Sonntag, 10. Dezember 2017

Na dann Halleluja! Weinhachtslieder zur Nazizeit





Lange ist es her, in einer dunklen Winternacht, in einem einsamen Stall.... nein, Quatsch, das war eine andere Geschichte, die sich aber ganz wunderbar eignet, aufzuzeigen, wie schnell man sich in die Nesseln setzen kann, wenn man sich zu sehr mit höheren Wesen definiert. Das Anbeten unterschiedlichster Personen scheint uns im Blut zu liegen. Ob wir nun unsere Eltern, Kinder oder Partner vergöttern, umgerechnet 65 Euro für einen 12-türigen (wtf?!) Adventskalender ausgeben, der Konfetti, Aufkleber und Keksausstecher enthält, nur weil eine gewisse Youtuberin ihren Namen dafür verliehen hat, oder ob uns Sonntags im Gottesdienst ganz warm ums Herz wird, weil alles so überwältigend ist: Wir sind vermutlich ein Leben lang auf der Suche nach demjenigen, bei dem endlich alles gut wird, der uns versteht und der uns nie verlässt. Wen wir dabei in unser Herz lassen, hängt wohl von unserem Elternhaus und unserer Umgebung ab, aber eines scheint dabei ausgesprochen hilfreich zu sein: Musik.
Musik gehts ins Herz, spricht Hirnareale an, die auch bei Verliebtheit aktiv sind, wirft mit Endorphinen um sich, und bindet diejenigen, die den Musikgeschmack teilen, fester aneinander. Gemeinsam wird musiziert, gemeinsam geht man auf Konzerte, in Discos und Clubs und sammelt sich dabei in Gruppen, denen man sich zugehörig fühlt.
Dumm nur, wenn die gehörte und geliebte Musik nun ausgerechnet die Werte vermittelt, die man gerne entfernen möchte, aus dem Gedankengut ihrer Hörer.
Nun könnte man auf die Idee kommen, diese Musik einfch zu verbieten, was ja auch immer wieder einmal geschieht; Gewaltverherrlichende Musik ist da streitbar, so genannte „volksverhetzende Musik“ verschwindet meist schneller aus den CD-Abteilungen und Plattformen, als der Ersteller „Heil Hitler“ rufen kann. Und das ist auch gut so, versteht mich nicht falsch. Es ist nur so, dass das Verbieten der Musik allein nicht für ein Umdenken beim Hörer sorgt. „Mach den Krach aus!“ ist so ein Satz, den wir vermutlich alle in unserer Jugend gehört, dem wir aber keinerlei weitere Beachtung geschenkt haben. Eher wäre ich im Alter von 12 Jahren ausgezogen (gut, in diesem Alter hatte ich das ohnehin jedesmal vor, wenn meine Mutter glaubte, mich erziehen zu müssen), als dass ich aufgehört hätte, meine Lieblingsband zu hören. Schon das Herunterdrehen der Lautstärke war eine absolute Zumutung und die Drohung „dann darfst Du nicht zum Konzert“ löste in mir ungefähr dieselben Gefühle aus, die den Papst überkommen müssen, den man vom Gottesdienst auszuschließen droht, damit er Zeit hat, über seine Taten nachzudenken.
Nun gehört ja ausgerechnet der Papst einer Gruppierung an, die recht bekannt ist für das Anbeten unterschiedlichster Entitäten, welche allerdings dummerweise keine Nazi-Machthaber beinhalten.  Ausgerechnet. Und dabei war man im Deutschland der späten 30er Jahre so schwer damit beschäftigt, das Bild des Königs der Juden durch dasjenige des Führers der Deutschen zu ersetzen.
Den folgenden Satz des NSDAP-Ortgruppenleiters Ernst Heine, der sich anlässlich des Christfests 1939 im „Völkischen Beobachter“ zitieren lässt, können wir in diesem Zusammenhang unkommentiert stehen und für sich selbst sprechen lassen: „Wir müssen dafür sorgen, dass Weihnachten nicht die Nacht der Christkind-Weihe ist, sondern die nationalistische Weihe der Winterwende, wie es unsere germanischen Vorfahren kannten, ein echtes nationalsozialistisches Weihnachten, die Deutsche Weihnacht! Heil Hitler!“
Interessant ist bei dieser ganzen Umdeuterei, wie sehr man sich sprachlich einerseits von der Tradition der mit „jüdischen Ausdrücken“ gespickten Kirchenlieder distanzierte, andererseits die eigene Propagandasprache an den Duktus der sakralen Ausdrucksweise anpasste. Irgendwie erinnert doch das wortgewaltige „Nationalsozialistische Glaubensbekenntnis“ („Ich glaube an das deutsche Volk, an ein heiliges, arisches Reich deutscher Nation und an den Sieg des nationalen Sozialismus in der Welt.....“) an das ein paar Jahrhunderte zuvor von Martin Luther ins Deutsche übertragene Apostolische Glaubensbekenntnis („Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde....). Viel Neues lernen musste man da nicht: Reihungen, Versmaß, Themafolgen wurden weitgehend beibehalten.
Auch das bei Ansprachen vielfach gerufene „Sieg Heil!“ am Ende einer Aussage kam quasi so sicher wie zuvor das Amen in der Kirche. Was 2000 Jahre lang funktioniert und Menschen an sich gebunden hat, wirft man eben nicht so einfach über Bord. „Never change a running system“ hätte man vielleicht gesagt, wenn das nicht zu ausländisch geklungen hätte.
Und da kommt dann eben die Musik ins Spiel: Die hatten wir ja bereits als wichtiges emotionales und ideologisches Identifikationsmittel enttarnt. In seiner immerhin über 600 Seiten umfassenden Schmonzette „Vom Neubau deutscher Musikalischer Kultur“ forderte der damalige Dirigent und Präsident der Reichsmusikkammer, Peter Raabe, Musik müsse „anerkannt werden als das vornehmste und edelste Mittel zur Erziehung der Volksseele“.
Fragt sich nur, wie man die Menschen dazu kriegt - Verzeihung: bekommt- , das bisher beliebte und allseits gesungene Liedgut durch neue Lobgesänge zu ersetzen. Verbieten bringt nichts, wie wir festgestellt haben. Im Gegenteil: Es fördert den Widerstand. Menschen lassen sich einfach nicht gerne vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Ganz besonders, was liebgewonnene Traditionen, wie etwa Weihnachten, betrifft. Kleinere Veränderungen erfüllen uns mit weitaus weniger Widerstand, wenn man sie richtig zu verkaufen weiß. Ich weiß, ich bin ein Mädchen und ein Verpackungsopfer und ein bisschen leicht zu ködern, was bestimmte Produktkategorien betrifft, aber ich schaffe es von Zeit zu Zeit, ein Rouge oder einen Lippenstift, dessen Farbe mir noch nicht einmal gefällt, zu kaufen, weil die Verpackung so cool ist. Und limitiert. Und weil alle anderen das Zeug auch besitzen und tragen. Und dabei auch aussehen wie Transvestiten an Rosenmontag. Schlagt zu, ich weiß, ich bin bekloppt, aber Tatsache ist: Das Sytem funktioniert.
Da traf es sich doch ganz gut, dass das hier bereits erwähnte „Institut zur Erforschungund Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“ noch Kapazitäten frei hatte zwischen seinen Versuchen, die Bibel so umzuschreiben, dass quasi alles Jüdische herausgestrichen wurde (was ich mir in etwa so vorstelle, als versuche man, ein Backbuch herauszugeben, bei dem die Begriffe „Mehl“, „Zucker“, „kneten“ und „°C“ unbedingt zu vermeiden sind*)  und sich sogleich ans Werk machte, all die Begriffe, die die „Knechtung des deutschen Volkes durch die Macht Alljudas“ demonstrieren, zu entfernen. Und dazu zählen alle jüdischen Namen, wie beispielsweise Jessaia (Jesse), Matthäus oder zuweilen auch Jesus selbst, Ortnamen wie „Betlehem“, oder Aussprüche wie „Halleluja“. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich hatte ein unwillkürliches „Jesses“ auf den Lippen, als ich das las. Die ganze Mischpoche muss meschugge oder beschickert gewesen sein, so einen Schmus zusammenzumalochen.
Da merkt man doch, wie nahe die Begriffe „Ideologie“ und „Idiotie“ beieinander liegen. So empfahl der Arbeitskreis „Gesangbuch“ des oben erwähnten Instituts  das von der „Nationalkirchlichen Einung Deutsche Christen“ herausgegebene Gesangbuch Großer Gott wir loben dich zur Erprobung und Nutzung in den Kirchen. Ein kleiner Auszug gefällig? Hier also das Original (mit Anmerkungen) und danach die Fälschung.

