenen, fast schon weiblich-vollen Lippen machte. Ist mir sogar ganz gut gelungen, wie ich heute finde.

 

Sogar Adornos Biografie habe ich damals verschlungen, obwohl der Herr Wiesengrund ja so ein Fall für sich ist (“gekünstelter Schwulst” nannte meine Großmutter seine Ausdrucksweise damals :) abgesehen von seiner Meinung zu einer Menge Leuten, die ich nicht immer ganz teilen kann). Aber das ist Stoff für einen anderen Post.

Empfehlenswerter ist ohnehin diese Biografie hier: http://www.buchfreund.de/covers/8863/121935.jpg

Und ich sehe... sie ist vergriffen. Na toll....
 
 
Morgens früh im Bad...


Sonne!! Zwar nur kurz, aber immerhin hell!
 
 
Und es weihnachtet in der Schule :D