Original:
Ihr Kinderlein, kommet, o kommet doch all’!
Zur Krippe her kommet in Bethlehems **Stall,  
und seht, was in dieser hochheiligen ***Nacht
der Vater im Himmel für Freude uns macht.

Da liegt es – das Kindlein – auf Heu und auf Stroh;
 Maria und Josef **** betrachten es froh;
die redlichen Hirten knien betend davor,
hoch oben schwebt jubelnd der Engelein***** Chor.

**Jüdischer Ortname
*** Heilig (von: Heil): falsch konnotiert, Heil in Verbindung mit Hitler, nicht Jesus
**** Jüdische Vornamen
***** Engel setzen Bezüge zum Alten Testament (Jüdische Volksgeschichte) und sind mit Vorsicht zu behandeln. Hoch oben auf gutdeutschen Weihnachtsbäumen wurde der Engel, dem man ohnehin immer ein wenig befremdet die Christbaumspitze unter den Rock polken musste, in vielen Fällen durch ein Sonnenrad ersetzt.

Fälschung:
Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch her
vernehmet zur Weihnacht die uralte Mär
und seht, welch ein Baum trotz der eiskalten Zeit
geschmückt ist mit grünem, lebendigen Kleid.

Das deutet auf uralte Zeiten zurück
und lenkt auf die Sitte der Ahnen den Blick
und lehrt, daß dies Erbe bis heutigem Tag
und weiter in Zukunft bewahrt bleiben mag.

Heimelig, nicht wahr? Da braucht man doch glatt etwas, das den Blutzuckerspiegel wieder hebt und die Folgen des ersten Schocks beseitigt. Stollen gibt es allerdings keinen mehr, der wurde durch altnordische Gebildbrote ersetzt, aber bitte, bedient euch! Auch Neudichtungen gab es, einige davon noch immer in Umlauf, viele vergessen, die meisten davon zu recht. Es ist ein wenig so, wie mit den geflügelten Jahresendfiguren der DDR, man weiß nie so richtig, ob und inwiefern man bestimmte Begriffe oder Gebräuche noch verwenden darf, wenn die Zeit vorüber ist. Dass so etwas ganz gewaltig in die Hose gehen kann, bewies der ohnehin schwer einzuordnende Volksmusiker Heino, als er im Jahr 1969 das von dem Lyriker und NS-Funktionär Hans Baumann gedichtete Jul-, also Neuweihnachts-Lied „Hohe Nacht der klaren Sterne“ auf Schallplatte presste. Es hat eben alles seine Zeit. Und manchmal ist es höchste Zeit, nicht zum Konzert zu gehen, sondern zuhause zu bleiben und über seine Taten nachzudenken. Danke, Mama.

*Die Nazi-Neuausgabe des Neuen Testaments kann man übrigens unter dem Titel „DieBotschaft Gottes“ finden




Mittwoch, 29. November 2017

Und Sonntags gehts zum Türken. Janitscharenmusik und Mozart in Gaza





Seitdem der Herr Verratichnicht in mein Leben getreten ist, habe ich eine zwischenzeitlich vernachlässigte Angewohnheit wieder aufgenommen: Türkisch essen. Vor meinem Umzug nach Sachsen eine Selbstverständlichkeit, nachdem ich sowohl in London als auch in Stuttgart in Gegenden gewohnt hatte, in denen es von türkischen Supermärkten (und den dazugehörigen türkischstämmigen Mitbürgern) nur so wimmelte. Sie (die Mitbürger, nicht die Supermärkte) machten einen beachtlichen Teil meines Freundeskreises aus, mein ehemaliger Freund (selbst Kurde) besaß sogar einen entsprechenden Laden, so dass ich damals lebte wie die Made im Schlemmerland und mir auf meinem ersten Raubzug durch die Dresdner Supermärkte die Gesichtszüge entgleisten. WO waren all die Sachen, die ich mir täglich einverleibte? Wo waren die eingelegten Artischockenböden? Wo gab es gute Bakklava? Warum kosteten die Spitzauberginen ein Vermögen? Und warum bekam ich verwirrte Gesichter präsentiert, wenn ich nach Okraschoten fragte? Wo, wo, wo waren die ganzen Türken?
Ein halbes Jahr und 2 verlorene Kilo später hatte ich mich auf meine neue Umgebung eingeschossen und häufelte nun eben Schanghai-Kohl und eingelegten Kimchi auf meinen Teller. Kulturelle Anpassung nennt sich so etwas. Und ich begann, die asiatischen Einflüsse auf meine Küche zu genießen, bis ich auf die perfekte Verbindung stieß: Zusammen mit dem Herrn Verratichnicht durch den Geheimstädter Stadtteil, der im Allgemeinen als „Korea“ bezeichnet wird zu schlendern. Der wimmelt nämlich von türkischen Lebensmittelhändlern. Besser gehts nicht, oder? Multikulti at its best!
Während hier also immer noch jeden Montag protestiert wird, schleiche ich mich auf dem Nachhauseweg am Mob vorbei und hoffe, dass mich niemand anspricht, denn ich fürchte, meine Aussage im Sinne von „hoffentlich haben ganz viele Migranten Erfahrung als Händler und machen haufenweise regionalspezifisch-orientalische Lebensmittelläden auf!“ dürfte nicht unbedingt auf fruchtbaren Boden fallen. Schade eigentlich, sonst hätte ich dort vielleicht Okraschoten züchten können. Aber da ist wohl nichts mehr zu holen.
Musikalisch macht sich so eine Zu-, Ab- oder Umwanderungsbewegung im Übrigen auch ganz gut. Selbst dann, wenn sie nicht ganz freiwillig geschieht. Da brauchen wir gar nicht so weit zurückzudenken, da reicht die Nachkriegszeit mit den überall auftauchenden Kaugummis, den „Meckie“ genannten amerikanischen Militärfrisuren, die der Heiße Scheiß bei der Jugend waren, dem Hype um Getränke wie Coca-Cola und eben auch der amerikanischen Unterhaltungsmusik, die man nun endlich überall spielen durfte. Da gab es zudem jahrelangen Nachholbedarf.
Und hätte es keine Türkenkriege gegeben, gäbe es vielleicht noch nicht einmal das Froeken selbst, denn ich entstamme einer Familie, die ihre Kinder (also meine Vorfahren) mit dem Geld ernährte, das sie in der Hotel- und Gastronomiebranche verdiente. Hauptsächlich mit einem großen wiener Kaffeehaus, das eben nur deshalb existieren konnte, weil Wien eine unglaubliche Kaffeekultur besitzt. Mit Sorten und Namen (Einspänner? Zarenkaffee (enthält Ei), Kosake mit Schlag? Großer Schwarzer? Ist das überhaupt jugendfrei??), bei denen sich Starbucks weinend verziehen kann. Klar, den Kaffee haben ja auch nicht die Amerikaner nach Wien gebracht, auch wenn sie sich damit zunehmend breitmachen, sondern eben die Türken, die die Stadt zwischen 1529 und 1683 zweimal belagerten und (vergebens) versuchten, den Habsburgern zu zeigen, wo der Hammer, beziehungsweise die (Mond-)Sichel hängt.
Versteht mich nicht falsch, ich bin gegen jegliche Art von Gewalt. Ich glaube, ich habe schon mehrmals erwähnt, dass ich beim Anblick von Salamibroten zu weinen beginne, weil ich mir immer vorstelle, dass die Schweinemama ihren Kindern erzählt, dass Papa nie wieder nach hause kommt und dass sie ganz tapfere kleine Schweinchen sein müssen (und, ja, ich heule fast, wenn ich das nur tippe...), also nochmals ganz kurz für alle: Krieg ist doof. Und das töten von Lebewesen jeglicher Art (ja, auch Busfahrer, die einem vor der Nase wegfahren, obwohl sie einen ganz genau gesehen haben) ist gemein. Aber wenn verschiedene Kulturen aufeinander klatschen, dann kommt es zwangsläufig auch zu einem Austausch unterschiedlichster Kulturgüter, sei es als Kriegsbeute oder auch als Dinge, die man vor Ort sieht und ganz einfach schön findet. Die osmanische Kultur, die sich oft unter dem Stichwort „Orientalismen“ in der Kunst, der Mode oder der Musik ab dem 18. Jahrhundert an überraschend vielen Stellen wiederfindet (Ganz ehrlich: Hand hoch, wer wusste, dass der Lappen, den sich das Model in Vermeers „Mädchen mit dem Perlenohrring“ um den Kopf gewickelt hat, kein Handtuch zum Haaretrocknen, sondern ein hochmodischer „Turban“ ist?), übte offensichtlich eine gewaltige Faszination auf die Abendländer aus. Laut Gregor Maier, dem Leiter des Kulturdezernats beim Hochtaunuskreis und des Kreisarchivs, verdanken wir den Türken sogar die sonst als typisch deutsch angesehene Blasmusik. Wer den Blogpost über die Guggenmusik gelesen hat, darf also eine neue mögliche Wurzel für den Alpenradau hinzufügen. Die Türken sind schuld, die ihre Musik dem Österreichischen Musiklexikon zufolge als Kriegstaktik einsetzten, um mithilfe des Dauergedudels sämtliche Alarmglocken der Städte zu übertönen, und somit unerwartet zuschlagen zu können. Auch eine Einsatzmöglichkeit im Sinne von „Musik als Waffe“.
Besagtem Gregor Maier zufolge entspringt also die Blasmusik der hochbeliebten türkischen Militärmusik, auch Janitscharenmusik genannt (Yeñiçeri Ocaġı, die Leibwache des Sultans und Elitetruppe des türkischen Militärs). Tuben und Posaunen hatten die Janitscharenmusiker zwar nicht dabei, wenn sie mit Getöse durch die Straßen zogen, wohl aber jede Menge Gerassel und Getrommel, welche in den entsprechenden Zusatzfunktionen der sich damals großer Beliebtheit erfreuenden Janitscharenklaviere imitiert wurden: Ein zusätzliches Pedal, das beim Durchtreten für Geräusche im Stil von „umstürzender Geschirrschrank“ sorgte und besonders bei Mozarts „Türkischem Marsch“ ein paar spaßige Effekte bringt.
Nun ist Mozart bei weitem nicht der Einzige, der den Radau mit den vielen Becken und Perkussionsinstrumenten liebte, auch sein großes Vorbild Josef Haydn nutzte in seiner 1794 komponierten 100. Symphonie (nicht ohne Grund als „Militärsinfonie“ bekannt), sowie in seiner Oper Armida die typisch türkisch klingende Musik, Friedrich Witt nannte seine 6. Symphonie nicht umsonst „Turque“, Gluck orientalisiert sich in „Die Pilger von Mekka“ quasi einen Wolf... die Liste ist lang. Wer sich allerdings einen schnellen Eindruck darüber verschaffen will, wie das Ganze son klingt, der wird in Mozarts „Entführung aus dem Serail“, sowie im Rondo alla Turca schnell fündig.
Wie groß der Hype um die Janitscharen in Mozarts Tagen gewesen sein muss, zeigt sich unter anderem daran, dass man, statt den Wienerwald zu durchwandern (nein, nicht die Händlbraterei, das grüne Zeug mit den Blättern meine ich), an den Wochenenden die Militärkapelle anhören ging, was dann als „Türkische Musik“ bezeichnet wurde. Und der Dienstgrad der entsprechenden Musiker lautete im preußischen Militär noch bis weit in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein „Janitschar“.
Ziemlich militärisch geht es ja bis heute zu auf diser Welt. Im Gazastreifen beispielsweise. Und genau dort dirigierte Daniel Barenboim (wer auch sonst?) vor etwas über 6 Jahren auf Einladung der Vereinten Nationen ein Konzert, das „ein Zeichen gegen die kulturelle Blockade setzen“ sollte, und gab - genau! - Mozart. Einfach wird es nicht gewesen sein, so gab es bis zuletzt Widerstand gegen das Konzert, später wurden die Musiker in einem Militärkonvoi (und ich verkneife mir an dieser Stelle den Bezug zum „Janitscharenzug“) unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen zum Konzert und zurück gefahren, und Angaben von UN-Sicherheitsleuten zufolge waren während des laufenden Konzertes Terrordrohungen einer salafitischen Extremistengruppe eingegangen. Und auch wenn die Verteter der Hamas, die sich so gegen das Konzert gewehrt hatten, leider draußen warten mussten: Man kann so einiges zusammenbringen, alles ein bisschen wenigr be-fremdlich machen, wenn man sich bemüht.
Ja, guuuut, Barenboim, mag man durchaus argumentieren, der kann ja irgendwie gar nichts fremdländisches mehr spielen, für  jemanden, der 4 Staatsangehörigkeiten besitzt und so ziemlich überall sonst gearbeitet hat, ist ja alles irgendwie von „zu Hause“. Aber was hält uns denn davon ab, unsere eigene Definition von „Heimat“ zu überdenken? Nun bin ausgerechnet ich jemand, der nach jahrzehntelangem Umherziehen von Stadt zu Stadt und Land zu Land (Kennt noch jemand ein paar freiberufliche Geisteswissenschaftler? „Lasst uns schutteln die Hande“, wie Teefax sich ausdrücken würde) ganz froh ist, einen einigermaßen sicheren festen Wohnsitz gefunden zu haben, den ich „zuhause“ nennen und bei dem ich die Türe hinter mir zuwerfen und die große böse Welt draußen lassen kann, aber so eine zweite Heimat ist doch eigentlich nichts Schlechtes, oder? Da kennt man dann gleich ein paar Leute, weiß, welcher Bäcker frische Simit im Angebot hat, und wo es guten Kaffee gibt. Und einen Herrn Verratichnicht, der einem das Herz warm und trocken hält. Das einzige, das das noch schlagen könnte, wäre eine dritte Heimat. Und eine vierte oder fünfte. Oder die Neue Heimat, die hat man zu Zeiten sogar für eine D-Mark kaufen können. Aber das hat nun wirklich nichts mehr mit Musik zu tun.

Noch ein kleiner Tipp zum Abschluss: Den Kosaken mit Schlag (wahlweise Obers genannt) bitte nicht probieren...ich weiß nicht, was sich der Barmensch, der das erfunden hat, dabei gedacht hat, aber vermutlich hat er einfach alles zusammengeschüttet, mit dem er sich gerade betrunken hatte, und die Sache mit Kaffee aufgefüllt.
Und falls er sich danach noch hingesetzt und Mozart gespielt hat, hat sich dasvermutlich so angehört. Ersetzt in Gedanken einfach die hinzukommenden Biere durch Kaffee  Zarenbrühe Suppe das entsprechende Heißgetränk.

 So, hier die versprochenen Katzenbilder. Es ist wie bei Kindern: Nie sind alle zuhause, wenn man sie mal auf ein Foto bekommen möchte. Der Graue links oben ist erst vor Kurzem eingezogen, bringt dafür aber eine Menge Erkrankungen mit. Also Pfötchen drücken für den Herrn im schon sehr schön nachgewachsenen Pelz!


                                                                   Kaninchencontent :D


Mittwoch, 22. November 2017

Kriegswichtige Spottmusik? Wenn Musik eine Waffe ist






Nachbarn und Musik, das ist so ein Thema, das Generationen von Menschen, die eigentlich friedlich nebeneinander herleben, oder einander sogar freundschaftlich zur Hand gehen könnten, zu erbitterten Feinden machen kann, ja mitunter Gerichtssäle füllt. Und das vermutlich seit der Erfindung der Klopfgeräusche oder der Singstimmen Wenn also Uga-Uga mit seinen Kumpels eine Sause veranstaltete und mit seiner Knochentrommel den Beat gab, während Nunu und Gaga lauthals sangen und mitklatschten, dann tat er gut daran, seinen Höhlennachbarn im Neandertal vorher darüber in Kenntnis zu setzen und um Erlaubnis zu bitten, sonst konnte dieser auf die Idee kommen, seine Keule einzupacken und ein bisschen mitzufeiern. Einen direkten Zusammenhang zu der Tatsache, dass  die meisten Schädelfunde aus dieser Zeit fragmentarisch sind, also hauptsächlich aus Splittern oder abgefallenen Unterkiefern bestehen, möchte ich an dieser Stelle nicht ziehen, das Problem der allabendlichen Privatdisko in der Wohnung nebenan dürften die meisten von uns jedoch kennen. Es sei denn, sie gehören selbst zu den Radaubrüdern und haben nur deshalb keinen Ärger mit der Nachbarschaft, weil sie deren genervtes Klingeln und Klopfen nicht hören, da ihre Musik zu laut ist.
Ja, Musik kann eine Waffe sein, zuweilen sogar eine sehr wirksame. Und ich spreche hier nicht davon, Menschen in Privaträumen so lange mit Bibis Wap-Dap-Gedudel zu bestrahlen, bis diese freiwillig alles tun, was man von ihnen verlangt, oder alle Gerätschaften so lange extralaut zu nutzen, bis sich der ungeliebte Mitbewohner entnervt eine neue Bleibe gesucht hat (besonders geeignet bei Mitbewohnern, die Nachtschichten arbeiten), sondern von unterschiedlichen Versuchen, Musik im großen Stil für politische Zwecke zu nutzen.
Im Grunde beginnt so etwas bei der Frage, welche Musik man NICHT hören sollte. Das Recht auf Religionsfreiheit ist beispielsweise felsenfest im Grundgesetz verankert und garantiert uns wenigstens ein kleines bisschen Individualität. Ebenso darf man den Herrn Nachbarn nicht dumm anreden, weil er sein rotes Pailettenkleid schon wieder mit diesen unsäglichen knallgrünen Stöckelschuhen kombiniert. Weil es nämlich ganz alleine seine Sache ist, für welche Schuhe er sich entscheidet, auch wenn die Farbe zehnmal nicht passt. Vielleicht ist er ja auch ganz einfach rot-grün-blind und hält beides für grau. Soll es ja geben, in der Männerwelt. Über seinen Musikgeschmack darf ich mich allerdings aufregen. Inwiefern das zur freien Entfaltung der Persönlichkeit gehört und ich mich auf dünnes Eis begebe, wenn ich öffentlich schreibe, dass er mir mit seiner Affenmusik auf den Wecker geht, wäre zu diskutieren. Dass Dschungelmusik (wie bitte klingt denn eigentlich so ein Dschungel, lieber Herr Göbbels, der den Begriff damals. in den 30ern und 40ern entscheidend mitgeprägt hat? So vielleicht?) im dritten Reich offiziell unerwünscht war, ist eine Geschichte, die zwar wahr ist, aber doch recht oberflächlich betrachtet wird, denn Ausnahmen gibt es immer und die Frage geht meist dahin, wer etwas ausüben darf und wer nicht, sondern wem diese Ausübung nutzt, beziehungsweise wessen Gelder in wessen Taschen fließen.

Wenn Jugendliche spätabends vor den Türen der Supermärkte herumlungern und die automatischen Türen blockieren, um gerade in den kalten Monaten noch etwas Licht und Wärme abzubekommen und alle paar Minuten ein Mitglied der Gruppe hineinschicken, um Limonade und Alkohol zum Zumischen zu besorgen, kann das durchaus auch geschäftsschädigend werden, zumal mit steigendem Alkoholpegel auch die Lautstärke der Untergaltungen, sowie die Wahrscheinlichkeit irgendwelcher Streitereien zunimmt. Die Tatsache, dass das Gehör im Alter immer schlechter wird und bestimmte Frequenzbereiche immer weniger gehört werden können, machte sich eine britische Firma zu Nutzen und entwickelte eine Lärmmaschine, deren „Lärm“ angeblich nur von jungen Menschen bis etwa zum 25. Lebensjahr gehört werden kann. Damit soll eine ähnliche Wirkung erreicht werden, wie mit Ultraschallgeräten, die Moskitos oder Hunde vertreiben. Nur eben mit Jugendlichen. Der feuchte Traum eines jeden spießigen Nachbars sozusagen. Gerät einschalten und ein „Jugendfreies“ Leben genießen. Warum nicht. Wer’s braucht... „The Mosquito“ nennt sich das Ganze dann auch recht passend. Immerhin blieb es bei der Ultraschallverscheuchung nach Art der Insektenvertreibung. Sie hätten ja schließlich auch eine riesige Fliegenklatsche erfinden und damit schwundvoll zuklatschen können, oder nicht? Wäre unter Umständen sogar wirksamer gewesen, da die geplätteten Teenies nicht an den Ort des Geschehens zurückkehren könnten. Wir sehen: Das System ist ausbaufähig.

Wer wie ich in einer Zeit zur Schule gegangen ist, in der das Wort „Mobbing“ noch in seiner eigentlichen Bedeutung verwendet wurde, in der keine Schulpsychologen Grundschülern erklärten, wie man sich untereinander zu verhalten hat, und in der man glaubte, „politisch korrekt“ zu sein, wenn man sein Kreuzchen auf dem Wahlzettel ordentlich und leserlich malte, kennt wahrscheinlich auch die Waffen der Kinder, die zu schwach oder zu feige sind, sich auf eine offene Prügelei mit einem unbeliebten Klassenkameraden einzulassen: Man schart ein paar Freunde um sich, gibt einem allseits bekannten Kinderlied einen neuen Text (wobei es sich empfiehlt, das Säckchen mit den Fäkalausdrücken gründlich auszuschütteln, da es für Lacher und somit für weitere Verbreitung sorgt), und singt es dem Opfer bei jeder sich bietenden Gelegenheit vor, wobei der Text natürlich zum Kind passen muss. So wurden dicke Kinder mit dem Lied von der Dickmadam beglückt, die mit ihrem Gewicht eine ganze Eisenbahn zerlegte und am Ende von der herbeigerufenen Polizei geschlagen wurde, dumme Kinder mit Songs im Stil von „Heinz, Heinz, was ist eins und eins?“ (Immer vorausgesetzt natürlich, es handelte sich auch um einen Heinz, ansonsten musste man die Zahlen entsprechend ändern), und Kinder, die aus anderen Kulturkreisen kamen und unübliche Vornamen trugen, mit dem unschlagbaren „Erbek (Zlata, Gökhan...)  ist ein schöner Name / Erbek will ich heißen / Erbek heißt mein Klopapier / darauf will ich... (den Rest können wir uns ja vermutlich denken).
„Zehn kleine Negerlein“ war damals schon grenzwertig, wurde aber noch gesungen,  Zigeuner durfte man einander noch nennen, insgesamt aber brauchte man nicht besonders tief in die Spottkiste zu greifen, um in immer braunere Schichten vorzudringen. Unbeliebte Kinder wurden auch in der NS-Zeit mit entsprechenden Gesängen bedacht, interessant war allerdings, dass das Ganze auch im großen Stil betrieben und sogar gefördert wurde.
Dabei kann man nicht nur jede Menge Bösartigkeiten in Lieder hinein- und diese dann bei wechselnden Feindbildern auch entsprechend umdichten (so wurde aus „Bomben auf Polenland“ kurzerhand „Bomben auf Engelland“ - viel Phantasie hat der Texter da nicht gebraucht), man kann auch Textstellen aus Liedern herausfiltern. So zum Beispiel, wenn in Weihnachtsliedern jüdische Namen oder Orte vorkommen, was ja nicht besonders verwunderlich ist, wenn ein kleines jüdisches Kind mitten in Israel das Licht der Welt erblickt. Sofern nicht sein Schwippschwager Heinz (das war der, der so schlecht in Mathe war) aus Wanne-Eickel vorbeigekommen ist, um Weihrauch und Myrrhe durch einen guten deutschen Rosinenstollen zu ersetzen, konnte man mit dem einen oder anderen jüdischen Besucher oder Biographen rechnen. So zum Beispiel Jesaja, der Jesus als Heilsbringer beschreibt, der wie ein neuer Sproß aus einem alten Baumstumpf erwächst. Ja, richtig, wir sind bei der Geschichte mit dem Reis (Reisig, nicht Rose, das ist Volksetymologie), der aus der Wurzel entspringt. Jesaja als Jude flog in der Naziversion aus dem Song, und heraus kam das Kirchenlied, in dem nicht mehr „von Jesse kam die Art“ gesungen wurde, sonern die Art eben vom „Himmel“ kam, was unverfänglicher war, befindet sich doch der Himmel haargenau über Wanne-Eickel. Ein Blick aus einem dortigen Fenster genügt.

Der Theologe Wilhelm Caspari, der quasi davon lebte, „jüdische Ausdrücke“ wie „Zion“ oder (kein Witz!) „Halleluja“ in Kirchenliedern durch gutes deutsches Wortgut zu ersetzen,  veröffentlichte im Jahr 1933 sogar eine Studie names „Über alttestamentliche Bezugnahmen im evangelischen Gesangbuch und ihre Beseitigung“ und schaffte es, dabei, die Textzeile „Durch der Engel Halleluja / tönt es laut von Fern und nah“  zu „Durch der Engel heiliges Wort“ zu ersetzen. Beschaulich. Besonders, wenn sich die Folgezeile nicht mehr reimt, und die Familie vor dem Weihnachtsbaum verwirrten Blickes versucht, so etwas wie „tönt es laut von Fern und Nord“ oder „Ort“ oder „aus dem Hort“ zu singen, weil wir uns so an den Endreim gewöhnt haben. Da sind wir froh, dass Betlehem so weit weg ist, sonst hätte die arme Maria, die gerade ohne jegliche medizinische Versorgung mitten auf einer Wanderung  in einem Schafstall ein Kind entbunden hatte, den Stall zugesperrt und alle Hirten draußen gelassen. Nur um sich das nicht lnger anhören zu müssen. Halleluja!

Nun gab es also das „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das kirchliche Leben“ mit Sitz in Eisenach (gegründet übrigens auf der Wartburg, die diesbezüglich ja schon einiges erlebt hatte), die Reichskulturkammer, ihre Schwester, die Reichsmusikkammer mit der Reichsmusikprüfstelle, die es sich allesamt zur Aufgabe gemacht hatten, alles was fremdländischen Odem hat aus dem Musikleben zu entfernen, und trotzdem gab es sie weiterhin, die Dschungelmusik, die man doch zu bekmpfen suchte. Und zwar ganz offiziell.
So blieb beispielsweise die Musik des französischen Gitarristen Django Reinhard von den Nazis einigermaßen unbehelligt. Und das, obwohl er nicht nur Manouche war (die französischen Ableger der Sinti), sondern auch noch durch einen Unfall behindert, und mit seiner verstümmelten rechten Hand so ziemlich all das auf der Gitarre vollbrachte, was anderen Musikern sofortiges Berufsverbot eingebracht hätte. Aber Reinhard war viel zu berühmt und beliebt, um derart abgewatscht zu werden. Man kann es sich eben nicht mit jedem verscherzen. Und der eine oder andere Obernazi hörte die Musk zudem selbst ganz gerne. Sowas muss es also auch geben.
Interessanter ist da eine Band, die sich um den Sänger und Texter Karl „Charlie“ Schwedler und den Saxophonisten Lutz Templin gebildet hatte. Und zwar auf allerhöchstes Geheiß. Die Musiker kassierten bis zu 500 Reichsmark pro Monat, was in etwa dem doppelten des Durchschnittseinkommens der Zeit entsprach, waren vom Kriegsdienst freigestellt und mussten nicht einmal ihre Instrumente selbst bezahlen. Und was spielten sie? Swing.
Da erließ die Reichs-Rundfunk-Gesellschaft ein "Verbot des Nigger-Jazz für den gesamten deutschen Rundfunk", das den Swing genauso beinhaltete, wie alles andere, das US-Tanzhallen füllte, um dann dafür zu sorgen, dass genau diese Art von Musik über das Radio in alle Welt gesendet wurde? Hallo? Wer hat da denn den Schuss, beziehungsweise den  Göbbels nicht gehört?
Aber so war es ja gar nicht. Klar wurde gesendet. Aber eben nicht in alle Welt. Ausgerechnet innerhalb Deutschlands bekam man Charlies Orchester nicht zu hören. Und warum nicht? Weil das sozusagen die Swing-Variante der Heinz-kann-nicht-rechnen-Musik darstellte. Bekannte und beliebte Stücke, Jazz-Standards, Songs wie „Bey mir bist Du Scheyn“ (das aus einem jiddischen Musical stammte) wurden quasi „gecovered“ und mit neuen Texten versehen. „Charlie“ Schwedler, der zuvor viele Jahre in den Vereinigten Staaten verbracht hatte, nutzte seine Englischkenntnisse, um aus den Songs flugs Spottlieder zu machen. Und diese dann per Radio in feindliche Wohnzimmer zu senden.
Dass so etwas funktionieren kann, hatten sie vermutlich schon in der Schule getestet: Singen, bis die dicke Else weint und Heinz mit der Rechenschwäche nicht mehr zum Unterricht erscheint, weil er sich beim Versuch, in die Spree zu gehen, eine Lungenentzündung zugezogen hat. Rechnen konnte er nicht, schwimmen schon.
Man spielte also umgedichtete US-Gassenhauer, um die Moral der Feinde zu untergraben. Irgendwie ja absurd, aber nennt mir etwas, das sich die langen Arme der NSDAP ausdachten, das NICHT absurd war. So gesehen passte die Geschichte also ins Programm. Musik kann also kriegswichtig sein und den Musikern gleichzeitig das Leben retten, denn ganz so sortenrein waren auch diese nicht, hätten also früher oder später auch mit ein paar unangenehmen Besuchern rechnen müssen. Auf die Frage „Wollt ihr den totalen Jazz?“ antwortete man also besser mit „ja, bitte!“
Moderiert wurden die kriegswichtigen Einsätze von Charlie and his Orchstra von zwei Scherzkeksen namens „Lord Haw-Haw“ und „Axis Sally“, die zwischendurch ihre Witze über die feindlichen Streitkräfte rissen, was ein wenig an Monty Pythons Sketch mit dem lustigsten Witz der Welt erinnert. Eine unschlagbare Möglichkeit also, die übelsten Mobber direkt aus der Schule weg an Stellen zu engagieren, an denen sie mit ihrer rücksichtslosen Art möglichst viel Schaden anrichten konnten. Im Auftrag ihrer Majestät des Reichspropagandaministers.
Und falls sich jemand fragen sollte, wie es sich so angehört hat, wenn Charlie und seine Gang zu den Instrumenten griffen; Hier habe ich mal ein paar Texte und Links zusammengestellt:

Aus dem bekannten
„Let’s go slumming
Let’s go slumming
Let’s go slumming on Park Avenue“
„Let’s go bombing
Let’s go bombing
Just like good ol’ British airmen do“

Ein nettes Hörbeispiel misamt eingestreuten Witzen über Winston Churchill und dem „schönen“ Text „Yes, Jews, you're driving me crazy, 
what did I do, what did I do? 
My fears for you make everything hazy clouding the skies of blue. 
Ah, Jews are the friends who are near me to cheer me, 
believe me they do. 
But Jews are the kind that will hurt me, desert me 
when I need a Jew“ 


für diejenigen, die den Monty Python Sketch nicht kennen: Bitte hier klicken!

                                     Sorry, Leute, heute ohne Katzenbilder. Bald wieder. Versprochen!

Sonntag, 12. November 2017

Entscheiden Sie sich jetzt! Was ist eigentlich ein Melophon?



Als ich den Begriff „Pseudoorgel“ (Pseudoorgue) zum ersten Mal las, fühlte ich mich spontan in meine Kindheit zurückversetzt: In meine ersten Versuche, bei der musikalischen Früherziehung einmal den Friedemann zu geben und in die Orgeltasten zu hauen, dass all den Barockschnullerkindern vor Schreck die Blockflöte aus dem Mund fiel. Toccata und Fuge, volles Programm eben. Das mir eigene Instrument bestand aus knallorangefarbenem Vollplastik, musste eine Viertelstunde vor Spielbeginn eingeschaltet werden, um der Kiste genug Zeit zu geben, sich mit Luft vollzupumpen, und ist vermutlich verantwortlich für mein äußerst gespaltenes Verhältnis allen Orgeln gegenüber. Erstens war der Elektromotor, ein Wunderwerk der Spielzeuginstrumententechnik der 70er Jahre, fast lauter als die Töne, die er zu erzeugen vermochte, und zweitens bewegte sich der Informationsaustausch (Drücken der Taste --> Freisetzen der Luft --> Erklingen des jeweiligen Tons) mit der Geschwindigkeit einer orientierungslosen Gartenschnirkelschnecke, der die Füße schmerzen, weil sie unbedingt die hübschen, aber unbequemen Ballerinaschneckenschuhe anziehen musste. Letzte Woche, als sie sich auf den Weg machte, der bereits ganze zehn Zentimeter umspannt.
Man konnte also, wenn man seine Finger nur schnell genug bewegte, bereits fertig sein und bei einer Tasse Tee vor dem Fernseher sitzen, während das Instrument noch den Fehler bei Takt 38 machte, der einem beim Spielen selbst gar nicht aufgefallen war. Hach, die großen Zeiten der Bontempi-Orgeln eben.

Eines schönen Nachmittags, der eigentlich ein Vormittag hätte werden sollen, wenn denn der Herr Verratichnicht und ich es geschafft hätten, uns rechtzeitig aus den Federn zu schälen und auf die Socken zu machen, beschlossen wir, uns ein wenig weiterzubilden, durchwanderten das Berliner Kupferstichkabinett, um uns „Bilder der Musik von Magenta bis Matisse“ anzusehen, betrachteten die Ausstellung im gleich daneben liegenden Kunstgewerbemuseum, und beschlossen anschließend, auch dem Musikinstrumentenmuseum einen kleinen Besuch abzustatten. Ein Beschluss, der allerdings in Anbetracht der fortgeschrittenen Uhrzeit nicht mehr zur Durchführung kam: Wir hätten wahrlich die Beine in die Hand nehmen und hindurchrennen müssen, weshalb wir uns entschlossen, die Sache zu vertagen und nur in den ausgelegten Büchern und Prospekten herumzustöbern. Tja, und dabei entdeckte ich es dann: Das multikulturellste aller Multikultiinstrumente: DiePseudoorgue, auch Melophon (Honigklinger) genannt, entwickelt in Frankreich im Jahre 1837 von Pierre Charles Leclerc, einem Uhrmacher, der offensichtlich nicht so wirklich wusste, was er eigentlich wollte.

Auf den ersten Blick erinnert das gute Stück ein wenig an einen Cellokoffer, bei dem sich jemand mit der Halslänge verrechnet hat, und die Tatsache, dass man das Instrument tatsächlich aufklappen und einen Blick ins Innere werfen kann, verstärkt diesen Eindruck noch, allerdings befindet sich im Inneren nicht das eigentliche Instrument, sondern ein  Blasebalg und Durchschlagzungen, denn die Verwandtschaft mit der Orgel ist tatsächlich gegeben, allerdings nur auf den allerersten Blick: Der Ton wird über einen Blasebalg erzeugt, die Pfeifen wurden aus Platzmangel jedoch durch Metallzungen ersetzt, was bedeutet, dass die Orgel beim Vaterschaftstest aufatmen kann, das Akkordion, an das zunächst gar niemand gedacht hatte, jedoch in arge Bedrängnis gerät.
Auseinander- und wieder zusammenziehen wie eine Ziehharmonika lässt sich das Instrument natürlich nicht, statt dessen besitzt es eine Art Ausziehgriff am unteren Ende, also dort, wo bei einem Streichinstrument, dem der Korpus ja nachempfunden ist, der Stachel, oder der Endknopf liegen würde. Da habe ich mich vorhin noch über meine Kinderorgel beschwert, die man rechtzeitig einschalten musste, und nun haben wir hier ein Instrument, das man vor dem Spielen von Hand aufpumpen muss, ich weiß nicht, irgendwie erinnert mich der Pumpgriff an einen Oldtimer, bei dem der Fahrer erst einmal kurbeln muss, um dann so schnell er kann wieder auf den Fahrersitz zu springen, ehe der Motor wieder ausgeht.
Also doch kein Akkordion, sondern eher ein Harmonium? In Bezug auf die Tonerzeugung vermutlich schon, ja. Spieltechnisch gesehen ist dann aber alles wieder etwas anders: Der Hals des Instrumentes erfüllt nämlich tatsächlich eine musikalische Funktion, im Gegensatz zu den heutigen Synthesizern mit Griff, mit denen sich besonders Glam-Rocker gerne auf der Bühne zeigen. Bei diesen auch „Keytar“ genannten Instrumenten dient der Griff einzig zum Zuschalten von Sounds. Und zum Festhalten. Und zum Posen.
Der Griff eines Melophons dient dagegen zum „Abgreifen“ nicht vorhandener Saiten. Stattdessen werden an diesen Stellen Knöpfe gedrücht, die quasi die Funktion der Tasten eines reinrassigen Harmoniums innehaben, weshalb es auch jeder Saiteninstrumentalist sofort spielen können sollte. Harmonium und Streichinstrument in einem, also?
Ja... fast. Ich bin sicher, wir finden etwas, das wieder Verwirrung in die beginnende Klarheit bringen wird.
So zum Beispiel die Zeitschrift für Instrumentenbau, die das Instrument in ihrer Ausgabe vom 1. September 1888 als mit einer Zither verwandt beschreibt. Allerdings scheint es bei diesem Instrument unterschiedliche Bauweisen gegeben zu haben. Also auch wieder nichts, auf das man sich verlassen kann.
Immerhin erfahren wir bei dieser Gelegenheit, dass die U-förmige Luftpumpe am unteren Ende mit dem Fuß bedient werden soll, den man quasi hineinstellt und dann immer wieder nach unten tritt (Fotos von Spielern zeigen sie jedoch eher mit der rechten Hand am Zug), während man mit der linken Hand die Knöpfe am Hals drückt, als wären es die Bünde einer Zither (oder eben die Saiten einer Gitarre, einer Geige, was auch immer, es scheinen insgesamt 7 virtuelle Saitenreihen gewesen zu sein, was es zu keinem der genannten Saiteninstrumente in Bezug stellt, mich aber an Marin Marais und die siebente Saite auf der Gambe erinnert).
Ganz ehrlich: Ich habe so langsam das Gefühl, dass es sich hier um so etwas wie die Tardis der Musikinstrumente handelt: Von außen ein unscheinbarer kleiner Koffer, von innen ein aufs Verwirrendste zusammengewürfeltes Spaßorchester. Und der erzeugte Ton mag zwar ganz nett gewesen sein, schien den Aufwand jedoch in keiner Weise gerechtfertigt zu haben, denn erstens existiert gerade mal eine bekannte Komposition, die das Melophon als Orchesterinstrument nutzt, und zweitens war der Hype dann doch relativ schnell vorbei und die Produktion wurde im folgenden Jahrhundert nicht fortgesetzt.

Dass das Melophon / die Pseudoorgel ein Identitätsproblem hat, zeigt sich nicht zuletzt an der Tatsache, dass es sich hinter zwei unterschiedlichen Namen versteckt, von denen keines einen Hinweis auf seine wahre Herkunft gibt. Tatsächlich gaukeln beide Namen Verwandtschaften vor, die so gar nicht existieren. Und das Melophon, der Name, unter dem es außerhalb des französischen Sprachraumes firmiert, ist der größte Schummelversuch von allen: Dieser  Name ist nämlich schlichtweg geklaut. Es gibt bekanntermaßen noch ein weiteres Instrument, das diesen Namen führt und das um ein Vielfaches häufiger anzutreffen ist, als unser aufgeblasener Cellokoffer hier. Das „andere“ Melo- oder auch Mellophon ist ein Blasinstrument, das sich, im Gegensatz zur Pseudoorgel sogar heute noch einer gewissen Beliebtheit erfreut.
Was also stimmt nicht, mit dem Melophon? Hat es irgendwann bei einem Geigenbauer einen Wartungsvertrag unterzeichnet, sich dann vor der Zahlung gedrückt und ist nun gewissermaßen auf der Flucht vor seinen Gläubigern? Daher die gefälschten Papiere? Oder steuern wir einem dieser Namens-Urheberrechtsprozesse entgegen, wie sie von Bands oder Firmen immer wieder geführt werden?  Als der Komponist und Musiker Giulio Regondi auf einer Konzertreise in den Jahren 1840-1841 eine Konzertina als Melophon ankündigte, schien sich ebenfalls kein Mensch zu veräppelt zu fühlen. Kein Wunder: Auch die Konzertina schmückte sich gelegentlich mit diesem Namen. Vielleicht sollten wir aufhören, die Bezeichnung „Melophon“ als wirklichen Namen, sondern vielmehr als Klangbeschreibung zu sehen. Alles, was süßlich klingt, darf sich ab sofort als Melophon bezeichnen. Es wundert sich ja auch kein Mensch, warum so ziemlich jeder, der auf irgendwelchen Parties für die Mukke sorgt, mit Vornamen DJ heißt.
Seit Neuestem geistern ja diese Gentests durch das Internet, mit deren Hilfe tiefschwarze Blogger aus Mittelamerika herausfinden, dass Sie eigentlich schneeweiß sind und aus Schwerte-Ergste stammen, oder blondierte Beauty-Bloggerinnen mit derartigen Mengen an Highlighter auf den Wangen, dass sie ihre Softboxen eigentlich ausschalten und einen Haufen Strom sparen könnten, erfreut feststellen, dass sie zu 50% vom Neandertaler abstammen, was ihre Neigung, Dinge aus der Drogerie einzusammeln und quasi für den nächsten Winter in ihre Höhle zu schleppen, erklärt. Vielleicht wäre das ja eine Möglichkeit, die Identitätskrise zu beenden und das Pseudo-instrument in ein echtes zu verwandeln. Mit einem eigenen Namen, der mit etwas Glück sogar verrät, worum es sich eigentlich handelt, bei unserem Cellokoffer.


 Nö, ich komm hier nicht raus. Dann mach halt die Türe zu, mir doch egal!

 Der Nachteil am Landleben.... viele, viele, viele Blätter :)

Freitag, 10. November 2017

Wer hat die Längsten? Paganinis geheimnisvolle Finger

Wenn man den Sportler Oscar Pistorius erwähnt, muss man aufpassen, nicht in Diskussionen verwickelt zu werden, die man so gar nicht führen wollte, zu viele Geschichten und Schlagzeilen ranken sich um den Mann mit der Beinprothese. Dabei sollte es genau um diese Sache gehen: Die Prothese, beziehungsweise die Diskussion, die ausgelöst wurde, als er begann, wirklich erfolgreich zu werden und andere Sportler ohne Gadgeto-Beine aus dem Rennen zu drängen. Die selben Stimmen, die ihm zuvor aufgrund der Beinprothese nichts zugetraut hatten, erzählten plötzlich etwas von unlauterem Wettbewerb und Vorteilen, die sich aus High-Tech-Gliedmaßen ergeben. Dass man auch mit einem künstlichen Bein selbst rennen muss, anstatt sich tragen zu lassen, war kurzfristig aus den Köpfen verschwunden und bescherte seinem Kollegen Markus Rehm ähnliche Probleme. Kann er nun weiter springen, weil sein Bein einfach elastischer ist, als meines? Oder bin ich ganz einfach ein Leben lang eine Niete gewesen, was Leichtathletik betrifft? Wer weiß es? OK, ich verrate es an dieser Stelle: Ich bin die Leichtathletikniete. Zwar bin ich ausdauernd und schaffe locker 15 Kilometer auf dem Crosstrainer, brauche dafür allerdings auch gute 1 ½ Stunden, wenn nicht mehr. Was die Geschwindigkeit angeht, gehöre ich also mehr in die Kategorie Tranquila Trampeltreu. Da würde vermutlich auch kein weiteres Bein mehr helfen.
Vorsprung durch Technik? Werden wir irgendwann alle als Cyborgs durch die Gegend stiefeln (was ja nicht schlecht sein muss, wie man anhand von Cochlea-Implantaten oder subrenitalen Sehprotesen erkennen kann) und über unsere ausfahrbaren Gadgetofinger Dinge erledigen können, an die wir heute noch nicht einmal denken? Werden Kinder später in der Schule darüber lachen, was für lahme Veranstaltungen Typen wie Liszt damals lieferten,  damals, in der alten Zeit, als man noch mit den eigenen Fingern spielen musste. Armes unterentwickeltes präcyborgianisches Europa. Nee, ehrlich. Arme Säue, die Musiker von früher.
Meine Schulfreundin Hermine (natürlich hieß sie nicht wirklich so, allerdings war sie ungefähr genauso drauf, also auch eine dieser Über-Schülerinnen, die grundsätzlich alles wussten und konnten) hatte geradezu wahnwitzig weit überstreckbare Fingergelenke. Den Zeigefinger mal eben nach oben über den Handrücken zum Handgelenk zu biegen war ein Klacks für sie, was dazu führte, dass sie Klavierstücke mit für unsere damaligen Verhältnisse bahnbrechender Geschwindigkeit auszuführen wusste, da sie, ihrer Abspreizakrobatik sei Dank, Intervalle greifen konnte, die wir mit unseren Kinderhänden damals nur hüpfend erreichten, was entsprechend mehr Zeit zur Zielanpeilung in Anspruch nahm. Irgendwann wuchsen unsere Hände dann auf Erwachsenengröße heran und der Gummifingervorteil war Schnee von gestern, aber mal ganz im Vertrauen: Wenn es ums Musizieren geht, befindet man sich ganz eindeutig auf einem der wenigen Gebiete, auf denen es sich klar lohnt, den Längsten zu haben. Selbst als Frau.  Klar, auch hier ist es mindestens ebenso wichtig, wie man damit umzugehen weiß, aber tatsächlich ist es doch so: Je länger und elastischer die Gliedmaßen, desto weiter und verworrener die Greifmöglichkeiten und desto fordernder dürfen dann eben auch die Stücke sein. Und wenn es auf dem Markt nichts gibt, was verteufelt genug ist, dann setzen wir uns mit unserem gehörnten Kumpel von der unterirdischen Heizgesellschaft an einen Tisch und arbeiten eigene Sachen aus. Mit dem Spinnenfingerteufel im Bunde zu sein ist ein großer Schritt auf dem Weg zur Weltherrschaft. Oder sagen wir mal: Zumindest zum Weltruhm.
Derjenige, der ein Vermögen damit gemacht haben könnte, ist der berühmteste Geiger seiner Zeit: Niccolo Paganini, der der Ansicht seiner Zeitzeugen zufolge mit dem Teufel im Bunde war, so dass sich die Frage nach seiner Beerdigung später zu einem größeren Problem auswachsen sollte. Nachdem Paganinis Leichnam etwa 40 Jahre nach dem Tod des großen Geigers tatsächlich in geweihter Erde bestattet werden durfte (mich interessiert ja, wo sie den Kerl in der Zwischenzeit gebunkert hatten, in einer Zeit, in der man üblicherweise weder einen Kühlschrank zuhause hatte, noch den Großvater zwischen den Salatgurken lagern wollte), hatte die Spukgeschichte um seinen Erfolg zwar ihren Schrecken verloren, das Rätsel um seine langen Glieder war jedoch bei weitem nicht gelöst. Kaum war die Sache mit dem Teufel vom Tisch, begann man daher nach anderen Ursachen für seine erstaunliche Gelenkigkeit zu suchen, und stieß dabei auf das Marfan Syndrom, das glücklicherweise vergleichsweise selten vorkommt: Etwa drei von 100 000 Menschen haben damit zu kämpfen. Mit dem Teufel kämpfen vermutlich weitaus mehr. Auf den ersten Blick passen viele der typischen Marfan-Syndrome auch auf unseren Teufelsgeiger: Große, lange Gliedmaßen (besagte Spinnenfingrigkeit) mit der entsprechend auffälligen Körpergröße, Hyperflexibilität der Gelenke, Dolichocephalie (Langschädeligkeit) und ein paar weitere Unannehmlichkeiten, wie eine Neigung zu Aneurismen, also Gefäß- und damit auch Herzgefäßproblemen, ein übermäßig schmaler Kiefer mit den aufgrund des Platzmangels entsprechend schiefen Zähnen, sowie Skoliose und andere Veränderungen an der Wirbelsäule. Na dann, gehen wir die Liste mal durch:
Lange Finger – check.
Überdehnbare Gelenke – check.
Hoher Wuchs und vergleichsweise dünne Gliedmaßen - *Häkchensetz*
Zahnprobleme – ja, die können wir auch abhaken, der arme Mann litt an Liefernekrose, der Knochen löste sich also auf, was den Zähnen keinerlei Halt mehr bot.
Aber ist all das ein Beweis für das Marfan-Syndrom, das ihm seitdem immer wieder nachgesagt wird? Wer sich gerne mit solchen Spielchen auseinandersetzt, dem sei Kerners Krankheiten großer Musiker ans Herz gelegt, darin kann man stundenlang stöbern und rätseln, welcher Tenor wohl an welcher Krankheit über den Jordan gegangen ist. Dass allerdings gerade Anomalien, welche die Schädelform betreffen, zu Nachteilen führen können, zeigen die Zahlreichen Schädelvermessungen und damit verbundenen Kategorisierungen, wie sie besonders im 3. Reich gerne verwendet wurden. Wer auch diesbezüglich gerne etwas für lange Abende hätte, findet in Tod den Idioten die passende Lektüre. So gesehen kann unser gewissermaßen Teufelsgeiger froh sein, früh genug gelebt zu haben, um von derartigen Messungen verschont geblieben zu sein.
Einen Langschädel, wie er im alten Ägypten als schick galt, hätte Paganini vermutlich unter einem Zylinder versteckt, daher scheint dieses Sympton wohl nicht besonders ausgeprägt gewesen zu sein und auch andere Messungen ergaben, dass seine Gliedmaßen zwar lang, jedoch durchaus noch im Bereich des möglichen waren. Weitervererbt scheint er es auch nicht zu haben – das Marfan-Syndrom gehört also mit ziemlicher Sicherheit ebenso ins Reich der Mythen und Legenden, wie die Sache mit dem Teufelsbund, wobei es um diese ja eigentlich schon fast schade ist, so schön wie sie auf sein Leben gepasst hätte... immerhin sagte man ihm ja auch eine ausgesprochen kriminelle Vergangenheit (einschließlich eines Mordes an seiner Geliebten) nach. Bram Stokers Roman Dracula erschien zum Glück erst knappe 50 Jahre nach Paganinis Tod, sonst hätte man sich mit der Vampirsache vermutlich auch seine außergewöhnliche Blässe, sowie seine überwiegend nächtliche Tätigkeit erklärt... vielleicht hat ja jemand Lust, die Gerüchteküche ein bisschen anzuheizen und die Vampirgeschichte zu verbreiten? Ich wäre auf jeden Fall dabei :)
Nachdem die Marfan-Geschichte nun auch abgefrühstückt war, begannen großangelegte Untersuchungen an Paganinis Überresten, bei welchen selbst Dinge wie Milbenfraß an der Haarstruktur protokolliert wurde, was ich persönlich jetzt bei einer 180 Jahre alten Leiche nicht wirklich bahnbrechend finde, aber ich bin ja auch kein Nekrologe oder Paganiniforscher oder sonstiges.
Dass man als Todesursache Syphilis oder eine Quecksilbervergiftung (oder eine Quecksilbervergiftung durch die Behandlung der Syphilis) vermutet, reißt vermutlich niemanden vom Hocker. Abgesehen davon, dass Syphilis damals tatsächlich schon deshalb verbreiteter war als heute, weil man mit den Symptomen zunächst nichts anzufangen wusste, sie für eine Grippe hielt und hinterher vermutlich erst recht nicht zum Arzt ging, weil man gesellschaftlich durch das Raster gefallen war, sobald die Sache publik wurde, starb so ziemlich jeder Komponist dieser Zeit, der etwas auf sich hielt, an einer der drei Lieblingsursachen: Syphillis, Quecksilber oder Blei, wobei ich diesmal nicht auf eine Schießerei hinauswill, sondern auf die Bleibelastung des Trinkwassers durch die entsprechenden Rohre.
Was aber war nun die Ursache für Schmidtchen Paganinis elastische Beine Finger? Eine weitere Krankheit, die sich in einer Störung des Bindegewebes manifestiert, eine Art Über-Cellulite sozusagen, die nicht nur für schlaffe Oberschenkel, sondern auch für die entsprechende Haut- und Sehnenstruktur ist das Ehlers-Danlos-Syndrom das in unterschiedlichen Stärken vorkommt und tatsächlich weiter verbreitet ist, als man aufgrund des doch relativ unbekannten Namens vermuten möchte. Tatsächlich zähle ich sogar selbst zu diesen Leuten (Typisches Zeichen für meinen Typ: Ich kann mit meiner Daumenspitze meinen Unterarm berühren (und ehe ihr jetzt alle „ich auch!“ ruft: Ich meine den Arm desselben Daumens), die obersten Fingergelenke um 90° in die verkehrte Richtung biegen und meine Handflächen auf dem Rücken gegeneinander pressen. Nur, und damit kann ich vermutlich die gesamte Theorie vom unfairen Wettbewerbsvorteil aufgrund irgendwelcher krankheitsbedingten Superkräfte in die Tonne kloppen: Ich kann trotz Allem noch lange nicht Geige spielen. Von „Alle meine Entchen mal abgesehen“, aber das bekommt man vermutlich auch ohne Ehlers-Danlos-Syndrom hin. Selbst, wenn man nicht Paganini heißt.